Siehst du, es gibt keine rationalen Argumente gegen Unsinn

Da sitze ich und bewege mich nicht. Seit etwa einer halben Stunde starre ich nach draussen. Es ist stürmisch und die Bäume tanzen. Der Wind heult.

Radio hören, mehr geht nicht. Ich könnte es mir gemütlich machen. Ich könnte noch ein bisschen arbeiten. Ich könnte schreiben. Ich könnte noch ein paar Dinge vorbereiten und erledigen.
Aber ich kann nicht. Es geht nicht. Seltsamer Zwischenzustand. Das Warten füllt mich ganz aus, fordert meine ganze Konzentration. Noch nie habe ich so aktiv gewartet. Mein kleiner Finger wartet, mein Bauch, meine Oberlippe. Alles ist gespannt.

Es ist schwer in Worte zu fassen, was in mir vorgeht. Alles. Und Nichts. Gefühle, Erinnerungen, Trauer. Vorstellungen von morgen, Träume, Vorfreude.

 

Nie mehr, und das für immer. Keine Zukunft, und die Vergangenheit bedeutungslos. Nein, kein Fremder kann so fremd sein wie ein Mensch, der einem einmal nahe war.

 

I keep dreaming on

Wäre das Heute mir nicht so unendlich fremd und das Gestern so verdammt nah, gäbe es ein Morgen. Doch wohin mit Morgen, wenn es nebulös scheint, wenn es verwischt, vor dem ersten Grauen? Plötzlich ist ein Monat vergangen, ein weiterer und ich werde fast taub vom Ticken der Uhr, dieser scheusslich runden Scheibe, die weder Anfang noch Ende kennt.

So ergeht es uns. Falls wir einander nicht mehr sehen, hören und fühlen können, woher wissen wir ob der Andere noch da ist und wie könnten wir nach ihm suchen?

Als stünden wir im Nebel…

Wenn das vorbei ist, werde ich nie mehr stehen bleiben, keinen einzigen Augenblick mehr, es sei denn: mit dir.

 

I’ve been missing your love, love, love
I’ve been missing your love, love, love

Vapor trails apart, reaching out for your touch
They’re fading ’til they’re gone
But I keep dreaming on

(Dreaming on)
I keep dreaming on

[?] us…

I’ve been bleeding I want someone
I’ve been feeding your constant call

Vapor trails above, reaching out for your touch
They fade until they’re gone
But I keep dreaming on

(Dreaming on)…
[?] us…
I keep dreaming on

 

 

 

 

Mehr Freiheit gibt es nicht

Ein paar Tage hältst du das Alleinsein aus, sehr gut sogar, zu gut vielleicht, der Antrieb ist kaputt, irgendein Kabel ist durchgeschmort, manch einer nennt das Depression aber wir halten uns über Wasser mit Ablenkung. In solchen Zeiten merkst du dann, wen du eigentlich wirklich gerne sehen würdest, oder besser: wen du nicht sehen magst; keine zwölf Pferde bringen mich vom Sofa, meine Ausrede hat Hand und Fuss und eine Erkältung, die ist gut gegen Gesellschaftsüberfluss und für Nachdenkzeit, für das Sondieren von Wichtigkeiten und das Runterkommen vom ewigen Tanzen auf zu vielen Festen, ich mag diese Ruhe ja, und damals, da hat einer gesagt: das bist doch gar nicht du, du bist doch gar nicht so, und er hat sich irgendwie mal nicht geirrt dabei, weil ich das ewige Getanze satt habe.

Und nun!

Wir warten nicht mehr, das Warten haben wir aufgegeben, lange schon, zu lange, um sagen zu können: nur ein Weilchen. Ein Weilchen, ein kleines bisschen nur, das war früher einmal, als wir noch dachten, dass das alles schnell wieder vorbei sein wird, dass es nur mal kurz eine Durststrecke ist, eine kurze Zeit, die wir uns vertreiben können mit Sommer und Sonne, mit Wind im Haar und Kuchen im Bauch, einen Lidschlag lang eben mal nicht im Höhenflug schweben. Mit den Tagen und Nächten wurden unsere Schritte schwerer und schwerer, die Füsse immer mehr zu Beton und die Gedanken erst recht. Und eines Morgens dann wachten wir auf und stellten fest, dass uns etwas an den Boden gekettet hat, dass uns etwas das Fliegen verweigerte, das Schweben und Taumeln und Loslassen, eines grauen Morgens kam mit dem Aufwachen die Erkenntnis. Oha, dachte ich, oha – während draussen eine Meise sang und ich die Hoffnung nicht aufgab.

Aufwachen und alles ist anders, du machst die Augen zu-auf-zu-auf aber es ändert nichts. Ist ja nicht schlimm, denkst du zuerst, ist ja nicht schlimm, nur eben neu, nur eben ein bisschen freakig so, aber hey, freakig kennen wir ja. Und dann kommt plötzlich die Erkenntnis in dein Hirn geschwappt, dass es mit einem einfachen Schulterzucken diesmal nicht getan ist, dass etwas in dir sich gewaltig verändert und damit auch alles drumherum; nein, aufzuhalten ist das nicht, aufhalten willst du das auch gar nicht, nur musst du eben ein bisschen Zeit aufwenden, um das alles im Ausmass zu verstehen. Im ganzen Ausmass, mit diesem umfassenden Oha! und ohne dein übliches Getue von Wird-schon-irgendwie. Zack, voll getroffen, komm, ruh dich ein bisschen aus, lass die Wunden ein wenig bluten und nutz die Zeit, um Kraft zu sammeln und Mut.

Und dann gehst du aus der Tür, du gehst ein Stück, ein Stück in der mittlerweile nicht mehr ganz so neuen, der freitags bei diesem Wetter nicht mehr ganz so verhassten Stadt, du folgst einem der wenigen Wege, die dir vertraut sind, du erreichst den Ententeich und du setzt dich in die Sonne, du ziehst die Schuhe aus und legst dein Notizbuch aufgeschlagen auf deinen Schoss, du nimmst den Stift in die Hand, und bevor du zu schreiben beginnst, sitzt du eine Weile da und beobachtest die Enten auf dem Teich, die emsig im Kreis schwimmen und darauf warten, dass jemand kommt und ihnen die Brotkrumen in den Hals wirft, und für einen kurzen Moment verschwindest du aus der Welt und als du zurückkommst, ist die Sonne noch da und kann es nicht lassen, dir feine Punkte um die Nase zu malen.
Und du weisst, etwas ist anders als früher. Die Dinge haben sich geändert, seit du zum letzten Mal hier warst. Die letzten Wochen haben einen anderen Menschen aus dir gemacht. Der Umbruch, fast immer kommt er so plötzlich, dass du dich von ihm überfallen fühlst. Von aussen betrachtet sieht alles so aus wie immer, doch innendrin ist alles alt und neu zugleich. Da sind die alten Zweifel, die alte Schwermut, das gute alte Chaos, dass überall seine Finger im Spiel hat. Die alten Vertrauten, die sich plötzlich konfrontiert sehen mit der neuen Zuversicht, der neuen Leichtfüssigkeit, mit der alles irgendwie funktioniert, mit der neuen Erkenntnis, dass letztendlich jeder den Inhalt seines Lebens selbst bestimmt.
Und du hältst für einen kurzen Moment die Luft an, als du denkst:

 

Es ist alles wieder gut!

 

Schau nach vorn,

denk nicht zurück,

bewahr die schönen Stunden Dir im Herzen,

atme durch und lieb das Leben denn Leben ist es, was für immer bleibt.

(Erich Fried)

 

Und!

Ich wollte einfach mal Danke sagen für alles.

Ich schliesse die Augen

Ich denke daran, wie es wäre, wenn ich meine Hand;
ich konnte es hier im Zug sitzend förmlich spüren, wie ich dich dann hochheben, gegen die Wand presse…

Ich mache „Hmmmmmm…“ und die ältere Dame mir gegenüber blickt irritiert zu mir herüber.

Einen Augenblick zapple ich noch unruhig auf meinem Sitz herum, blicke auf die Uhr (Herrgott, noch über eine Stunde!) und halte es nicht mehr aus.

Du hattest das Hotelzimmer organisiert. Du hattest mir die Adresse geschrieben und hinzugefügt, dass ich mich melden solle, sobald ich angekommen sei. Du hattest mir eine Liste der Dinge mitgeschickt, die ich einpacken sollte.

Ich lehne mich im Sitz zurück und schliesse die Augen. Unversehens schlafe ich ein, träume von ineinander verschlungen Gliedmassen, von teuflischen, endlosen Höhepunkten und animalisch schnellen Bewegungen, von tausend Zungen überall.
Als ich aufwache und die Augen öffne, blickt mich die alte Dame streng an. Ich rücke mich zurecht, fahre mir über die heisse Stirn und sehe zur Uhr. Okay, in 10 Minuten. Puh! Ich schnappe mir meine Tasche und gehe schon mal zur Türe.

Und nun sitze ich hier auf der Bettkante im Hotelzimmer und warte. Die Zeiger der grossen Uhr an der Wand rucken rhythmisch in die Stille hinein und mein Gedankensturm hat sich endlich gelegt.

Ich schliesse die Augen. Warte.

 

Kein Ton von dir. Ich schaue hoch zu dir, suche deinen Blick und ich finde ihn und endlich, endlich sehe ich die Lust in deinen Augen. Doch ich kann sie sehen, deine Lust und es beruhigt mich…

 

 

Ein Gemeinschaftswerk von Michael und Urs.

Wir bin gerührt und auch etwas stolz!