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Und so hört alles auf

Alles, was ich hatte, war eine ungelesene Nachricht in meinem Postfach. Das warst Du, damals.

Die besten Ideen hat man manchmal spät in der Nacht. Wenn man Nachrichten schickt, hin und her, erst zögerlich, bis sich alles verdichtet, dann gespannt nur noch darauf wartend, dass das Display leuchtet, dieses “Pling” das eine neue Nachricht ankündigt, irgendwann begreifend, dass da wieder etwas ist, was Jahre her ist, was vorbei schien, man will es fassen können und dann festhalten, umarmen, und sei es nur für eine Nacht, bis man zitternd auf “anrufen” tippt, die Sekunden zählt bis zu einem “Hallo.” am anderen Ende der Leitung, die ganze Nacht lang heiser lachend telefoniert. Und plötzlich begreift, dass es nicht nur ein Schein, sondern wirklich alles möglich ist. Noch bevor wir auflegen, packe ich, ein T-Shirt, die Zahnbürste, ein Notizbuch, alles in einen Seesack, wir legen auf, ich renne zum Bahnhof. Ich sitze im Zug. Ich sitze im Flieger. Acht Stunden sind es bis zu dir. Ich höre Musik, sehe aus dem Fenster, Notizbuch, schreiben, doch nicht. Ich bin müde, nicke ein. Eine neue Playlist. Der Flieger landet und alles ist wieder da, die Stadt, die Leute, ich mittendrin, ich hatte vergessen, wie sich das anfühlt, hatte vergessen, wie es ist, dich zu sehen, wie du gehst, deine Augenfarbe, deine Augenbrauen, deinen Mund, es ist Jahre her, du bist dreissig Zentimeter weit weg und mir zieht es den Boden unter den Füssen weg, ich hatte vergessen, wie es ist, wenn du mich ansiehst. Wir fahren Subway, lehnen seitlich neben der Tür, ich links, du rechts, fünf Stationen.

Du liegst neben mir, deinen Kopf auf meinem Bauch. Weisst du, wie verliebt ich damals war? Du schaust mich an, in deinen Augen spiegelt sich die Lampe, die in der Zimmerecke steht, sie ist neu, jedenfalls neuer als ich, sie wirft einen grossen eckigen Schatten auf den Boden. Ich trinke noch einen letzten Schluck, dann ist das Glas leer, du gehst zum Kühlschrank.

Ich drehe mich auf den Bauch und sehe dir nach und denke mir so wenig wie möglich, reisse meinen Blick los, greife mir eines der Bücher, die neben deinem Bett liegen, James Joyce, ich rufe wolltest du Ulysses nicht damals schon lesen? Ich blättere die Seiten durch, suche die Stelle, an der ich in einem Anfall von Entmutigung ausgestiegen bin. Zehn Uhr. Neben dem Bett stehen zwei volle Gläser, in der Zimmerecke liegt Ulysses, den Rücken nach oben, die Seiten zerknautscht. Dreizehn Uhr. Wir gehen aus dem Haus, händchenhaltend (händchenhaltend?!), die Strasse entlang zur Brücke, wir reden nicht viel, trinken einen Kaffee und essen ein Stück Kuchen, da, wo wir uns zuletzt trafen, es ist wieder wie damals und wieder im Sommer, die Geschichte wiederholt sich, wir könnten sie neu schreiben, jetzt und ab heute unendlich. Unendlichkeit hat keinen Anfang. Wir tun es nicht. Siebzehn Uhr. Wir verabschieden uns, als würden wir uns morgen schon wiedersehen. Ich sitze in der Subway und höre Musik. Die neue Playlist. Die Stadt, die Leute, wie du gehst, wie du aussiehst, wie es ist, wenn du mich ansiehst, zehn Stunden, auf dem Flug löst sich alles auf. Es gibt nicht einmal ein einziges Foto von uns, weder von damals noch von heute. Wir haben nie eins gemacht, ich frage nicht, warum. Alles, was wir hatten, war immer unendlich. War immer wahrhaftig. Für dich, für mich, brauchte es keinen Beweis. Deshalb gibt es keinen. Keinen Beweis, dass alles, was war, wahr war.

Alles, was habe ist eine ungelesene Nachricht in meinem Postfach. Das bist du, heute. Und so hört alles auf.

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