All photos are Copyright 2018. Unauthorized use is prohibited.

Pre-Production – Der Ort wo immer etwas passiert (Larissa)

Draft V0.5

Mein Ziel ist es immer wieder Bilder zu machen, die vor Nähe nur so knistern, die aber kein bisschen voyeuristisch daherkommen.

Meine Bilder sollen immer ein wenig zufällig wirken, fast so, als hätten die Models nicht damit gerechnet, dass sie gerade in dem Moment abgelichtet werden. Und. Mich faszinierte schon immer mehr das, was ich nicht sehe, als was ich sehe. Deshalb haben meine Bilder häufig starkes Gegenlicht.

Still sitzen wir nebeneinander auf dem Balkon und niemand kann auch nur ein Wort sagen. Die Sonne scheint, aber das muss ein Irrtum sein. Alle haben gesagt, es wird regnen, den ganzen Nachmittag. Und dann regnete es auch, zehn, vielleicht fünfzehn Minuten lang, und deshalb sind da kleine Pfützen auf dem Hocker, auf dem meine Füsse liegen.

Ich starre. Geradeaus. Auf die gegenüberliegende Hauswand. Offene Fenster, wehende Vorhänge, ich überlege, aus welchem Fenster diese trübseligen französischen Chansons zu uns herüber wehen, aus welchem das Rauschen eines Staubsaugers. Vielleicht beides aus dem gleichen. Der Wind trägt den Geruch von Härdöpfeldätschli heran, mit viel Öl in einer beschichteten Pfanne gebraten, auf jeder Seite eine bestimmte Anzahl von Minuten, solange „bis sie goldgelb sind“, wobei man sich nie ganz sicher sein kann, wann genau der schönste Goldgelbton erreicht ist. Zu schnell wird aus goldgelb goldbraun, aus goldbraun dunkelbraun und aus dunkelbraun noch schneller schwarz, wenn man es darauf ankommen lässt. Aber dann würde es jetzt anders riechen. Und selbst wenn. Ich mag sowieso keine Härdöpfeldätschli.

Du siehst in den Himmel, auf den Boden, aus den Augenwinkeln zu mir herüber, und als sich unsere Blicke treffen, zucke ich zusammen. Du atmest aus, es klingt wie ein Seufzen. Die Sonne ist so hell, fast könnte man es unerträglich nennen. Auf der gegenüberliegenden Hauswand werden Fenster geschlossen, Vorhänge zugezogen, noch immer die gleiche Musik, das Staubsaugerrauschen, jetzt weiss ich, woher es kommt, nur ein Fenster ist übrig. Ein Frauengesicht mit einem um den Kopf gewickelten Handtuch erscheint kurz im Fenster und verschwindet wieder. Dann ist die Musik aus, nur das Staubsaugerrauschen hält an. Und du senkst den Blick und suchst nach Worten, als lägen die richtigen dort auf dem schmutzigen Balkonboden verstreut. Und sagst nichts. Niemand sagt etwas, was auch.

Vorhin, da bin ich einfach gegangen, einfach abgehauen, du standest du in der Küche und sortiertest Geschirr in die Schränke, und ich warf die Tür hinter mir zu und rannte die Treppen hinunter und konnte dann schon nicht mehr, und dann setzte ich mich raus und es begann zu regnen und ich ging rein, kaufte mir einen Kaffee und verbrachte Stunde um Stunde damit, andere Menschen zu beobachten, so lange, bis der Regen aufhörte.

Und jetzt, hier mit dir. Du beginnst zu erzählen und als du anfängst zu reden, betrachte ich die Haare auf deinem Unterarm, irgendwie blond und gold, genau der richtige Goldgelbton, und ich denke, vielleicht ist das hier das einzige, was richtig ist, die Kombination von dir und mir.

Und wie du jetzt da sitzt und nach Worten ringst und mir erzählst, dass du denkst, du bist vielleicht nicht die Richtige, da muss ich ein bisschen lachen, weil das so albern ist. Und als ich dir das sage, da lachst du ein bisschen mit.

Das Staubsaugerrauschen verstummt, neue Musik kommt aus dem offenen Fenster an der gegenüberliegenden Hauswand. Und wir sitzen da und lachen ein bisschen, weil doch irgendwie immer alles gut werden wird.