vor der Nacht fürchten wir uns (II)

Zwischen Sehnsucht und Zuhause, zwischen meinen Laken und den Kaffeetassen auf dem Küchentisch, zwischen dir und mir und der Leichtigkeit unserer Gegensätze, dazwischen ist immer noch Platz für ein Lächeln. Grund genug, nichts zu fürchten, Grund genug, sich nicht den Kopf zu zerbrechen; vielleicht ist es ganz genau das, was mich dir nahe bringt.

 

Voller Sehnsucht

Denn wer liebt, der ist voller Sehnsucht und findet nie ruhigen Schlaf, sondern zählt und berechnet die ganze Nacht hindurch die Tage, die da kommen und gehen.
(Chrétien de Troyes)

Ein Brief, jetzt, wo die Entfernung eingetreten ist.
Erinnerungen überall, Im Zimmer. Im Bett wo wir engumschlungen lagen, Haut an Haut, die ganze Nacht. Auf dem Feld, unter dem Sternenhimmel, wo wir uns umarmten.

Leidenschaft. Annäherung und Entfernung, Glück und Trauer. Träume, Hoffnungen.

Ich denke an Deine Hände, an Deine Stimme, Deinen Geruch.

Dein Blick. Dein Lachen, Dein Charme und dann Dein Ich.

Eine Liebesgeschichte – irgendwie

„Martin…!”, wimmerte sie und bemerkte erst jetzt, dass sie keuchend nach Atem rang. Ihr Herz raste, als renne sie um ihr Leben. „Nicht! Ich…” Als er aufhörte, an ihrem Hals zu saugen, war sie sich todsicher, dass er dort eindeutige Spuren zurückgelassen hatte. Er hatte sie gezeichnet. Nein… markiert! Wie man etwas markierte, das man besass. Ohgottja… Halb wünschte sie sich, er würde damit an anderer Stelle weitermachen. Aber wie alle zusammenhängenden Gedanken, wurde auch dieser einfach aus ihr heraus gespült. „Martin…!”, jammerte sie und wusste selbst nicht, ob es voller Scham oder voller Gier war. Beides beherrschte ihre wenigen verbliebenen Gedanken. „Nicht!” Aber was? Nicht aufhören? Ohh bitte nicht aufhören…! Aber auch bitte nicht weitermachen… „Komm!”, forderte er. Nicht eine Sekunde hatte er seine Bemühungen ruhen lassen. „Für mich…” Ohh Gott! Das konnte er nicht ernst meinen! Aber das war eigentlich egal. Seine Worte waren ausschlaggebend. Sie hatte gar keine andere Wahl. Ihre Hände klammerten sich an seine Oberarme, aber sie konnten sich nur festhalten. Weder Abwehr, noch Unterstützung leisten. Schon allein, weil sich ihr Verstand nicht entscheiden konnte, was davon er eigentlich wollte. Ob sie es zulassen wollte… Eigentlich wollte sie nichts mehr, als es zuzulassen.

Bei dir sein wollen

Bei dir sein wollen
mitten aus dem was man tut

weg sein wollen
bei dir verschwunden sein

nichts als bei dir
näher als Hand an Hand
enger als Mund an Mund

bei dir sein wollen
in dir zärtlich zu dir sein
dich küssen von aussen
und dich streicheln von innen

so und so und auch anders
und dich einatmen wollen
immer nur einatmen wollen
tiefer, tiefer
und ohne Ausatmen trinken

aber zwischendurch Abstand suchen
um dich sehen zu können
aus ein zwei Handbreit Entfernung
und dann dich weiter küssen
(Erich Fried)

 

Dein Lächeln, deine warmen Küsse lassen mich zerfliessen, nur deine Hände halten mich noch zusammen. Ich erwidere dein Lächeln, deine Augen reden in einem fort. Sie sprechen mit meinen, ohne ein Wort zu auszusprechen, doch jedes Wort verstehe ich. Du wirst wilder, deine Nase bebt und saugt alles in sich auf, wie meine, denn schon lange hat sich eine Glocke aus Verlangen über uns gelegt, die wir weiter füllen und grösser werden lassen.

 

Ich grabe meine Nase in deinen Hals und ziehe deinen Duft tief in mich. Ich hauche dir meinen heissen Atem über die Brust, bedecke dich mit zärtlichen kleinen Küssen.

Lass mich atmen und weinen

Trag mich nach Hause, wo immer das ist, bring mich in die Wärme einer Umarmung und halt mich nicht fest, aber fest im Arm. Ich brauche nicht mehr nur eine Schulter zum Anlehnen, ich brauche zwei davon und einen Rücken, auf den ich mich stützen kann, wenn mir die Knie weich werden und meine Stimme versagt. Lass mich atmen und weinen.

 

 

Wenn dann plötzlich die Stille kommt nach diesen Tagen voller Wucht, wenn dein Körper dich ins Bett zwingt und dein Kopf sich nicht mehr wehren kann. Zehn Stunden Schlaf und eine Weisheit später steht ein Tag vor dir und die Sonne lacht, als wäre es nie anders gewesen, als hätte nicht gestern noch der Winter seine Finger um dein Herz gelegt und kräftig die Fingernägel hineingegraben mit sadistischer Fröhlichkeit. Wenn das nur immer helfen würde: die Kälte verschlafen und die Einsamkeit und die Gedanken, über Nacht alles gut werden lassen ohne Aufwand, im Schlaf die Welt neu erfinden und dich selbst.

Was ich mit dir bin

Bei dir sein wollen
Mitten aus dem was man tut
weg sein wollen
bei dir verschwunden sein.
(Erich Fried)

Manchmal fürchte ich, du könntest nur in meinem Kopf existieren, könntest eines dieser Hirngespinste sein, die man eben so mit sich herum trägt wie Tagträume und Schutzschilder, manchmal fürchte ich mich, was zwischen uns passiert, ob nun tatsächlich oder vielleicht auch nur in meinen Gedanken, ich weiss das hin und wieder nicht zu sagen. Dann wieder ist dein Kuss so real und dein Lächeln und dein Geruch, der an mir hängt und den ich festhalten will mit Inbrunst und ein bisschen Wut, die vielmehr Angst ist, als sonst irgendetwas; dein Duft und dein Lächeln und deine Hände in meinem Nacken, ich will sagen: da gehören sie hin, genau da gehören sie hin, doch dann schlägt die Realität zu und holt mich auf den Boden der Tatsachen zurück, ins Hier und Jetzt – du nicht da, dein Lächeln in meinem Kopf und deine Hände weissgottwo, du nicht da, dein Lächeln in meinem Kopf und meine Gefühle weissgottwo, in einem Traum, durchgeschüttelt von Emotionen.

 

 

There is no pain you are receding
A distant ship smoke on the horizon.
You are only coming through in waves.
Your lips move but I can’t hear what you’re saying.
(Pink Floyd)

Ja ich sehne mich nach dir

Wenn Du zitternd vor Verlangen
mir Deine Lippen schenkst,
dann, dann
möchte ich ihn anhalten den Moment,
um mit Dir in ihm zu versinken.
(Urs)

 

Ja ich sehne mich nach dir. Ich gleite
mich verlierend selbst mir aus der Hand,
ohne Hoffnung, daß ich Das bestreite,
was zu mir kommt wie aus deiner Seite
ernst und unbeirrt und unverwandt.
… jene Zeiten: O wie war ich Eines,
nichts was rief und nichts was mich verriet;
meine Stille war wie eines Steines,
über den der Bach sein Murmeln zieht.

Aber jetzt in diesen Frühlingswochen
hat mich etwas langsam abgebrochen
von dem unbewussten dunkeln Jahr.
Etwas hat mein armes warmes Leben
irgendeinem in die Hand gegeben,
der nicht weiß was ich noch gestern war.

(Rilke Aus: Das Buch der Bilder)

 

 

Rilkes Gedichten gelingt es mich in den innersten Tiefen zu erreichen und dort etwas zum Klingen zu bringen, das ich mit Worten nur schwer beschreiben kann. Klar es gibt viele Andere, die ich gerne habe, aber bei Rilke ist das noch einen Hauch anders. Ihm gelingt es, das für mich Unaussprechliche in Worte zu kleiden.

 

Epilog:

Es zählt nicht, ob du schweissgebadet, ungewaschen, mit schmerzenden Füssen und Dreck unter den Fingernägeln betrunken die Hände in die Luft werfend den Moment deines Lebens erlebst, mit Musik, die dir von deinem eigenen Leben erzählt, nein es zählt nicht, ob du zuhause sitzt, alleine, aus dem Fenster siehst und dein Herz sich selbst zerreisst. Denn egal, wie du das alles gestaltest, egal, was auf deiner Bühne passiert, die sich Leben nennt, egal ob gut oder schlecht, ob traurig oder witzig, schwarz oder weiss, heiss oder kalt – was am Ende zählt ist, dass du dich lebendig fühlst. Und daran führt kein Weg vorbei. Denn was zählt, ist, sein Leben zu leben

Liebe, verlorene Kathleen

Dieser Brief ist ins Leere gesprochen. Aber wenn ich abends am Fenster sitze, und die Musik erinnert mich an dich, dann kann ich nicht anders.

Dann sitze ich hier und fühle mich aufgehoben, nach langer Zeit wieder. Aufgehoben, beim Gedanken an dich. Nach allem, was war, und allem, was ist, zum Trotz. Du bist ein Teil von mir, und ich begreife das erst jetzt. Es fühlt sich wie Familie an.
Das ist es. Wie Familie, weil du nicht anwesend sein musstest, um mir das Gefühl zu geben, bei dir zu sein; weil das immer stärker war als alle Stimmen gegen dich. Gegen uns, sofern es das jemals gegeben hat, uns; in meinem Kopf, in deinem?
Ich frage mich, wie es dir jetzt geht, und spüre, dass du mich blockierst. Ich kann nicht länger erahnen, was du tust, was du gern tust und was nicht; du bist mir fremd geworden. Ich würde dir gern zeigen, was ich für Musik höre, welche Bücher ich lese, was mich verwirrt, was mich fasziniert, aber ich kann mir deine Reaktion darauf nicht mehr vorstellen; dein Urteil über mein derzeitiges Leben. Dieses Urteil, das mir immer wichtiger war, als ich zugeben wollte.
Jetzt bin ich befreit davon.

Update:
Und dann knipst du schnell wieder das Lämpchen an, den Hoffnungsschimmer; wartest, bis es dunkel wird im Zimmer, und dann schwebst du davon mit deinen Träumen, wirbelst Spiralen in die Schwärze.

Nachts ist die Sehnsucht am stärksten.

Wie leer doch Worte oftmals sind.
Ich greife nach ihnen
Und finde nichts, finde weder Halt
Noch Trost
Oder beides zugleich, aber in
Geringem Masse.