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Er hört das Lied und sieht einer Kerze beim Herunterbrennen zu

Die Fenster der Wohnung sind offen. Die kühle Luft ist eine Einladung, doch noch einmal nach draussen zu gehen, eine Einladung zu mehr Luft, er lässt alles liegen, zieht die Tür zu und geht noch einmal auf die Strasse. Aus dem Café nebenan dringt ein süsslicher Duft von Beeren und Bonbons.

Er zieht weiter, mit dem Nichts im Blick und dem Alles auf den Schultern. Er geht mit der Geschwindigkeit derer, die nichts zu verlieren und nichts zu gewinnen haben. Er geht ohne Ziel, die Füsse werden finden, was die Augen nicht sehen, wovon der Kopf nicht weiss, dass das Herz es sucht.

Bald kommt er zum Park, duckt sich an Büschen vorbei und geht über den Sand zum Kinderspielplatz. Er setzt sich auf eine Schaukel, fährt mit den Händen die metallenen Ketten entlang, lässt die Füsse baumeln, pendelt sachte hin und her, holt Schwung, ganz vorsichtig, dann immer mehr, bis er mit der Nasenspitze die Bäume spürt und mit den Fussspitzen die Wolken treffen kann, bis es kribbelt in seinem Magen und der Wind in seinen Ohren rauscht.

Als alle Wolken zerplatzt sind, aller Schwung verbraucht ist, schaukelt er aus, zieht mit den Füssen Spuren in den weichen Sand, spürt den Beginn der Wiese und muss weitergehen.

Ziellos fotografiert er die Strassen, ein Blaulicht und eine Laterne, die mit einem Baum verwachsen ist, die Kneipe am Ende der Strasse hat noch auf, er geht hinein. Ein leises Murmeln liegt über den Tischen, an der Bar ist noch ein Hocker frei. Er setzt sich, öffnet den Reissverschluss der Jacke, und das ist der Moment, an dem er sich noch in hundert Jahren erinnern wird. Weil es nur auf halber Reissverschlusshöhe passieren kann, dass genau das Lied anfängt, das das einzig richtige ist für diesen Abend.

 

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