Hoffnungslos hingegeben: Rainer Maria Rilkes “Die Liebende”

A Woman in Love

Der Sitz der Seele ist da, wo sich Innenwelt und Aussenwelt berühren.

Der Sitz der Seele ist da, wo sich Bewusstes und Unbewusstes berühren.

Die Liebende

Ja ich sehne mich nach dir. Ich gleite

mich verlierend selbst mir aus der Hand,

ohne Hoffnung, dass ich Das bestreite,

was zu mir kommt wie aus deiner Seite

ernst und unbeirrt und unverwandt.

 

… jene Zeiten: O wie war ich Eines,

nichts was rief und nichts was mich verriet;

meine Stille war wie eines Steines,

über den der Bach sein Murmeln zieht.

 

Aber jetzt in diesen Frühlingswochen

hat mich etwas langsam abgebrochen

von dem unbewussten dunkeln Jahr.

Etwas hat mein armes warmes Leben

irgendeinem in die Hand gegeben,

der nicht weiß was ich noch gestern war.

 

Ich kenne ansonsten kein Gedicht, das zu Anfang “Ja” sagt. Wohlgemerkt, Rainer Maria Rilke sagt nicht Ja zur Liebe, er sagt nicht Ja zur Sehnsucht, er sagt Ja zum Sehnen, ein bedeutsamer Unterschied.

Was aber mag das zu bedeuten haben, dass er sein Gedicht mit Die Liebende titelt, aber fortan nicht mehr von Liebe spricht, sondern in der letzten Strophe von Etwas. Meint er mit dem zweimal auftauchenden Indefinitpronomen die Liebe?

Wenn ja, warum spricht er sie nicht an?

Die Antwort hat der Autor selbst gegeben, in einem Gedicht, dem man den Titel Ein Lied gegeben hat; dort heißt es:

.

Sieh dir die Liebenden an,

wenn erst das Bekennen begann,

wie bald sie lügen.

 

Ja, wir müssen als Menschen bekennen: Das Wort, das womöglich am häufigsten mit einer Lüge verbunden ist, ist das Wort Liebe, und der meist verlogene Satz ist womöglich: Ich liebe dich.

Genauso aber kann er eine Innigkeit und Wahrheit enthalten, die die Sterne heller leuchten lässt.

Wie wunderschön schlicht und dadurch so wahr wirken die ersten Worte des lyrischen Ichs auf mich:

 

Ja, ich sehne mich nach dir.

 

Ein Bekennen ohne Lüge.

Ohne Sucht.

Und ein Geständnis … schnörkellos und ohne Umschweife, den Blick auf das eigene Innere schutzlos preisgebend:

 

Ja, ich sehne mich nach dir.

 

Dann, mitten im Vers ein Punkt. Das Gedicht fährt fort: Ich gleite; es folgt ein Enjambement, ein Zeilensprung; jeder wartet, wohin denn die Liebende gleiten mag, nur, was folgt, erwartet niemand:

mich verlierend – das mag noch angehen, aber was soll das: mir aus der Hand?

Wie kann man sich aus der Hand gleiten?

Man muss wissen, welche tiefe Bedeutung an anderer Stelle Rainer Maria Rilke derHand gegeben  hat

In seinem Herbstgedicht heißt es:

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,

als welkten in den Himmeln ferne Gärten;

sie fallen mit verneinender Gebärde.

 

Und in den Nächten fällt die schwere Erde

aus allen Sternen in die Einsamkeit.

 

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.

Und sieh dir andre an: es ist in allen.

 

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen

unendlich sanft in seinen Händen hält.

 

Auf dieses Gedicht so ausführlich zu verweisen, ist deshalb notwendig, weil in unserem Gedicht noch einmal von der Hand gesprochen wird und zwar in Vers 13 und 14:

 

Etwas hat mein armes, warmes Leben

irgendeinem in die Hand gegeben

 

armes warmes ist ein Schlagreim, über seinen Inhalt und über diese Form können wir hier gar nicht reden, zu viele solcher eindrücklicher Details weist dieses Gedicht auf, aber: Ist auch hier von Gott die Rede? Von seiner Hand, so wie imHerbstgedicht?

Im ersten Vers von Die Liebende ist von dir als dem, auf den sich ihr Sehnen richtet, die Rede,  im vierten von deiner. Dann aber heißt es im vorletzten Vers, also der letzten Strophe, überraschend: irgendeinem.

Warum auf einmal diese Distanzierung? Wie kann man von dem, auf den sich das ganze Sehnen als irgendeinem sprechen?

Oder ist es gar keine Distanzierung? Ist dies doch auch die Strophe, wo jenes ominöse und verwirrende Etwas zweimal auftaucht, womit die Liebe gemeint sein mag.

Warum wird auf diese Weise von der Liebe und dem Liebenden, warum wird vonirgendeinem gesprochen?

Ich finde, es hat etwas unglaublich Befreiendes, dass Rilke dieses Wunder, das sich hier andeutet und anbahnt, das Wunder der Liebe nämlich, auch in Bezug auf die gewählten Worte in der Schwebe hält, in der Schwebe des Lebendigen, wie Max Frisch es auszudrücken weiß. Und wer die Gedanken des Schweizer Autors zu dem zweiten Gebot Du sollst Dir kein Bildnis machen kennt oder nachlesen mag, der ist im Grunde dankbar, dass Rilke diese Worte wählt.

In dieser Schwebe kommt zum Ausdruck, wie sanft und vorsichtig Die Liebende mit einem so kostbaren Gut umgeht, dass viel zu oft und unberechtigt Liebe genannt wird, die doch der Schlüssel zu allem wahren Leben ist.

Noch einmal zu der Frage zurück: Ist mit irgendeinem Gott gemeint, weil hier auch von diesem großartigen Symbol der Hand gesprochen wird?

Wohl kaum?

Vielleicht aber von Göttlichem?

Darüber kann uns die zweite Strophe Aufschluss geben.

Zugang finden wir mit Hilfe von Hugo von Hofmannsthals großes PoemWeltgeheimnis. Dort wird die Seele einem Brunnen verglichen. In seine Tiefe hinab tauchen nur wenige. Das ist auch besser so. Denn höchster Reichtum der Tiefe wird mit tiefster Dunkelheit erkauft, das heißt, wer hinabtaucht, muss die Kraft haben, die Macht des Dunkels auszuhalten. Nur wenige waren in der Vergangenheit dessen mächtig. Wir wissen, dass Jesus diese Kraft besaß, Odysseus, Herakles, Orpheus … Sie sind fast an einer Hand abzuzählen.

Dieser Brunnengrund bewahrt ein Geheimnis. Nicht von ungefähr trägt Hofmannsthals Gedicht diese Überschrift und nicht von ungefähr lautet die erste Strophe:

 

Der tiefe Brunnen weiß es wohl,

Einst waren alle tief und stumm,

Und alles wussten drum.

Und Weltgeheimnis endet:

 

Der tiefe Brunnen weiß es wohl,

Einst aber wussten alle drum,

Nun zuckt im Kreis ein Traum herum.

Rainer Maria Rilke ist einer der wenigen, dem sich in seinem lyrischen Schaffen dieses Geheimnis des “Einst” offenbart. In Die Liebenden finden wir diese Offenbarung in der zweiten Strophe:

… jene Zeiten bezieht sich auf das Es war einmal der Märchen. Es ist die Zeit, in der es einen König und eine Königin gab und beide glücklich und in Frieden lebten. Im Märchen stehen diese Wesen für unser ursprüngliches Bewusstsein, für eine intakte Einheit von Vater und Mutter. Es war die Zeit, als Adam und Eva im Paradies waren und Gott ganz einfach deshalb nicht sprach, weil er in ihnen war und sie im Einklang mit ihm waren. Die Beziehung von Vater und Mutter, von König und Königin, von Adam und Eva zu Gott war intuitiv.

Als Gott spricht, als er mit seiner Stimme von außen an Adam und Eva – und beide stehen ja für Dich und Deinen Seelenpartner – herantritt (“Wo bist du?”), da hat unser Bewusstsein den Urgrund des Brunnens bereits zu verlassen begonnen.

.

O wie war ich Eines.

.

Ja, das waren wir, wir waren eine Einheit, denn Gott schuf den Menschen als eine Einheit, als yin und yang.

Leider hat Luther die Schöpfungsgeschichte der Bibel nicht korrekt übersetzt – ich habe an anderer Stelle darüber geschrieben -, sonst könnte klarer sein, dass wir alle Eines waren. Nichts rief, denn alles war in uns. Es bedurfte keines Rates, kein Verrat war möglich, an wen sollte Eines verraten werden?

Bevor es die vielen Sonnenkulte gab, gab es die Steinkulte der Steinzeit. Wir kennen Stonehenge, den Tempel von Avebury, Carnac in der Bretagne … jeder Kontinent hatte im Grunde seine Stein-Heiligtümer. Der Stein war ein Symbol des Göttlichen. An dieses Wissen rühren die Worte

.

meine Stille war die eines Steines

.

und das Murmeln des Baches waren die Wasser des Wissens, die ungeteilt in oben und unten das Wasser des Lebens waren.

An dieses tiefe Wissen rührt Rilke in seinen Worten. Vielleicht finden wir dieses Wissen, dieses Murmeln des Baches im so genannten Hintergrundrauschen der Dunklen Materie, die zu erforschen die Astronomie sich so bemüht

Doch Rilke geht noch tiefer.

Wie wir an oben verlinkter Stelle dargestellt haben, kann das hebräische Wort, das Luther mit Rippe übersetzte, aus der Gott das Weib schuf, indem er diese aus dem Menschen Adam nahm, auch mit Seite übersetzt werden.

Schiller hat auf dieses Wissen in seinem Gedicht Reminiszenz Bezug genommen. So weit wie er, dass aus dem einstigen göttlichen Wesen nun Trümmer wurden, möchte ich nicht gehen, diese Sicht auf den Menschen, auf Mann und Frau, als Trümmer eines ursprünglich EINEN Gottes ergibt sich bei Schiller aus der Situation des lyrischen Ichs. Doch auch er weiß eben – und das ist das Phaszinierende -, dass diese frühere Einheit verloren ist und Etwas in uns sich sehnt, sich sehnt, Ja zu diesem Sehnen zu sagen und hoffnungslos bereit ist, sich dem, was aus dieser Seite kommt, zu öffnen ernst und unbeirrt und unverwandt.

Ja, ich sehne mich nach dir. Ich gleite

mich verlierend selbst mir aus der Hand,

ohne Hoffnung, dass ich das bestreite,

was zu mir kommt wie aus deiner Seite

ernst und unbeirrt  und unverwandt.

Etwas hat das arme warme Leben der Liebenden in die Hand eines Anderen gegeben. Mit einer so großen Selbstverständlichkeit wird dies geschrieben, mit einem so großen Vertrauen, dass dieses Etwas nichts anderes sein kann als das, was wir Liebe nennen.

Für die Liebende beginnt die Zeit unendlicher Gegenwart. Nur sie zählt. Allerdings gibt es sie nicht schlagartig, nicht ohne Unterbrechung – wir leben schließlich auf der Erde. Doch der Prozess beginnt; die Tage des unbewussten dunklen Jahres könnten gezählt sein.

Wie lange auch immer dieser Weg dauert: Er ist es wert, begonnen zu werden.

Oft beginnt er mit einem Sehnen.

Und der Bereitschaft Ja zu sagen:

Ja, ich sehne mich nach dir.

Irgendeinisch fingt ds Glück eim *

* Irgendwann findet das Glück Dich (Züri West)

Und während ich all die Worte höre, – Gedanken, Gefühle – zieht es kurz im Bauch.
Ein Erinnerungsknoten.

Weisst du noch? Erinnere dich an die wichtigen Dinge.
Veränderungszeiten und der Alltag dazwischen, das vergessen und rennen.

Lass uns kurz stehen bleiben und das Lied zu ende hören.

Wir kennen den Weg, wir trauen uns nur noch nicht, ihn zu gehen.
Wir sind Anfänger, Lebens-Anfänger.
Wir zählen nicht die Erfolge, sondern die Anfänge. Die Momente, in denen wir wieder aufstehen. Immer wieder. Wie Baumringe reihen sich die Versuche aneinander, langsam unendlich viele.
Unzählbar.

Die Geschichte ist noch nicht vorbei.
Der Höhepunkt kommt erst noch, bestimmt.
Wir sind nicht die einzigen, denen es so geht.

Eigentlich ist es ganz einfach.
Sei mutig, sei tollkühn und lass dich nicht verunsichern.
Es ist laut da draussen und schnell und alle wissen alles besser.

Schliess einfach die Augen, hör auf das Pochen deines Herzen, und dann lauf los.

 

Wenn dein Glück kein Glück mehr ist
dann kann deine Lust noch Lust sein
und deine Sehnsucht ist noch
deine wirkliche Sehnsucht
Auch deine Liebe kann noch deine Liebe sein
beinahe noch glückliche Liebe
und dein Verstehen kann wachsen
Aber dann will auch deine Traurigkeit
traurig sein
und deine Gedanken werden mehr und mehr
deine Gedanken
Du bist dann wieder du und fast zu sehr bei dir
Deine Würde ist deine Würde
Nur dein Glück ist kein Glück mehr
(Erich Fried)

Du bringst mich um den Verstand

Du bringst mich um den Verstand, wunderliche Welt. Mit allen Momenten der Freiheit und den bösen Rückholaktionen auf den Boden der Tatsachen. Diese Dinge, die man nicht kontrollieren kann und die einen einholen im Augenblick der Unachtsamkeit, achtsam nur noch tränennah, und ich weine an deiner Schulter und ich hasse mich dafür und ich liebe dich dafür. Dann wieder fühlt sich alles so gut an und richtig und frei, aber der Hammerschlag kommt jedes Mal, jedes Mal wieder, mit der Gewalt eines gebrochenen Herzens und mit der Sehnsucht nach einem Arm um meine Schulter. Da sehe ich dich stehen und du bist, wie du bist, ein bisschen stumm, ein bisschen kalt, ein bisschen Stein und wieder spür ich in meinem Kopf deine warme Haut unter meinen Händen, während es so aussieht, als lächeltest du von oben auf mich herab.

 

Steh still, nur einen Moment, während ich dich küsse und koste.

 

Und ich spüre deine Haut, elektrisiert, es knistert. Kannst du es hören? Ich schalte den Kopf ab, ich denke nicht nach, ich lebe, ich liebe, ich wende mich nach hier und dort, ich trinke des anderen süsse Lust, lasse mich mitreissen und durch die Nacht tragen, und es ist gut – bis am nächsten Morgen die Gedanken wie ein Gewitter über mir zusammenbrechen.

 

Ich verlier dich, langsam entgleitest du mir. Wie Honig rinnst du mir durch die Finger, und deine süsse Spur verblasst, vom Regen fortgewaschen. Schlaf, schlaf wohl, während ich hoffe, dass du irgendwann wieder auftauchst. Bis dahin wart ich im Regen.

 

Ein Traum das alles
und ich stehe
mit feuchten Wangen
am Ufer
meiner Welt

Kein Grund zur Panik

So herrlich unentspannt tröpfelt das Leben vor sich hin und wir mit ihm. Ab und an trifft uns ein Papierflieger mitten ins Gesicht, das macht nichts, jedenfalls nichts kaputt aber sonst auch nicht viel. Wir sind herrlich entspannt, sagen die anderen, sagen wir uns immer wieder vorm Spiegel bis wir uns selbst glauben, ein wenig nur. Das reicht, um nicht durchzudrehen. Immerhin. Troztdem vermissen wir es, das gehalten werden, das halten dürfen, ein bisschen Wärme, auch ohne Kerzenflimmern und Backgroundmusik. Den Wein können wir auch alleine trinken, er schmeckt, nur halb so gut aber was macht das schon, nachts kuscheln wir uns in unsere Betten und schlafen nicht, daran haben wir uns gewöhnt, das kennen wir, kein Grund zur Panik.

Why Not You?

Leben

Dieses Leben, wie es ist, in einem Moment – der bleiben soll. (*)

Du & ich, welch eigene Beziehung. Freund, Seelenverwandter, guter Freund, Verliebtheit, tiefe Freundschaft, Wegbegleiter, für kurz oder länger oder lang? Du & ich, ein Glaube, oder auch kein Glaube, unser Alter, unsere Reife, unsere Entfernung, unsere Arbeit, unsere Ausbildung. Du & ich. Ganz nah, ganz fern? Du & ich viel Kontakt, dann wieder wenig? Du & ich soviel Dinge. Eine eigene Beziehung. Unsere eigene Beziehung. Wie sie auch sein sollte, in einem grossen, manchmal unüberschaubaren Plan, der Göttlichkeit, oder des “Schicksals”. So verschieden und doch so gleich. Eine eigene Beziehung. Aneinander denken, oder auch nicht, sich vermissen, weniger, stärker. Schön, dass es dich gibt, einfach schön, dass es uns gibt. Auch was die Zukunft bringt, wie es uns geht, wo wir sein werden, was wir tun werden, Du & ich, oder Du irgendwo und ich irgendwo. Es ist unsere Geschichte: Du & ich und es ist schön, gemeinsam ein paar Zeilen, In welcher Form auch immer, wenn man behutsam miteinander umgeht, zu schreiben. *Keep smiling – you never now who will fell in love with you, when you are smiling* (weiss nicht mehr genau wer das geschrieben hat, aber nicht ich).
Eine tiefe Seele, die an dich denkt. Vergiss nicht, du bist nie allein, egal welche Wendung unsere Geschichte nimmt.

 

Du musst das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.
Und lass dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen
von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken lässt.

Sie aufzusammeln und zu sparen,
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin.
(Rainer Maria Rilke)

(*) Hat mir so unglaublich gefallen

Immer nie am Meer

Eine Weile lagen wir nebeneinander. Meine Hand lag auf ihrem Bauch.

In diesem Augenblick wusste ich, dass ich sie liebte. Ich wusste es, aber ich glaubte es nicht und wollte es nicht glauben.

“Es ist besser, du ziehst dich jetzt an und gehst”, sagte sie.
“Und du? Was ist mit dir?”
“Lass mich einfach noch eine Weile allein sein, ok? Ich nehme den letzten Nachtzug zurück. Wart nicht auf mich.”

Irgendetwas schnürte mir den Hals zu. Verdammt, ich hätte am liebsten losgeheult, während ich mich langsam anzog.

“Was soll das?”, wagte ich noch einen Versuch. “Hab ich was falsch gemacht? Ich meine, ist es wegen? Wir könnten doch-”

“Psst”, bat sie. “Ich bin glücklich, weisst du. Ich war nie glücklicher in meinem Leben. Bitte geh jetzt. Sieh mich nur noch ein einziges Mal an. Dann geh, bitte.”

Ich glaubte, sie weinte. Ich fühlte mich unendlich verloren, hilflos, schuldig. Wie durch einen Schleier hindurch sah ich ihren ausgestreckten nackten Körper auf den Holzdielen der Hütte liegen. Ich ging.

Die Sterne standen in einem kalten unbewegten Licht.

Ich fuhr nach Hause.

Immer nie am Meer.

 

Liebhaben von Mensch zu Mensch, das ist vielleicht das Schwerste, was uns aufgegeben ist, das Äusserste, die letzte Probe und Prüfung, die Arbeit, für die alle andere Arbeit nur Vorbereitung ist.
(Rainer Maria Rilke)

 

Aus dem Projekt Photo Paint mit Michael.

 

 

 

Ich liebe den Engel

Heute bin ich dir sehr nahe. Fühle mich herbei geholt in deine Welt. Kann deutlich dein Lachen hören, deine Stimme. Nun fühle ich mich im Hier und Jetzt geborgen. Ich kann deine Liebe spüren, deine Wärme und Energie in mich aufnehmen. Fühle mich in deinen Armen sicher und geborgen. Es sind die Arme eines Engels die mich gerade halten, mich wiegen und mir zu flüstern, ich bin bei dir.

Tränen des Glücks suchen sich einen Weg durch mein Gesicht. Eine starke Energie zieht nun durch meinen Körper, will mich auf den Weg bringen, um dich auf unserem gemeinsamen Weg zu begleiten. Ich lasse mich fallen, versinke in einen Mantel der Ewigkeit, als mich die Wellen der Liebe weit nach oben tragen. Nach oben in den Horizont, weiter zur Milchstrasse, bis an den Rand der Unendlichkeit.

 

Ich liess meinen Engel lange nicht los,
und er verarmte mir in den Armen
und wurde klein, und ich wurde gross:
und auf einmal war ich das Erbarmen,
und er eine zitternde Bitte bloss.

Da hab ich ihm seine Himmel gegeben, –
und er liess mir das Nahe, daraus er entschwand;
er lernte das Schweben, ich lernte das Leben,
und wir haben langsam einander erkannt…
(Rainer Maria Rilke)

 

Dieser Post ist inspiriert durch die wunderbaren Texte von Annina.

Das Bild ist aus der Reihe “Photo Painting”, ein Projekt mit Michael, dass mir grosse Freude bereitet.

 

Du:

“Es gibt Schicksalsbegegnungen, die passieren einfach. Wie die Bäume im Frühling, wenn sie erneut blühen. Die Natur weiss, was sie tun muss, um das Leben zu würdigen. Und es gibt Seelen, die wissen, wohin sie müssen, um Liebe zu vergeben, zu erfahren und gemeinsam zu erleben.”

 

Ich:

“Alles ist wie es ist und alles hat Sinn, dass es geschieht, wie es geschieht, auch wenn ich nicht immer in der Lage bin, die Sinnhaftigkeit zu erkennen. Insofern weiss ich, dass es nichts gibt, was keinen Sinn ergibt.”

Ja ich sehne mich nach dir

Wenn Du zitternd vor Verlangen
mir Deine Lippen schenkst,
dann, dann
möchte ich ihn anhalten den Moment,
um mit Dir in ihm zu versinken.
(Urs)

 

Ja ich sehne mich nach dir. Ich gleite
mich verlierend selbst mir aus der Hand,
ohne Hoffnung, daß ich Das bestreite,
was zu mir kommt wie aus deiner Seite
ernst und unbeirrt und unverwandt.
… jene Zeiten: O wie war ich Eines,
nichts was rief und nichts was mich verriet;
meine Stille war wie eines Steines,
über den der Bach sein Murmeln zieht.

Aber jetzt in diesen Frühlingswochen
hat mich etwas langsam abgebrochen
von dem unbewussten dunkeln Jahr.
Etwas hat mein armes warmes Leben
irgendeinem in die Hand gegeben,
der nicht weiß was ich noch gestern war.

(Rilke Aus: Das Buch der Bilder)

 

 

Rilkes Gedichten gelingt es mich in den innersten Tiefen zu erreichen und dort etwas zum Klingen zu bringen, das ich mit Worten nur schwer beschreiben kann. Klar es gibt viele Andere, die ich gerne habe, aber bei Rilke ist das noch einen Hauch anders. Ihm gelingt es, das für mich Unaussprechliche in Worte zu kleiden.

 

Epilog:

Es zählt nicht, ob du schweissgebadet, ungewaschen, mit schmerzenden Füssen und Dreck unter den Fingernägeln betrunken die Hände in die Luft werfend den Moment deines Lebens erlebst, mit Musik, die dir von deinem eigenen Leben erzählt, nein es zählt nicht, ob du zuhause sitzt, alleine, aus dem Fenster siehst und dein Herz sich selbst zerreisst. Denn egal, wie du das alles gestaltest, egal, was auf deiner Bühne passiert, die sich Leben nennt, egal ob gut oder schlecht, ob traurig oder witzig, schwarz oder weiss, heiss oder kalt – was am Ende zählt ist, dass du dich lebendig fühlst. Und daran führt kein Weg vorbei. Denn was zählt, ist, sein Leben zu leben

Ich lasse die Seele baumeln

Meine Gedanken fliegen durch die Luft, halten sich an Erinnerungen fest und hangeln sich weiter zu neuen Träumen. Ich denke an Dich. An unsere Gespräche, unser Lachen aber auch an unsere stillen Momente. Ich werde in den Wind, die Geschichten für deine Träume schreiben und hoffen, dass sie bei Dir ankommen. Dass der neue Tag in Luzern Dir Sonne bringt. Dass Dich Dein Lächeln im Spiegel begrüsst.
Und später werde ich zu Bett gehen, versuchen die Stille zu finden und mich Morpheus hingeben. Ob er mich von Dir träumen lässt? Ob dann Du mir die Geschichten rüberschickst?

 

Und beim nächsten Treffen bringst du mich wieder zum Hauptbahnhof, wir werden uns verabschieden. Du wirst mich anschauen und ich fasse mir ein Herz und werde sagen:

„Ich würde dich ja gerne küssen.“

Und du sagst:

„Ja!“

Und wir küssen uns.

Klettern wir mal auf einen Baum?

“Klettern wir mal auf einen Baum? Machen wir ihn zu unserem wunderbarsten Ort auf der ganzen Welt? In nur einem Moment, Augenblicke voller unbeschwerter Zeiteinheiten, die für uns ewig bleiben werden.”

Ich träume, du kommst zu mir und dein Körper ist ganz warm und du kommst her und bewegst dich in meinen Armen und wir küssen uns und Stille erfüllt den Raum.

So ungefähr ein Monat.
 Ein Monat ist es her, dass alles plötzlich anders wurde.
Vor einem Monat, da war der Wandel plötzlich greifbar. Da hatte er einen Anstrich, eine Identität, und er trug Deinen Namen.

 

In meinen Träumen;

lagen wir an einem Freitag, in der Mittagssonne an der Emme im Gras und starrten, in den wolkenlosen Himmel und fühlten uns so leicht. So leicht wie schon so lang nicht mehr, fast schwebten wir davon. Ich hatte den Kopf auf deine Schulter gebettet, das Gras kitzelte meine Füsse, irgendwo im Hintergrund spielten Kinder, und wir lagen nur da. Und als du dann sagtest, du hast mich gern, da hörte ich nur zu und glaubte es nicht, irgendwie. Um nicht wieder in die Falle zu tappen. Um nicht schon wieder den gleichen Fehler zu machen.

Doch die Wirklichkeit hatte sich unbemerkt gedreht und alles war anders als die Male zuvor:

Als jemand die Worte an mich herantrug und ich glaubte, was sie sagte, und es gelogen war.

Dieses Mal wollte ich klüger sein und glaubte ich nichts.

Und dieses Mal war alles wahr.

Und später.

Wir standen auf und gingen los und kauften uns Eis und das Leben bestand nur aus zwei Menschen, Dir und mir, alles andere war nur Kulisse, die Welt rückte sich selbst in den Hintergrund, niemand dachte nur für eine Sekunde an morgen, an übermorgen, an die Zukunft. Weil sie sowieso da sein würde, irgendwie stand das niemals in Frage.

Vielleicht kann man nicht sagen, wann genau alles anders wurde, jedoch, was man sagen kann, ist: dass Du die Konstante dabei bist. Vor einem Monat bauten wir das Gerüst, auf dem heute mein Weltbild steht.

Heute, da liegen wir nebeneinander am Seeufer, über uns der blaue Himmel ohne Wolken. Und wir liegen da und um uns tausend Menschen, die Lärm machen und dennoch nur Statisten sind, in einer Welt, die unsere Namen trägt, in der das Wasser rauscht und wir nicht an morgen denken. Denn dass Morgen uns gehört, das steht doch ausser Frage.

 

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