Nur küssen

Drei Worte mit “nur”
sind mehr Glück für mich als fast alles
was wir im Leben sonst
tun dürfen oder tun müssen
Die drei Worte sind: “Dich nur küssen”

“Mich nur küssen
sonst nichts?
Ist das alles
was du an Glück
noch hast?”

Nicht ganz.
Denk im Falle des Falles
an meine Worte zurück:
Denn ich sagte vorsichtig “fast”
(Erich Fried)

 

“Du bist wunderschön”, murmelt sie. Tränen steigen mir in die Augen und Anna zuckt zusammen. “Was ist?”, fragt sie als sie eine Träne mit ihrer linken Hand auffängt. “Das hat noch nie jemand zu mir gesagt”, murmele ich und blicke zu Boden. “Aber jeder hat es gedacht”, lächelt sie.
“Wir sehen uns morgen, okay?”
“Okay”, antworte ich als sie meine Haare zurückstreicht und mir einen Kuss auf die Stirn gibt. Ich will schon die Tür öffnen als ich bemerke dass sie sich nicht rührt und mich weiter anstarrt.

“Was ist?”.

Stehle mein Herz und bringe mich zum Schweigen

Ich brauche jemanden, der versteht.
Ich brauche jemanden, der zuhört.
Auf dich habe ich die ganzen Jahre gewartet.

Ich sitze mit einer Flasche alkoholfreiem Bier und einer Schüssel voll unangetastetem grünem Salat vor dem Haus. Es ist weder Tag noch Nacht – doch die Farben verblassen langsam. Noch fliegen Schwalben und Fledermäuse gleichzeitig. Ich schaue auf den Bildschirm, ich schaue nach oben, vielleicht steht da jetzt schon ein Stern.

Träume

“Ich habe Dich eingefangen! Jetzt gehörst Du mir! Ich will Dich, hier und sofort, hörst Du das? Ich flüsterte dir ins Ohr, beisse dabei in dein Ohrläppchen, fuhrwerke an deinem Gürtel herum und versuchte ihn zu öffnen. In meiner Hektik schaffte ich es nicht gleich und fluche. Verdammt! Ich werde Dich gefangen nehmen und nie wieder hergeben.”

 

Wenn ich an deinen Mund denke
wie du mir etwas erzählst
dann denke ich
an deine Worte
und an deine Gedanken
und an den Ausdruck
deiner Augen
beim Sprechen
Aber wenn ich an deinen Mund denke
wie er an meinem Mund liegt
dann denke ich
an deinen Mund
und an deinen Mund
und an deinen Mund
und and einen Schoss
und an deine Augen
(Erich Fried)

Du bist der Text den ich schreibe.

Irgendeinisch fingt ds Glück eim *

* Irgendwann findet das Glück Dich (Züri West)

Und während ich all die Worte höre, – Gedanken, Gefühle – zieht es kurz im Bauch.
Ein Erinnerungsknoten.

Weisst du noch? Erinnere dich an die wichtigen Dinge.
Veränderungszeiten und der Alltag dazwischen, das vergessen und rennen.

Lass uns kurz stehen bleiben und das Lied zu ende hören.

Wir kennen den Weg, wir trauen uns nur noch nicht, ihn zu gehen.
Wir sind Anfänger, Lebens-Anfänger.
Wir zählen nicht die Erfolge, sondern die Anfänge. Die Momente, in denen wir wieder aufstehen. Immer wieder. Wie Baumringe reihen sich die Versuche aneinander, langsam unendlich viele.
Unzählbar.

Die Geschichte ist noch nicht vorbei.
Der Höhepunkt kommt erst noch, bestimmt.
Wir sind nicht die einzigen, denen es so geht.

Eigentlich ist es ganz einfach.
Sei mutig, sei tollkühn und lass dich nicht verunsichern.
Es ist laut da draussen und schnell und alle wissen alles besser.

Schliess einfach die Augen, hör auf das Pochen deines Herzen, und dann lauf los.

 

Wenn dein Glück kein Glück mehr ist
dann kann deine Lust noch Lust sein
und deine Sehnsucht ist noch
deine wirkliche Sehnsucht
Auch deine Liebe kann noch deine Liebe sein
beinahe noch glückliche Liebe
und dein Verstehen kann wachsen
Aber dann will auch deine Traurigkeit
traurig sein
und deine Gedanken werden mehr und mehr
deine Gedanken
Du bist dann wieder du und fast zu sehr bei dir
Deine Würde ist deine Würde
Nur dein Glück ist kein Glück mehr
(Erich Fried)

Die Zeit fliegt

Seltsam, wie die Zeit fliegt.
Tage vergehen wie im Rausch, im Traum.
So viele Momente und immer dieses Gefühl im Bauch und immer diese Fragen.

Dinge ausgesprochen, so klar und deutlich wie noch nie. Ganz laut; ohne den Hauch eines Zweifels in der Stimme.

Durch das kleine Dachfenster in den Himmel gucken. selbst die Wolken haben es heute eilig.

Das seltsame Gefühl breitet sich im ganzen Körper aus.

Aus dem Wohnzimmer dringen Chopin-Fetzen zu mir hinauf. Ich sitze in meinem Lieblingssessel.

Der Stift tanzt über das weisse Papier, wird schneller, im Takt der Musik, dreht Pirouetten, schwebt.

Punkt.
Und wieder ziehen Bilder rechts und links an mir vorbei und ich bin ganz leicht.
Innen drin.
Das gibt mir Kraft und Sicherheit.
Egal, was kommt. Egal, was bleibt.

Deswegen lasse ich mich einfach fallen, ins Leben, mitten hinein.

Und dennoch will ich an diesen Ort, den es nicht gibt.

 

Wo lernen wir
uns gegen die Wirklichkeit zu wehren
die uns um unserer Freiheit
betrügen will
und wo lernen wir träumen
und wach sein für unsere Träume
damit etwas von ihnen
unsere Wirklichkeit wird?
(Erich Fried)

 

Das Bild ist aus der Zusammenarbeit mit Michael entstanden.

Ich bin unglaublich glücklich, Michael kennen gelernt zu haben. Zum einen weil er mir als Künstler viel über Ästhetik und Philosophie erzählen kann und ich ihn sofort als Co-Autor für mein Buchprojekt begeistern konnte und zum anderen weil er mir als Mensch in den wenigen Wochen sehr ans Herz gewachsen ist. Die Gespräche mit ihm sind unglaublich wertvoll und gleichzeitig für mich und meine fotografische Entwicklung sehr inspirierend.

Bei dir sein wollen

Bei dir sein wollen
mitten aus dem was man tut

weg sein wollen
bei dir verschwunden sein

nichts als bei dir
näher als Hand an Hand
enger als Mund an Mund

bei dir sein wollen
in dir zärtlich zu dir sein
dich küssen von aussen
und dich streicheln von innen

so und so und auch anders
und dich einatmen wollen
immer nur einatmen wollen
tiefer, tiefer
und ohne Ausatmen trinken

aber zwischendurch Abstand suchen
um dich sehen zu können
aus ein zwei Handbreit Entfernung
und dann dich weiter küssen
(Erich Fried)

 

Dein Lächeln, deine warmen Küsse lassen mich zerfliessen, nur deine Hände halten mich noch zusammen. Ich erwidere dein Lächeln, deine Augen reden in einem fort. Sie sprechen mit meinen, ohne ein Wort zu auszusprechen, doch jedes Wort verstehe ich. Du wirst wilder, deine Nase bebt und saugt alles in sich auf, wie meine, denn schon lange hat sich eine Glocke aus Verlangen über uns gelegt, die wir weiter füllen und grösser werden lassen.

 

Ich grabe meine Nase in deinen Hals und ziehe deinen Duft tief in mich. Ich hauche dir meinen heissen Atem über die Brust, bedecke dich mit zärtlichen kleinen Küssen.

Das richtige Wort

Nicht schlafen mit dir
nein: Wachsein mit dir
ist das Wort
das die Küsse küssen kommt
und das Streicheln streichelt
und das Einatmen einatmet
aus deinem Schoß
und aus deinen Achselhöhlen
in meinem Mund
und aus meinem Haar
zwischen deine Lippen
und das uns Sprache gibt
von dir für mich
und von mir für dich
eines dem anderen verständlicher
als alles
Wachsein mit dir
das ist die endliche Nähe
das Sichineinanderfügen
der endlosen Hoffnungen
durch das wir einander kennen
Wachsein mit dir
und dann
Einschlafen mit dir
(Erich Fried)

 

“Dreh dich um!”, flüsterte sie in mein Ohr. Ich folgte ihrem Wunsch und sah in ihre strahlenden Augen. Ich umarmte sie, fühlte ihre Haut durch das dünne Kleid. Ihr Oberschenkel strich warm an meinem Bein hoch. Ich liess ihm meine Hand entgegenfahren. Spürte den Stoff unter meinen Fingern, bis ich ihre Haut berührte. Die Hand drehte sich ein wenig und begann den Stoff den Oberschenkel hoch zu schieben. Folgte der warmen Haut. Die Jacke fiel wieder hinunter, bedeckte die Hand, hüllte sie ein.
Die Wärme nahm zu. Sanfte Hügel unter meinen Fingerkuppen. Glatte Haut. Da senkte sie das so reizvoll angehobene Bein. Stellte es auf den Boden. Lächelte mich an. Ihre Augen strahlten. Das Wissen, wie sie mir gegenüber stand. Das Wissen, wie sie sich anfühlte. Und gleichzeitig das Verlangen, mehr davon zu spüren. Ich beobachtete sie, ihre Brüste, deren Knospen sich durch den hellen Stoff abzeichneten. Ihr Jacke, die alles verbarg, was doch so nah war. Ihre Lippen, die sanfte Zärtlichkeiten versprachen. Möchtest du mir einen Wunsch erfüllen?” “Gern”, antwortete ich ein wenig atemlos. “Dann möchte ich, dass du nichts unter dieser Jeans trägst.”
“Ich?”
Ein leichtes Stirnrunzeln stoppte meinen Redefluss. “Nein, nein,” wehrte ich ihren kommenden Einwurf gleich ab. “Ich werde es tun, du bist nur die erste Frau, die sich so etwas von mir wünscht. Aber es gefällt mir.”
Sie lächelte mich verführerisch an. Sie strich mir über die Wange, dann über das Kinn um endlich meine Lippen zu berühren.

 

Ich schloss die Augen.

Dich Halten

Ich bin eben in meinem Traum aufgewacht.

 

Wie gerne würde ich jetzt das Licht ein wenig dimmen. So dass ich Deine Konturen besser wahrnehmen könnte.

Ganz, ganz langsam nehme ich Dein Gesicht in meine Hände und gebe Dir einen ganz sanften Kuss auf die Lippen. Wir stehen beide still da. Du hältst mich fest, mit einem gewissen Druck.

Ja das stimmt, aber ich mache noch etwas. Ich schaue dir in die Augen und du kannst meine Seele sehen und ich bin dann wie ein offenes Buch und es könnte heissen das Geheimnis von mir. Ich würde dich wieder küssen und ich weiss das der Kuss alleine schon Riesenwellen auslösen kann und wir küssen uns weiter und stärker und dann küsse ich deinen Hals, deinen Nacken, deine Ohren; ich werde mit der Zunge jeden cm erkunden und meine Hände werden deinem Druck standhalten.

 

Halten
dich
mich zurück – den Atem an – mich an dich
dich fest
aber nicht
dir etwas vorenthalten

Halten
dich in den Armen
in Gedanken – im Traum – im Wachen
Dich hochhalten
gegen das Dunkel
des Abends – der Zeit – der Angst
(Erich Fried)

Endlich küsst er sie

Ich wünsche manchmal
ich könnte
mich an dir sattküssen
aber dann müsste ich sterben
vor Hunger
nach dir
denn je mehr ich dich küsse
desto mehr muss ich dich küssen:
Dich Küsse nähren nicht mich
nur meinen Hunger
(Erich Fried)

 

Ihre Kehle ist viel zu trocken, die Welt viel zu dunkel, die Fremde zu gross. Die Lust einem Zittern gewichen, das nur noch schreien möchte. Sie wünscht sich nur noch aufzuwachen, aus diesem Traum, der solange ihr Leben mitbestimmt hat. Sie reisst die Augen unter der schwarzen Binde auf und registriert, beinahe mit einer an Wahnsinn grenzenden Klarheit – nur Dunkelheit. Und die deutlich.

„Ich bin hier, alles ist gut, nichts kann dir geschehen. Ich bin hier vertrau mir.“

Und sie fällt zurück – und vertraut .

Sie spürt seinen Atem auf ihrem Gesicht, weiss seinen Körper beinahe berührungslos über ihrem, kann seinen Duft fast auf ihrer Zunge schmecken und fühlt seine Hände beruhigend über ihr Haar gleiten.

„Du bist schön, ja, du bist aufregend du bist mein wahrer Traum, hörst du?“

„Ich begehre dich, ich will dich!“

Endlich küsst er sie.

Im schläfrigen Nebel sanft gewordener Augen, liegen sie aneinander. Ineinander. Haltlos. Bodenlos. Ihr gleichmäßiges Atmen und das leise Ticken seiner Armbanduhr sind das einzige, das die Stille begleitet.

 

Das Bild ist ein Resultat der Zusammenarbeit von mir und Michael.

 

Kein Gestern und kein Morgen

Bei dir sein wollen
Mitten aus dem was man tut
weg sein wollen
bei dir verschwunden sein

Nichts als bei dir
näher als Hand an Hand
enger als Mund an Mund
bei dir sein wollen

In dir zärtlich zu dir sein
dich küssen von aussen
und dich streicheln von innen
so und so und auch anders

Und dich einatmen wollen
immer nur einatmen wollen
tiefer tiefer
und ohne Ausatmen trinken

Aber zwischendurch Abstand suchen
um dich sehen zu können
aus ein zwei Handbreit Entfernung
und dann dich weiterküssen
(Erich Fried)

Als ich das Wasser in die Kanne giesse, steht sie hinter mir. Warmer Atem fliesst in meinen Nacken. Ihre Hitze, verursacht mir Schwindelgefühl und ich muss die Pfanne absetzen.
„Vorsicht heiss“, sage ich leise.
„Ja, sehr heiss“, flüstert sie heiser und ihre Lippen kitzeln mein Ohr.
Wenn ich nicht gleich sitzen kann, werde ich ohnmächtig, denke ich, als ich ihre Hände auf meinem Bauch spüre. Meine Knie werden weich und ich staune über mich. Was mache ich hier?

Als ich mich umdrehe lässt sie die Hände sinken. Diese schönen Hände, mit den schlanken Fingern, die meine Haut in Brand setzen und mein Blut in Lava verwandeln. Ich wünsche sie zurück an meinen Körper. Schweigend sieht sie mich an.
Ihre Augen leuchten wie dunkle Fackeln. „Ich will mit dir schlafen“, höre ich mich sagen. Sie lächelt und drückt mich an sich.

Ich will dich küssen, spüren, schmecken, denke ich. Mit beiden Händen umfasse ich ihr Gesicht, streiche durch ihr Haar und geniesse dieses Gefühl zwischen den Fingern. Kühle Lippen berühren meine. Ich fühle mich wie unter Wasser und schwimme nackt mit der Strömung. Wasser ist in meinen Augen, meinen Ohren. Es ist überall und ich ergebe mich willig diesem sanften Schweben, das mich weg spült aus der Küche, aus dieser Stadt und aus dieser Welt.

Im Schlafzimmer ist es dunkel. Sehnsucht und Sex. Wir lassen uns in die Decken sinken und ich will nur noch ihre Haut auf meiner.

 

Kein Gestern und kein Morgen. Kein Ich, kein Du und kein Denken.

Dort wachsen keine Träume mehr

Wo lernen wir uns gegen die Wirklichkeit wehren
die uns um unsere Freiheit betrügen will
und wo lernen wir träumen
und wach sein für unsere Träume damit etwas von ihnen unsere Wirklichkeit wird ?
(Erich Fried)

Dort wachsen keine Träume mehr

 

 

Ich stelle mich auf die Zehenspitzen und sehe in den Spiegel. Ich sehe mir in die Augen wie einem Fremden, der mir gegenübersteht. Lege meine Hand auf meine Wange, sehe die Finger und spüre doch — nichts. Ich beuge mich nach vorne und zähle die Haare meiner Augenbrauen, die Falten unter meinen Augen, die Grübchen in meinen Wangen. Ich muss an sie denken. Sie sagt die Guten kennen die Anzahl deiner Grübchen. Sie hat genau 3. In ihrer rechten Wange. Ein grosses, und zwei winzig kleine. Ich weiss das. Ich mag sie so, wenn sie lacht.
Draussen geht eine Tür auf, leise knarrend, doch sie lässt einen kurzen Windstoss herein, Füsse nähern sich, ich sehe immer noch in den Spiegel und sehe sie im Türrahmen stehen. Ihren Körper, die verwuschelten Haare. Kommst du nach draussen? fragt sie. Ich nicke gleich, geh ruhig schon vor. Sie dreht sich um, ich höre sie in den Garten laufen und sehe noch einmal in den Spiegel. Es ist ein heisser Frühlingstag, auf meiner Stirn sammelt sich Schweiss. Ich streiche mir über den Bart, rasieren, ja, höre sie von draussen, wo bleibst du denn? wende mich ab und gehe nach draussen.

 

Auf der Wiese im Garten liegt eine grosse rote Decke, darauf hat sie zwei Teller gestellt und den Kuchen, den wir gestern gebacken haben. Es ist ein Johannisbeerkuchen. Und eigentlich hat sie ganz alleine gebacken. Ich durfte die Beeren von den Stängeln zupfen, während sie den Teig für den Boden zerkrümelte und die Beeren auf dem Boden verteilte. Sie ass die Teigschüssel leer, während der Kuchen im Ofen war, ich durfte ein bisschen vom Teig probieren, und ich durfte den Kuchen zum Abkühlen aus dem heissen Backofen holen, als er fertig war.
Ich setze mich zu ihr auf die Decke, sie springt noch einmal auf, sagt, ich solle warten, sie läuft ins Haus, um ein Messer zu holen, ich bleibe sitzen und habe einen Kloss im Hals. Und ich staune, wie schön das alles ist. Der Kuchen, der neben mir steht, sieht grossartig aus, die roten Beeren und der helle Teig, aus dem Zuckerkristalle glitzern, ein Grashüpfer hüpft über die Decke, keine einzige Wolke steht am ganzen Himmel, der Apfelbaum wirft einen Schatten über den Rasen. Und über allem liegt eine grosse Stille. Und meine grosse Sprachlosigkeit.
Sie kommt zurück, sie hat eine Kuchenschaufel mitgebracht. Ich bewundere ihren Kuchen und wie schön sie das alles hier draussen gemacht hat, sie lacht und sagt das ist doch alles von alleine da, und gut, dass du so selten den Rasen mähst, siehst du die Schmetterlinge da drüben? Und weisst du schon, wir haben ein neues Vogelnest im Apfelbaum.
Sie sagt, sie kann mit Tieren sprechen. Sie erzählt mir von den Amseln im Garten, von den Eidechsen, die sich auf den Steinen vor dem Haus sonnen. Und sie kennt die Geschichten der Regenwürmer, die sie fand, als sie im Herbst neue Erdbeeren pflanzte. Sie weiss all das, was ich nicht weiss, ihre Welt ist so viel grösser als meine. Und alles, was mir bleibt, ist ein Staunen. Ein Bewundern. Alles, was ich noch kann, ist, Autofahren, und ich kann ihr Lieder singen. Sie sagt immer, dass ich nicht singe, sondern brumme, dabei lacht sie.

Manchmal sagt sie Dinge, die ich nicht verstehe. Früher habe ich manchmal nachgefragt, habe versucht, zu verstehen, was sie meint. Doch inzwischen habe ich begriffen, dass all die Fragen müssig sind. Dass das Fragen nur ein Versuch ist, die Dinge so kompliziert zu machen, dass sie in meine Welt passen. In ihrer Welt ist alles so einfach. In ihrer Welt ist alles so klar. Manchmal wünschte ich mir ein Stück ihrer Welt für meine eigene. Ein Stück von dieser Welt, in der manche Dinge keine Erklärung brauchen. Weil sie einfach — sind.
Sie sagt, wenn es regnet, dann singen die Pflanzen. Manchmal läuft sie dann mit nackten Füssen in den Garten und legt sich auf die Wiese, um zu lauschen. In warmen Sommern bleibt sie dort manchmal die ganze Nacht. Dann bleibe ich auf, setze mich auf die Bank an der Hauswand und bewache sie. Und wenn es am Morgen immer noch regnet, dann liegt sie da, in ihrem regennassen Kleid, immer ohne Schuhe. Und sie schläft. Dann setze ich mich neben sie. Ihre Haare sind ganz nass. Und sie sieht so glücklich aus, wie sie daliegt. Wenn der Regen aufhört, hebe ich ihren Kopf an und lege einen Arm darunter, den zweiten unter ihre Beine, und trage sie ins Haus. Dort lege ich sie auf den grossen Sessel, der ganz nah am Kamin steht, decke sie zu und zünde das Feuer im Ofen an, damit sie sich nicht erkältet. Und wenn sie aufwacht, koche ich ihr Kakao und sie erzählt mir, was sie nachts im Regen gehört hat.
Manchmal gehen wir in die Stadt, nur sie und ich. Wir laufen durch die Stadt.
Im Auto auf der Fahrt zurück sieht sie stumm geradeaus. Auf der Hälfte der Strecke fragt sie, können wir anhalten? Ich muss dir etwas sagen. Ich fahre auf einen Feldweg. Der Kies knirscht unter dem Reifen, erst jetzt merke ich, dass die ganze Zeit Musik an war. Die Felder sind schon ganz grün, der Regen hat ihnen gutgetan, wer weiss, welche Lieder sie singen, hier draussen, wo sie keiner hört, denke ich, schalte den Motor ab und sehe sie an. Sie hat sich abgeschnallt und öffnet die Türe, komm, ich zeig dir was. Am Rand des Feldes wächst Klatschmohn und auf dem einzigen Baum in all der Weite sitzt ein Falke. Weisst du, wo er wohnt? fragt sie, ich weiss es nicht, aber ich glaube, er wohnt überall, wo es einen Himmel und einen Platz zum Landen gibt, sage ich. Dann möchte ich ein Falke sein. Sagt sie. Und läuft weiter. Wir gehen nebeneinander den Weg zwischen den Feldern entlang. Manchmal habe ich Angst, diese Welt könnte ihr etwas anhaben, ihr wehtun, sie könnte an all dieser Gier, diesem Leid, diesem Schmerz um uns herum zerbrechen.
Vorsichtig läuft sie über die Steine, dann in der Mitte des Weges auf dem schmalen Streifen Grün. Die Gräser sind schon ganz lang. Sie streichen an meinen Beinen entlang. Der Wind streicht über die Felder, die Blätter des Baums zittern. Irgendwo zwitschern Vögel, sie rennt los, ihre Haare und ihr Kleid flattern im Wind. Wir sind auf einem kleinen Hügel angelangt, von dem aus man die Stadt sehen kann. Sie bleibt am Rand einer Wiese stehen und schaut hinunter, dann sieht sie mich mit ihren grossen Augen an. Sag … magst du die Stadt? Der Wind weht ihr eine Strähne ins Gesicht, sie streicht sie zur Seite und wendet ihren Blick nicht von mir ab. Ich setze mich auf die Wiese und sehe ihr in die Augen. Ich weiss es nicht. Ich mag an der Stadt, dass wir dort einkaufen gehen können, dass es dort alles gibt, was wir brauchen. Das ist so schwer zu sagen. Magst du denn die Stadt? Sie setzt sich neben mich und blickt auf die Dächer unter uns. Ich weiss es nicht. Aber dort sind alle so schnell. Alle haben immer so viel zu tun. Es gibt so viele Menschen. Und immer laufen alle in dieselbe Richtung. Ich glaube, ich mag die Stadt nicht.

 

Dort wachsen keine Träume mehr.

 

Sie steht auf, nimmt meine Hand, wir gehen schweigend zurück zum Auto und fahren nach Hause.

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