I keep dreaming on

Wäre das Heute mir nicht so unendlich fremd und das Gestern so verdammt nah, gäbe es ein Morgen. Doch wohin mit Morgen, wenn es nebulös scheint, wenn es verwischt, vor dem ersten Grauen? Plötzlich ist ein Monat vergangen, ein weiterer und ich werde fast taub vom Ticken der Uhr, dieser scheusslich runden Scheibe, die weder Anfang noch Ende kennt.

So ergeht es uns. Falls wir einander nicht mehr sehen, hören und fühlen können, woher wissen wir ob der Andere noch da ist und wie könnten wir nach ihm suchen?

Als stünden wir im Nebel…

Wenn das vorbei ist, werde ich nie mehr stehen bleiben, keinen einzigen Augenblick mehr, es sei denn: mit dir.

 

I’ve been missing your love, love, love
I’ve been missing your love, love, love

Vapor trails apart, reaching out for your touch
They’re fading ’til they’re gone
But I keep dreaming on

(Dreaming on)
I keep dreaming on

[?] us…

I’ve been bleeding I want someone
I’ve been feeding your constant call

Vapor trails above, reaching out for your touch
They fade until they’re gone
But I keep dreaming on

(Dreaming on)…
[?] us…
I keep dreaming on

 

 

 

 

Du weisst nicht, wie sich Stille anfühlt

Die Lampen glitzerten in der Abendsonne. Die kahlen Bäume versanken in weichem Licht. Es wehte ein Wind, die Art von bewegter Luft, die etwas verhiess, ohne etwas zu versprechen, in der ein wenig Pathos lag, und dort lag er zu Recht. Denn weit ausserhalb der Stadt, im Garten eines winzigen Hauses, war nichts wie immer. Dort, auf einem Stück Boden von fünfhundertfünzig Quadratzentimetern, stand eine Frau mit der festen Absicht, der Unvernunft zu begegnen.
Sie war geflüchtet. Sie hatte keine Jacke mit nach draussen genommen, sie trug nur ein Sommerkleid, und sie trug es wie einen leisen Protest, wie einen Aufstand gegen den nahenden Winter. Sie hatte die Schuhe ausgezogen, ihre Füsse versanken in der kalten Erde, sie legte den Kopf in den Nacken, sog die Luft ein.

Sie ging einige Schritte weiter, setzte sich auf die Mauer am Rande des Gartens, hielt ihr Glas mit beiden Händen fest und zwang sich, zu denken.

Sie grub ihre Zehen zwischen die Moosschichten. Vielleicht war es wieder einmal Zeit für eine Reise, wieder einmal Zeit für eine andere Stadt. Sie dachte zurück, an die Zeit, als sie in diese Stadt gezogen war, dachte an den Hunger, diese bodenlose schwarze Gier, die sie mitgebracht hatte, damals, und daran, dass sie jetzt doch endlich satt sein sollte. Aber es hörte nie auf. Und alles, was blieb, war ein ständiges Pendeln zwischen Gier und Erbrechen. Die Stadt ist ein Fluss zwischen allen Extremen. Und löste sich in diesem Moment in Lichtern auf am Horizont.
Sie sah sich um. Die Uhr stand auf halb sechs, es dämmerte.. Sie zog einen schwarzen Stift aus ihrer Tasche und fing an.

 

Sie hatte Zeit.

Lights will guide you home

When you try your best, but you don’t succeed
When you get what you want, but not what you need
When you feel so tired, but you can’t sleep
Stuck in reverse
And the tears come streaming down your face
When you lose something you can’t replace
When you love someone, but it goes to waste
Could it be worse?
(Coldplay)

Die letzten Monate waren keine leichte Zeit. Zu viel Arbeit, zu viele Anforderungen, zu viel Stress, zu viele Gedanken. Im Gegenzug: Zu wenig Zeit, zu wenig Herzensprojekte, zu wenig Spontanität, zu wenig Spass.
Ich habe beschlossen:

Nein.

Ab jetzt nicht mehr. Seit Tagen entrümple ich mein Hirn, atme durch, mache es mir und meinem Herzen leichter.

Wie alle Menschen hatte ich auch während meines bisherigen Lebens Vorstellungen und Träume. Manches davon habe ich mir selbst erfüllt, manches ist mir geschenkt worden. Vieles war unerreichbar oder war mir, kaum erreicht, wieder aus den Händen gerissen worden.

 

Aber er ist immer noch alles da.

 

Es gibt zwei Arten sein Leben zu leben: entweder so, als wäre nichts ein Wunder, oder so, als wäre alles eines. Ich glaube an Letzteres.
(Albert Einstein)

Lights will guide you home

 

 

Einer dieser Abende

Ganz allein, nur ich und der letzte schluck Rotwein. Dieses Lied und eine Zigarette.

Der Himmel, die frische nach-Regen-Luft.
Gedanken.
Erinnerungen.
Pläne und Wünsche.

Kleine Zettel überall auf dem Schreibtisch.
Einer dieser Abende. Denken und träumen und schreiben und ich sein, ohne Filter.
Die Stille der Nacht und meine Worte, ganz laut.

Der Himmel sieht aus wie gemalt und mir fehlen die Worte. Wie seit Wochen schon. Ich kann die Sätze, die ich fühle, nicht formen, nicht fassen.

Am Horizont flackert es schon wieder hell, es donnert und grummelt.

Die Vögel zwitschern.

Ich brauche Zeit zum Vermissen, Zeit zum Ankommen. Und zwischendurch brauche ich Zeit, um zu fühlen, zu verstehen, sacken zu lassen. Ich muss sortieren, begreifen, einordnen, Schubladen schliessen, um endlich darüber schreiben zu können.

Denn dann wird es besser. bestimmt.

Viel Kaffee und Musik.
Innehalten, ein Schritt nach dem anderen.

Alles scheint zu funktionieren, fast automatisch.

Die Zeit fliegt

Seltsam, wie die Zeit fliegt.
Tage vergehen wie im Rausch, im Traum.
So viele Momente und immer dieses Gefühl im Bauch und immer diese Fragen.

Dinge ausgesprochen, so klar und deutlich wie noch nie. Ganz laut; ohne den Hauch eines Zweifels in der Stimme.

Durch das kleine Dachfenster in den Himmel gucken. selbst die Wolken haben es heute eilig.

Das seltsame Gefühl breitet sich im ganzen Körper aus.

Aus dem Wohnzimmer dringen Chopin-Fetzen zu mir hinauf. Ich sitze in meinem Lieblingssessel.

Der Stift tanzt über das weisse Papier, wird schneller, im Takt der Musik, dreht Pirouetten, schwebt.

Punkt.
Und wieder ziehen Bilder rechts und links an mir vorbei und ich bin ganz leicht.
Innen drin.
Das gibt mir Kraft und Sicherheit.
Egal, was kommt. Egal, was bleibt.

Deswegen lasse ich mich einfach fallen, ins Leben, mitten hinein.

Und dennoch will ich an diesen Ort, den es nicht gibt.

 

Wo lernen wir
uns gegen die Wirklichkeit zu wehren
die uns um unserer Freiheit
betrügen will
und wo lernen wir träumen
und wach sein für unsere Träume
damit etwas von ihnen
unsere Wirklichkeit wird?
(Erich Fried)

 

Das Bild ist aus der Zusammenarbeit mit Michael entstanden.

Ich bin unglaublich glücklich, Michael kennen gelernt zu haben. Zum einen weil er mir als Künstler viel über Ästhetik und Philosophie erzählen kann und ich ihn sofort als Co-Autor für mein Buchprojekt begeistern konnte und zum anderen weil er mir als Mensch in den wenigen Wochen sehr ans Herz gewachsen ist. Die Gespräche mit ihm sind unglaublich wertvoll und gleichzeitig für mich und meine fotografische Entwicklung sehr inspirierend.

Was ich mit dir bin

Bei dir sein wollen
Mitten aus dem was man tut
weg sein wollen
bei dir verschwunden sein.
(Erich Fried)

Manchmal fürchte ich, du könntest nur in meinem Kopf existieren, könntest eines dieser Hirngespinste sein, die man eben so mit sich herum trägt wie Tagträume und Schutzschilder, manchmal fürchte ich mich, was zwischen uns passiert, ob nun tatsächlich oder vielleicht auch nur in meinen Gedanken, ich weiss das hin und wieder nicht zu sagen. Dann wieder ist dein Kuss so real und dein Lächeln und dein Geruch, der an mir hängt und den ich festhalten will mit Inbrunst und ein bisschen Wut, die vielmehr Angst ist, als sonst irgendetwas; dein Duft und dein Lächeln und deine Hände in meinem Nacken, ich will sagen: da gehören sie hin, genau da gehören sie hin, doch dann schlägt die Realität zu und holt mich auf den Boden der Tatsachen zurück, ins Hier und Jetzt – du nicht da, dein Lächeln in meinem Kopf und deine Hände weissgottwo, du nicht da, dein Lächeln in meinem Kopf und meine Gefühle weissgottwo, in einem Traum, durchgeschüttelt von Emotionen.

 

 

There is no pain you are receding
A distant ship smoke on the horizon.
You are only coming through in waves.
Your lips move but I can’t hear what you’re saying.
(Pink Floyd)

Du bist immer die Antwort

Im Traum durch die Dunkelheit fliegen.
Auf dem Fahrrad sitzend an der Nachtluft festhalten, die viel sanfter mit uns ist. Einen einzigen Augenblick den ganzen Weg entlang erinnern, wieder abspielen, noch mal durchgehen, mitsprechen und dann mit in den Traum nehmen.
Später.
Nachdem das Rad einfach noch ein paar Runden drehte und plötzlich Lieblingsmenschen auftauchen, die für noch mehr Traumstoff nach Mitternacht sorgen.

Mainächte sind doch die schönsten. Helles Dunkel gekühlt zu unseren Füssen. Auf Herzhöhe ist die Luft noch warm, lässt Gesichter glühen im dunkelblauen Himmelsschein. Dann der Takt und noch mehr Wärme. Irgendwo eine Musik.
Was bleibt ist Sie und sonst nichts.

Keine Sekunde kann ich vergessen, jedoch erinnert jeder Augenblick an etwas anderes.

Die Zeit ist vergesslich und sie weiss wohl warum.

 

Ein Bild aus der gemeinsamen Arbeit mit Poet Laval.

Michael
Du bist immer die Antwort.
Immer das Gegenstück.
Du bist der Text den ich schreibe.

Annina
du chasch cho, du chasch gah
du chasch aues vo mir ha
du chasch di uf mi verla
i bi immer für di da – ei tag länger aus für
immer
(Patent Ochsner)

Egal wie schnell man lebt

Egal wie schnell man lebt – das Leben ist uns doch am Ende immer zwei Schritte voraus, und bis wir erst einmal meinen, es eingeholt zu haben, ist es schon um die nächste Ecke verschwunden.

 

Prolog
Ich stapfe über die Brücke, die Hände in den Taschen. Es ist kalt, nachts um halb zwölf. Ich schlucke die Tränen runter, die entgegenkommenden Menschen sollen mich nicht heulen sehen. Warum hast Du mich nicht angefasst, den Arm um mich gelegt, wenigstens? Ich habe Dir die Stadt gezeigt bei Nacht, wir haben Cocktails getrunken und den Zügen nachgeschaut. Einmal habe ich Deine Hand genommen, du hast sie weggezogen. Jetzt bin ich wie ein Kind, wütend und frustriert. Es ist ein Fehler in mir, denke ich. Wie ein Webfehler in einem Teppich, immer bleibt man mit dem Finger daran hängen und kann es nicht mehr berichtigen.
Ich soll nicht immer alle Schuld bei mir suchen; mir nicht immer Vorwürfe machen, hat mir mal jemand gesagt. Jetzt erst begreife ich, was es damit auf sich hat: wenn ich alles Falsche in mir vermute, dann nehme ich dem anderen das Recht, seine eigenen Gründe zu haben. Gründe, die mir verborgen bleiben.

 

Abends ist der Bahnhof noch immer belebt, ich stehe neben einer Gruppe von Fussballfans und bin ziemlich sauer und ein wenig nervös. Ich hasse den schäbigen, dreckigen Bahnhof, ich hasse das Warten. Dann sehe ich sie, daumennagelgross, am Ende des Gebäudes. Ich laufe ihr entgegen, bin ganz gerührt von diesem Moment des Wiedererkennens. Sie nimmt mich in die Arme, sie ist warm und fühlt sich wunderbar an, sie riecht fantastisch und alles ist gut.

Wir gehen in die Stadt, Hand in Hand. Am Schönsten ist es, als wir zusammen in einen grossen Buchladen gehen, die Regale durchstöbern, einen Kaffee trinken und einander die Beute zeigen.

Du sitzt in meinem weissen Sessel. Du hast mich nach Hause gebracht, hast Dich nicht davon abbringen lassen, ich verstehe nicht, warum, oder was anders ist als in der Nacht, in der Du mich allein hast gehen lassen.
„Willst Du hier schlafen?“, frage ich Dich im Vorübergehen und verschwinde in der Küche; Dein verblüfftes Gesicht im Augenwinkel. Als ich zurückkomme, habe ich einen Spruch auf den Lippen, der uns beiden einen Rückzug ohne Gesichtsverlust ermöglicht, aber Du ziehst mich einfach zu Dir, greifst nach mir, lässt mich nicht mehr los und küsst mich, küsst mich.

Nacht. Morgengrauen. Morgen. Vormittag. Mittag. Früher Nachmittag.
Leidenschaft. Sex. Ekstase. Knutschen. Löffeln. Umarmen. Streicheln. Dösen. Reden. Zärtlichkeit. Sex. Schweiss. Rumschreien. Löffeln. Lachen. Dösen. Reden. Umarmen. Zärtlichkeit.

Es ist nicht der Sex, der bleibt. Es ist das Gefühl, umarmt zu werden, festgehalten, die Zärtlichkeiten. Und es fängt etwas in mir an zu heilen, in diesem Bett, mit Dir. Du bist sehr gut zu mir.
Auch in meinem Kopf rückt etwas gerade. Ich dachte, mein Leben wäre wie der Sternenhimmel, immer gleiche Sternbilder, Jahr ein, Jahr aus, und mir bliebe nichts, als sie zu beobachten, wissend, welchen Verlauf sie nehmen. Aber unsere Geschichte war nicht, wie sonst üblich, nach dem ersten Absatz zu Ende. Sie hat mich überrascht; es kam anders als gedacht.

 

Epilog
Die Zeit ist abgelaufen. Ich bringe sie zum Gleis und weiss, ich muss gehen, ohne mich umzudrehen. Ich hasse den Bahnhof. Das Bett wird noch ein paar Tage nach ihr riechen.
Ich ziehe mir den Mantel meines Alltags wieder an. Bin gelassener geworden, entspannter. Und um eine Erkenntnis reicher: dass es möglich ist, dass es Platz gibt in meinem Leben für jemand anderen, und dass dieser Platz einzunehmen ist ohne Mühe.

 

 

Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft

Wo wären wir ohne das Morgen? Wir hätten stattdessen das Heute. Und wenn es so wäre, wenn ich mit dir das Heute hätte, dann würde ich hoffen, dass heute der längste Tag wäre. Ich würde ihn mit dir füllen und alles tun, was ich jemals geliebt habe. Ich würde lachen, ich würde reden, ich würde zuhören und lernen, und ich würde lieben, lieben, lieben. Ich würde aus jedem Tag ein Heute machen und jedes Heute mit dir verbringen, und niemals würde ich mir Sorgen um morgen machen, um den Tag, an dem ich nicht bei dir wäre. Und wenn dieses gefürchtete Morgen für uns kommt, dann sollst du wissen, dass ich dich nicht verlassen und auch nicht zurückgelassen werden wollte – und dass die Augenblicke mit dir die schönsten Augenblicke meines Lebens waren.

 

Einen Text schreiben, wie der obige,
ist,
sich unendlich verlieben
und
fallen
und
wieder aufstehen
und
weiterrennen
und
irgendwo am Horizont die Liebe sehen wollen,
weil man sie sehen will.

 

Ein Glück, wenn man in den Flow kommt. Beim Hämmern von Nägeln kommt er leichter als beim Tippen von Worten, zumindest geht es mir so. Besonders fasziniert mich am Flow das momentane Verschwinden des Zeitempfindens. Es gibt nicht die Zeit, sondern wir sind selbst die Zeit.

Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Sie sollten alle gleich viel Aufmerksamkeit bekommen. Ich werde besser darin, auch das Stiefkind Gegenwart zu lieben. Wenn ich einen Augenblick lang den Wolken zuschaue, zum Beispiel, oder den Wind auf meiner Haut spüre. Wenn ich Musik höre, ganz bewusst. Wenn ich mich frei mache von Erwartungen.

 

Irgendwann wird morgen heute sein.

(Annina)