Manchmal denk i no an di

Und im Kopf fallen die Würfel ständig neu, es klappert viel zu laut da drin, so laut, dass ich nichts Anderes mehr hören kann.

Ich schalte den Kopf ab, ich denke nicht nach, ich lebe, ich liebe, ich wende mich nach hier und dort, ich trinke des anderen süsse Lust, lasse mich mitreissen und durch die Nacht tragen.

Und fast kommen die Tränen, weil ich verzweifelt versuche, dich zu erinnern, dich und wie es war mit dir, als du mich berührtest, als deine Hände auf meinem Körper spazierten. Ich verliere deinen Geschmack auf meiner Zunge, deinen Geruch und deine Wärme, deine Haut und deinen Mund.

Bis heute frag ich dich insgeheim immer wieder, was das war, was ich in deinen Augen sah, als wir uns zum ersten Mal liebten. Waren das Tränen? Wusstest du schon zu Beginn, dass du mir das Herz brechen würdest?

I denk ma oft, wo kenntast jetz sein.
Die Zeit heilt alle Wunden – ob gro’ oder klan.
Doch manchmal reiß’n die ‘dast’n ein.
Do woa a so a Glanz in deine Aug’n;?Do woa des Soiz auf deina Haut.
Und dann mei G’fühl, so zwischn Angst und Euphorie.

Manchmal denk i no an di…
(Austria 3)

 

 

Zwischen den Welten

Zwischen meinen zerwühlten Laken tauchst du auf, zwischen den Kissen und den Küssen bist du plötzlich da und schaust mich an. Ich sehe dich überall da, wo ich dich nicht sehen sollte, wo ich dich gehen lassen sollte und loslassen, wo ich nicht ganz anwesend bin und meine Gedanken die Welt füllen mit deinem Geruch, deinem Lachen, mit dir, mit meinen Geheimnissen und meiner Verwirrung manchmal. Ich spür dich auf, dir nach und hinterher so oft du gehst, so oft du “ja” sagst und ich “vielleicht” verstehe, so oft ich schweige, weil ich fürchte, dass das alles eine Nummer zu gross ist für mich, um es noch halten zu können. Hilf mir dabei.

 

 

Will you tell me when the lights are fading

Cos I can’t see, I can’t see no more

Will you tell me when the song stops playing

Cos I can’t hear, I can’t hear no more

(Amy MacDonald)

 

 

Ich mag Dich

Sie lächelt. Alles ist bunt. Der Regen und die Blätter, selbst aschfahle Asphaltschwärze liegt farbenfroh unter unseren Füssen. Wir denken im Zickzack, überschlagen uns dabei, greifen nach verrückten Ideen und lachen, während wir uns an beiden Händen fassen und uns dabei so schnell im Kreise drehen, dass uns schwindelig wird und wir gedankenlos von einer Strassenseite zur anderen taumeln. Und wo wir uns miteinander und umeinander bewegen, bleiben Regenbogenfarben. Bunte Ballons hängen an grauverschmierten Bentonwänden hinab und überall schmeissen gut gelaunte Menschen Farbe wie Saatgut und Streusand, bis alles Leben bunt und vielfarbig ist. Wir nehmen Anlauf und springen in Pfützen, so lange bis wir ausser Atem geraten und triefend nasse Socken aus viel zu falschen Schuhen tropfen. “Stopp, stopp, stopp” rufst du. “Ich kann nicht mehr”. Vor lauter hier- und dorthin, vor lauter ich will, ich will, ich will, dies und das und das und dorthin und jenes und die ganze Welt, haben wir das Luftholen vergessen. Nun stehen wir voreinander, ausser Atem, ich vor dir und du vor mir. Deine Augen leuchten und ich kann nicht von ihnen lassen. Es ist, als ob nichts war, nichts sei, nichts werde, nichts komme und nichts gehe. Es ist Moment und Augenblick und Jetzt. Es sind Finger, die sich auf Handflächen bewegen, die ineinandergreifen und warm sind. Es sind Augen, die sich im Vertrauen auch ein wenig Verletzlichkeit, ein wenig – das bin ich – zuwerfen. Es sind Münder, die sich näher und näher und ganz, ganz nahekommen. Es sind Lippen, die sich aufeinanderdrücken und bleiben und bleiben und bleiben, lange, und nicht damit aufhören wollen. Und plötzlich, da dreht sich alles um uns und wir sind Mittelpunkt und stehen im Scheinwerferlicht einer Geschichte, eines Anfangs, eines bunten, hübschen Bilderbuchs mit Happy End.

“Hey Träumer”.

Ich wache auf. Wo bin ich? Sie lächelt. Draussen regnet es und kahle Äste ragen hoch in einen wolkenbedeckten Himmel. Auf meinem Schoss, da liegt ein Bilderbuch, bunt und hübsch. Ich reibe mir etwas die Müdigkeit aus den Augen und richte mich auf. Wir sitzen nun nebeneinander auf dem Bett, eine Wolldecke über unseren Beinen und heisser Tee dampft aus grossen Tassen. Ich zeige auf das Buch auf meinem Schoss und frage dich, ob es ein Happy End hat. Du nickst und lächelst, drückst mir einen Kuss auf die Wange und wir schauen aus dem Fenster in dem alles bunt und schön und gut und Happy End ist.

Ich habe dir nicht geglaubt

Du hast mich in deinen Briefen, in deiner fein geschwungenen Schrift mit nach draussen genommen, in den Regen, den Wind. Du hast die richtigen Fragen gestellt, aber das habe ich erst begriffen, als ich zum ersten Mal über das Blutrot der Sonne staunte. Über die unsagbare Stille der Berge. Über grandiose Blumenfarben am Strassenrand. Als ich den Kopf in den Nacken geworfen und mit dem Wind gelacht habe.

 

 

Ihr Kopf liegt neben mir auf dem Sofa. Sie ist eingeschlafen. Ich rieche die Wärme, die das feuchte Haar abgibt. Sie wollte unbedingt eine Decke, trotz der Hitze. Eine Decke ist wie eine zweite Haut, sie hält ohne etwas zu wollen. Ich verstehe das.

Ich habe wieder angefangen zu lesen und wenn ich lese, will ich gleich auch wieder anfangen zu schreiben. In den letzten Monaten habe ich wenig gelesen und kaum geschrieben.

Worte ändern nichts und alles.

Ich schreibe mich neu.

 

Epilog

Ich habe deine Stimme verloren, weisst du. Es ist zu lange her. Ich würde sie unter vielen nicht wieder erkennen. Aber ich wünsche mir, dass ich das nicht muss. Ich wünsche mir, dass wir uns eines Tages an irgendeinem Bahnhof gegenüberstehen, müde von der Fahrt und vom Vorfreuen, und dass ich dir sagen kann: Ich habe es damals nicht gewusst, aber du hast mir das Leben gerettet.

Dies ist ein ganz gewöhnlicher Donnerstagabend

Sie stand in der linken Ecke des Gartens. Die Sonne schien durch die Bäume.
Plötzlich tauchte er vor ihren geschlossenen Augen auf. Irritiert blinzelte sie, doch das Bild verschwand nicht. Gott, hatte sie lange nicht mehr an ihn gedacht. Wie es ihm wohl ging? Lange, seit Ewigkeiten, nichts mehr von ihm gehört.

Seltsam, dass die Leute immer noch glaubten, das Leben sei nichts als eine Sammlung von Geraden, die einander irgendwann kurz kreuzten, weil das Geraden eben in der Mathematik spätestens in der Unendlichkeit tun. Weil es sich nicht vermeiden liess. Und danach weiter ihres Weges gingen.
Am Ende blieb es doch nie bei einer Strassenkreuzung – für eine gewisse Zeit bildeten die beiden Geraden immer Parallelen. Drifteten zwar irgendwann auseinander, ihre Wege verliefen aber länger in der Nähe des anderen als die meisten Leute dachten. Denn war man nicht auch dann jemandem nahe, wenn man ihn nicht berührte (was Parallelen bekanntermassen nie tun)? Reichte es nicht, an denjenigen zu denken?

Irgendwann war sie in die andere Richtung weitergegangen, damals hatte sie gedacht, wie man so schön sagt, “unsere Wege haben sich getrennt”. Stundenlang hatte sie anfangs an ihn gedacht, ihn gehasst, von ihm geträumt.
Und nun war er hier in ihrem Garten.

Sie lächelte. Das alles war schon Ewigkeiten, scheinbar Lichtjahre her. Es verwunderte sie ihre eigene Sehnsucht nach etwas, das sie noch nicht einmal mit den Fingerspitzen greifen konnte und für, dass sie keine Worte hatte.

Ich muss mich zusammenreissen

In Gedanken bei dir. Was ist nur passiert? Na ja, tausendmal berührt stimmt ja nun wirklich nicht. Du überwältigst mich auf so erbarmungslose Weise, unkontrolliert rebelliert mein Kopf und zeigt mir Bilder von dir und mir, nichts ausgereiftes, nichts greifbares, Sekundenbruchteile einer fremden Leidenschaft und meine Zunge klebt an meinem Gaumen und meine Stimme bleibt stumm. Dein fragender Blick lässt mich schlucken. Ich muss mich zusammenreissen.

Ich will dich.

Einfach so, den Verstand ausgeschaltet, den Körper auf Empfang, ohne Kompromisse, ohne Nachdenken. Ich will dir in halbgeschlossene Augen schauen, Augen die mich anflehen, nicht aufzuhören, deinen Körper zu erforschen, mit meinem Mund, mit meinen Händen, mit meiner Zunge. Ich will spüren, wie dein Körper mir entgegenstrebt, zitternd, verschwitzt, fordernd, drängend. Ich will dich schmecken, deine Lippen für mich öffnen, deinen Atem in mich aufnehmen, vergessen, dass ich sterben muss. Ich will den Moment, deinen Kopf zurückgeworfen, wenn die Spannung dich zwingt, aufzustöhnen, kurz bevor dein Atem sich überschlägt, und du die Grenze übertrittst, den Punkt ohne Wiederkehr, unkontrolliert, dich selbst offenbarend. Ich will dein Salz auf meinen Lippen, mit meiner Zunge kleine Kreise ziehen, Muskel um Muskel erforschen, auf deiner Haut lesen, deinen Rhythmus spüren.

Dass Du nicht da bist

Es war der Moment, der alles veränderte, alles in mir und um mich herum. Mit offenen Augen und den weit geöffneten Fenstern meines Bewusstseins daliegend umschloss ich jede Sekunde mit dir einzeln mit beiden Händen, um sie festzuhalten. Doch eine nach der anderen bahnte sich ihren Weg zwischen meinen Fingern hindurch in die Freiheit und zerplatzte im Zwischenraum zwischen Raum und Zeit wie eine Seifenblase.

Nur einige Sekunden später reisse ich die Türe auf und tauche in der Menschenmenge ab. Es ist so leicht, in der Menge unterzugehen. Sich in der Masse zu verlieren. Man hört auf, sich mit sich selbst zu konfrontieren, denn das Gedränge lässt keinen Platz für raumgreifende Fragen. Eine grosse Ansammlung von Menschen entwickelt ihren eigenen, durch die Musik vorgegebenen Herzschlag. Er nimmt dich vollständig ein und saugt dich in sich auf, er übernimmt die Kontrolle über dich und Sekunden später bist du verschwunden.

 

Ich bin so müde
dass ich
wenn ich durstig bin
mit geschlossenen Augen
die Tasse neige
und trinke.

Denn wenn ich die Augen
aufmache
ist sie nicht da
und ich bin zu müde
um zu gehen
und Tee zu kochen.

Ich bin so wach
dass ich dich küsse
und streichle
und dass ich dich höre
nach jedem Schluck
zu dir spreche.

Und ich bin zu wach
um die Augen zu öffnen
und dich sehen zu wollen
und zu sehen
dass du
nicht da bist.
(Erich Fried)