Siehst du, es gibt keine rationalen Argumente gegen Unsinn

Da sitze ich und bewege mich nicht. Seit etwa einer halben Stunde starre ich nach draussen. Es ist stürmisch und die Bäume tanzen. Der Wind heult.

Radio hören, mehr geht nicht. Ich könnte es mir gemütlich machen. Ich könnte noch ein bisschen arbeiten. Ich könnte schreiben. Ich könnte noch ein paar Dinge vorbereiten und erledigen.
Aber ich kann nicht. Es geht nicht. Seltsamer Zwischenzustand. Das Warten füllt mich ganz aus, fordert meine ganze Konzentration. Noch nie habe ich so aktiv gewartet. Mein kleiner Finger wartet, mein Bauch, meine Oberlippe. Alles ist gespannt.

Es ist schwer in Worte zu fassen, was in mir vorgeht. Alles. Und Nichts. Gefühle, Erinnerungen, Trauer. Vorstellungen von morgen, Träume, Vorfreude.

 

Nie mehr, und das für immer. Keine Zukunft, und die Vergangenheit bedeutungslos. Nein, kein Fremder kann so fremd sein wie ein Mensch, der einem einmal nahe war.

 

Is The Spring Coming?

Nach der Musik kommt die Nacht, nach der Nacht der Sonnenschein und du lächelst, weil dich jemand im Arm hält ohne Erwartungen und ohne Fragen. Nach der Musik kommt die Nacht, immer wieder, sie ist kalt wie deine Füsse auf dem Kies in diesen viel zu dünnen Schuhen und den viel zu leicht genommenen Küssen, du spürst dich nicht und dein Herz, es schlägt. Ja doch, nur wie lange schon, in diesem Takt, der nicht zur Musik passt oder vielleicht auch viel zu gut; der Soundtrack deines Lebens ein trauriges Saxophon, gespielt von einem traurigen Mann mit eiskalten Fingern bei drei Grad Celsius. Ein trauriges Saxophon und dein trauriges Herz.

Winter bei 20 Zentimetern Neuschnee und du auf einem einsamen Spaziergang in den Bergen.

Sonntag auf Montag

Manchmal ist dieser Übergang von einer Woche auf die nächste ein besonderer. Dieses Gefühl, das Vergangene noch ein wenig zu dehnen, indem man die Nacht von Sonntag auf Montag verlängert, den Sonntag länger verweilen lässt, als ihm eigentlich zustünde. Es ist, weil dieser Wochenübergang anders ist als all die Übergänge zuvor. Es wird etwas passieren, das steht fest, und von da an wird alles anders sein. Also koste ich diesen Sonntag aus, bis er Überstunden macht und neben mir im Bett liegt, übermüdet von all diesen Strapazen des Tages. Er musste mit mir im Bett frühstücken, dann zogen wir durch die Stadt, lagen in der Sonne auf einer Wiese, assen Eis, lasen Bücher und schrieben lange Texte. Er hatte Eistee mitgebracht, also setzten wir uns ans Flussufer und verweigerten uns: Dem Denken, den öffentlichen Verkehrsmitteln, den Grasflecken auf den hochgekrempelten Jeans, den Ameisen auf unseren Beinen, den Sonnenbrillenträgern, den Hundehaufen, den kruden Strassenbands, den Erdbeerverkäufern, den streunenden Junggesellen, den Politikneuigkeiten, die keine Neuigkeiten waren. Wir wollten nichts, und als wir das hatten, war das mehr als genug.

 

Später am Tag nahm ich eine Papiertüte, da hinein wickelte ich eine halbe Stunde Sonne und eine Scheibe Himmelblau. Zuhause versteckte ich sie ganz hinten im dunklen Vorratsschrank. Dort liegt sie nun. Damit auch im nächsten Winter einmal die Sonne scheint.

Dann war die Sonne weg

Es war Abend und die Welt tat, was sie zu tun hatte: weit draussen rauschte ein Zug vorbei, irgendwo hockte ein Vogel und sang ein Nachtlied, die Wolken standen am Himmel, weil sie es mussten. Alles war wie immer.
Die Bäume versanken in weichem Licht der Abendsonne. Es wehte ein Wind, die Art von bewegter Luft, die etwas verhiess, ohne etwas zu versprechen, in der ein wenig Pathos lag. Ausserhalb der Stadt, im Garten eines winzigen Hauses, war nichts wie immer. Dort, auf einem Stück Boden von fünfhundertfünzig Quadratzentimetern, stand eine Frau.

Sie war geflüchtet. Sie hatte nur eine Jacke mit nach draussen genommen. Sie hatte die Schuhe ausgezogen, ihre Füsse versanken in der kalten Erde, sie legte den Kopf in den Nacken, sog die Luft ein und probierte, ob sie den Frühling schmecken konnte.

Sie ging einige Schritte weiter, setzte sich auf die Mauer am Rande des Gartens und zwang sich, zu denken.

„Na, auch geflüchtet?“
Sie erschrak und drehte sich nach der Stimme um. Der Ruf kam von einem, der in Jeans und Pullover den kleinen Weg nahe dem Haus entlang ging.  Sie rief „ja“.
Dann war die Sonne weg.

Er kam auf sie zu, deutete auf die Mauer. „Darf ich?“
Sie nickte, er setzte sich neben sie, sie wandte ihren Blick wieder dahin, wo sie ihn zuletzt verloren hatte. „Schön hier“, stellte er fest und sah wie sie geradeaus über die Felder. Er schwieg.
Die Stille hielt bis zu dem Moment, in dem sie ihn ansah und fragte:

„Wer bist du? Was machst du hier draussen? Was ist dein Plan?“

„Ich atme, ich reise, ich lebe, mal mehr, mal weniger. Ich rede, manchmal zu viel. Ich spiele Gitarre, meist zu wenig. Ich höre zum hundertsten Mal das gleiche Musikstück. Ich kultiviere mein Lebensgefühl wie eine kleine Pflanze in einem Topf, die ich giesse und ins Licht stelle, obwohl ich nicht weiss, was für eine Pflanze es wird, wenn ich sie weiterwachsen lasse. Dieses Lebensgefühl ist wie Liebeslieder schreiben, obwohl du gar nicht genau weisst, für wen. Du wartest eigentlich nur darauf, dass du sie triffst, für die du sie alle geschrieben hast, damit du irgendwann ein Album aufnehmen kannst und deine Band heisst wie du und du kannst es endlich schreiben, auf jedes Cover in grossen Lettern, du sagst es der ganzen Welt, in der Hoffnung, dass es genau sie, diese Eine, hört:

Hey, Du. Ja, Du:
Ich liebe Dich.

Und ich erzähle dir Geschichten

Was ist schon dabei, wenn ich noch bleibe, sagst du und bleibst einfach. Alles, was noch ist, bist du. Und dann liegst du so nah bei mir, dass ich ein Herz klopfen höre, ist es deins, ist es meins, ich weiss es nicht, ich will es nicht wissen.

Im Winter ist das alles so einfach, da kann einem kalt sein und man muss einfach ein wenig näher zusammenrücken, damit niemand friert. Im Frühling und Sommer kann einem nicht so einfach kalt sein und man kann nicht einfach der Wärme wegen näher zusammenrücken. Man muss andere Gründe haben, doch Gründe sind tief und Gründe sind schwarz, und wir können kein Grund sein, weil wir kein Teich sind.

Du bist am Kommen, du bist am Gehen, du bist am Bleiben, du bist am Sehen, und ich erzähle dir Geschichten.

Wenn ich viel erzählt habe, schläfst du manchmal ein und ich bleibe wach, nur um dich morgens aufwachen zu sehen.

 

Ich werde die Fensterläden geschlossen halten und die Türen werde ich nicht öffnen, aus Furcht, dass der Wind die Erinnerung, die mir geblieben ist, davonträgt.

 

Sie geht noch einmal auf die Strasse

Der Italiener um die Ecke hat noch ein Glas Grappa.

Dann zieht sie weiter, mit dem Nichts im Blick und dem Alles auf den Schultern. Sie geht mit der Geschwindigkeit derer, die nichts zu verlieren und nichts zu gewinnen haben. Sie geht ohne Ziel, die Füsse werden finden, was die Augen nicht sehen, wovon der Kopf nicht weiss, dass das Herz es sucht.

Bald kommt sie zum Park, duckt sich an Büschen vorbei und geht über den Sand zum Kinderspielplatz. Sie setzt sich auf eine Schaukel, fährt mit den Händen die metallenen Ketten entlang, lässt die Füsse baumeln, pendelt sachte hin und her, holt Schwung, ganz vorsichtig, dann immer mehr, bis sie mit der Nasenspitze die Bäume spürt und mit den Fussspitzen die Wolken treffen kann, bis es kribbelt in ihrem Magen und der Wind in ihren Ohren rauscht.
Als alle Wolken zerplatzt sind, aller Schwung verbraucht ist, schaukelt sie aus, zieht mit den Füssen Spuren in den weichen Sand, spürt den Beginn der Wiese und muss weitergehen.

Näher als Du denkst

Wir heben uns etwas auf, für später vielleicht oder für immer, das ist erstmal unwichtig. Aus zwei Wochen und Jahren kann ein Frühlingslächeln werden und du weisst nicht, wo du es einsortieren sollst, du schaust darauf und daran vorbei, zurück ein bisschen und vorwärts auch, aber findest die passende Schublade nicht. Also legst du es ab unter Seltsamkeiten, da liegen schon so viele Dinge, allesamt ein buntgemischtes Inferno deiner eigenen Ungereimtheiten, suchst die passenden Wörter für etwas, worauf du dir keinen Reim machen kannst. Dann schweigst du und schliesst die Augen, kurz nur, in diesem Frühlingswindwetter.

Du bist gerade ganz weit weg, sagst du und ich nicke und denke:

viel näher als du glauben magst, viel näher an mir selbst.

Du hast noch immer nicht losgelassen

Ich sehe, wie du mich anschaust, und alles, was ich denken kann, ist, dass du es verdienst, genau so angesehen zu werden.

Also lass mich, lass mich allein. Lass mich in Ruhe, ich meine es nicht so, bleib hier. Hör auf. Hör auf, so gut zu mir zu sein; hör auf, mich so anzuschauen. Ich kann nicht, kann dir nicht geben, was du suchst, ich will. Ich will es versuchen.

Ich stochere in einem Gefühlschaos, über das ich längst den Überblick verloren habe. Ich suche nach Struktur, nach dem kleinsten bisschen Halt, aber da ist nichts, nichts, dessen ich mir sicher sein kann. Was will ich, was will ich nicht; was gibt mir das Recht, zu entscheiden.

Wenn du mich ansiehst, mit dieser vollkommenen Offenheit. Da ist nichts Falsches in deinem Blick; nichts, was mir den Weg versperrt, absolut nichts. Alles, was mir entgegen strömt aus diesem Blick, ist Wärme. Wärme von einem solchen Ausmass, dass ich mich schäme, sie anzunehmen. Ich schäme mich, wie man sich für ein viel zu grosses Feuer schämen kann, wenn man der einzige ist, der sich daran wärmt, obwohl doch so viele frieren.

Gib mir Schmerz. Gib mir Enttäuschung, und Wut, und Dunkelheit, denn das ist mir vertraut; das sind Dinge, mit denen ich etwas anfangen kann. Ich weiss nicht, wie ich damit umgehen soll; mit dem, was du mir anvertraut hast. Was du mir gibst. Du hast dich mir entgegen geworfen, noch sehr viel entschlossener, als ich geahnt hatte, und jetzt halte ich dich, und du mich, und wir uns gegenseitig, und ich warte auf den Fall. Aber du lässt nicht los.

 

Da ist was zwischen euch

Wie sie mich ansah, und in diesem Moment brachen sämtliche Barrikaden, stürzte das Bild, das ich von ihr hatte, lautlos in sich zusammen. Ihr Blick erinnerte mich an den eines Tieres; hastig, nervös witternd, auf dem Sprung.

Ich hatte sie einige Stunden zuvor noch in der Stadt gesehen; sie war geradewegs an mir vorbeigelaufen während ich, an eine Wand gelehnt, gegen die Sonne blinzelte. Sie wirkte kalt, und abweisend. Auf arrogante Weise zielstrebig. Sie hatte mich nicht gesehen, oder selbiges vorgegeben. Sie lief allein; die Arme vor der Brust verschränkt, ihre Jacke zusammenhaltend.

Als sie kurz vor der Kneipe in eine Seitenstrasse abbog, hatte ich das Fahrrad in Windeseile angekettet, dann spurtete ich los. Jemand tönte hinter mir her, was denn los sei, aber es war keine Zeit, etwas zu entgegnen. Sie war noch nicht weit gekommen, als ich nach ihr rief.

Es war einer dieser Momente, in denen man keine Zeit hat, sich einen Plan zurechtzulegen. Ich hatte keine Ahnung, was ich wollte; mich trieb die Ungewissheit, und der Trotz.

Und jetzt, anstelle der Arroganz und der Kälte, die ich von ihr erwartete, warf sie mir den Blick eines Tieres zu, das geschlagen wurde, und nun selbst vor liebkosender Hand zurückschreckt. „Hey“, sagte ich noch einmal. Ich war stehen geblieben als ich das erste Mal nach ihr gerufen hatte, als sei das nicht möglich: Laufen und Rufen zugleich. „Ich dachte, du kommst heute mit?“ Das Fragezeichen klang deutlich an, aber nicht fordernd, nicht beschuldigend. Ein Lächeln zuckte über ihr Gesicht. „Ja, ich“, setzte sie an, „Ich kann nicht, da sind zu viele. Zu viele Menschen. Das ist … Das ist zu viel für mich, …“ Ich starrte sie an. Damit hatte ich nicht gerechnet.

Mühsam schaltete ich. Was sagst du jetzt, zermarterte sich mein Gehirn, was, wie! „Wie heisst du?“ Die Frage war so unpassend wie naheliegend. Seit zwei Wochen rätselte ich schon, wie sie wohl heissen mochte. „Anna “, sagte sie, und mich schüttelte innerlich ein hysterischer Lachkrampf. Der Name scheint sich wie ein roter Faden durch mein Leben zu ziehen. „Ich bin Urs.“, sagte ich, und ging ihr langsam entgegen. Vielleicht wusste sie das schon, aber es schien mir wichtig, ihr im Gegenzug meinen Namen zu sagen. Scheu machte sie ebenfalls ein paar Schritte auf mich zu.

„Ich weiss, dass es lächerlich klingt“, sagte sie, und ich dachte, Absolut nicht, aber ausgerechnet von ihr? Tränen standen in ihren Augen, und ich spürte den Impuls, ihren Arm zu berühren, ihr haltgebend über den Rücken zu streichen. Würde es sie verschrecken? Wir setzten uns auf die Treppenstufen eines Hauseingangs, und sie begann, zu erzählen, als sei ich ihr vertraut; als seien wir einander vor Jahren begegnet.

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