Dieser Tag

Barfuss in der Bibliothek rumlaufen. John Mayer – Edge Of Desire in der Endlosschleife hören. Keine Drogen nehmen, nicht rumfahren, und doch glücklich sein. Familenfreude, Freundefreude, Emmental. Von der Tochter ans Konzert mitgenommen werden und sehr hingerissen sein. Etwas vermissen – es aber trotzdem nicht suchen. Sich abends auf den nächsten Tag freuen. Am Schreiben leiden, aus einem alten Pflichtgefühl heraus. Sich glücklich schreiben. Das Fahrrad stossend und Erdbeeren essend nach Hause laufen. Sie lachen sehen und es knacken hören, als wäre das Herz ein Apfel. Einschlafen mit Radio an. Auf der Steinmauer sitzen, auf die Emme schauen.

 

 

Es nimmt mir den Atem

Please give me one more night, give me just one more night
Oh one more night, ’cause I can’t wait forever
Please give me one more night, oh just one more night
Oh just one more night, ’cause I can’t wait forever
Give me…
(Phil Collins)

 

“Hallo”,
sagte ich und lächelte dich an und du konntest nicht anders, als auch zu lächeln. Ich hätte stundenlang einfach immer nur “Hallo” oder “Es ist schön dich zu sehen” sagen können. Es wäre keine Zeit verschwendet gewesen. Doch wir wollten mehr, mehr, mehr. Ich wollte mehr und in jedem Blick, in jeder Berührung in jedem einzelnen Wort lag dieses mehr. Du warst schön. Ich wollte dir das auch irgendwie, irgendwann an diesem Abend noch sagen. Wir redeten ein wenig, plauderten über dies und das und es war, wie es nicht anders, nicht besser, nicht richtiger, nicht perfekter hätte sein können.

Irgendwo dazwischen wollte ich eine Zigarette rauchen und als ich dort ein Stockwerk tiefer, am grossen, geöffneten Fenster stand, kamst du die Stufen hinab. Schritt für Schritt. Es war wie in einem dieser gruselig, romantischen Bauchatmungs-Wohlfühl-Kitsch-Schinken. Es deutete sich etwas Grosses, etwas Explosives an, etwas vor dem du Angst hast und zur gleichen Zeit nichts stärker willst – durch und durch willst – mit deinem ganzen verdammten Körper.

Du hast gesagt, jemand habe dich geschickt und ich antwortete dir darauf, dass dann ja jemand alles richtig gemacht habe. Wir standen dicht beieinander. Alles war ein bisschen Flüsterton, ein bisschen Abenteuer, ein bisschen Funkeln, Lächeln, Begierde und Verbot. Es war, als ob alles ein wenig langsamer und zärtlicher wäre als sonst. Dann habe ich dich bei deinen Händen genommen. Wir haben getanzt, im Flur, alleine, mit dem Rest an Musik, der durch den Türspalt zu uns hinunter drang. Wir haben gelacht und dann, dann war es plötzlich einen Moment still.

Wir standen eng beieinander, Nasenspitze an Nasenspitze und wohlriechender Atem lag zwischen zwei Mündern, die sich längst schon einander versprochen hatten.

 

 

Was ist los mit dir?

Worte, die sich in mir verfangen und einnisten. Ich kann nicht denken. Du legst deinen Kopf an meine Brust und ich spüre, wie sich mein Herz nervös bis an deine Wangen drückt, als wollte es flüchten und bei dir Schutz suchen.
Ich erstarre.

“Was ist los?”

Du richtest dich auf. Kniest auf der weichen Matratze und bist nun auf einer Höhe mit mir. Deine Augen versuchen in mich einzudringen, sich durchzuwinden und ein Schlupfloch zu finden in der Mauer meines Schweigens. Ich weiche deinem Blick aus und schaue zu Boden.
Ich spüre deine Finger, wie sie an meiner Hand entlang streicheln, wie Fingerkuppen sich aneinanderdrücken und sich dabei zu einem Kartenhaus aneinander hochstemmen. Das Licht ist gedämpft. Nur die kleine Lampe wirft einen rötlichen Schimmer auf dein Gesicht. Mir ist warm und ich öffne das Fenster einen Spalt weit. Ich lege meine Hand an deinen Hals und du schmiegst dich daran. Mit dem Daumen berühre ich deine Wangen und verharre einen Moment an deinen Lippen, diesen zarten, honigsüssen Lippen. Du drückst einen Kuss darauf.

“Was ist los? Was ist los? Was ist los?”

Worte vernebeln, zerfasern und sickern hinab in das trübe Sumpfland meiner Gedanken. Hilfe, ich ertrinke. Du siehst die tiefen Gräben, die sich in meine Stirn geschlagen haben, diese Zeugen meiner Furcht. Du umfasst mein Gesicht mit beiden Händen. Streichelst durch mein Haar und nur einen Moment später spüre ich, wie deine Nase sich daran schmiegt, wie ein Windstoss, der das Laub von den Strassen trägt.

Dies ist der Anfang von unserem Ende.

 

And I should but I can’t let you go
But when I’m cold, I’m cold
Yeah, when I’m cold
Cold
There’s a light that you give me when I’m in shadow
There’s a feeling within me, an everglow
(Coldplay)

 

 

Wie gut es tut, dich zu sehen

Ich sehe, wie du deine Schuhe ausziehst.

“Gefalle ich dir?”

Du schaust mir in die Augen. Keck bleibst du vor mir stehen, die Hände in der Hüftgegend abgestützt.

“Du bist wunderschön, sexy, eine echte Traumfrau”.

“Worauf wartest du dann noch?”

Ihre Augen funkeln mich herausfordernd an.

“Komm fotografier mich endlich!”

Ich habe dir Licht gegeben, als du mich nach Schatten gefragt hast

Der Wein ist gut:
Musik und Wein und dieser Geruch, den ich nicht vergesse.

 

Welche Rolle spiele ich? Ich habe den Text nicht parat, keiner souffliert, nur das Glas raunt mir wenig hilfreich Dinge ins Ohr, Fragen und ein bisschen Einsamkeit. Wir improvisieren, damit kennen wir uns aus, das Französische daran ist die leichtgenommene Schwere, das Wollen und Hinauszögern und zur Ablenkung noch einen Roten, bis die Zunge schwer wird und man eine Entschuldigung hat für das Nichtgesagte, das Nichtküssen, das Festhalten und Liebkosen mit Sicherheitsabstand, damit einen die Sehnsucht nicht auffrisst. Was war da nochmal, letztes Jahr, was war da noch gleich, wen interessiert das und wer kann so schnell lernen aus all dem, wer will das schon, ich nicht, du nicht, wir stolpern blind und ohne doppelten Boden durch unsere Befindlichkeiten und weinen nachts dann ein bisschen in unseren Betten.

 

Time will save you
You don’t need to save yourself
Sorry eyes of those left behind
When we were kids do these thing we oblige
If you find yourself alone, with no need to call home
(Turin Brakes)

Diamante

Ein Kopfnicken bist du, ein schweigsames Nicken und ich schau hoch zu dir und deine Augen versuchen etwas zu sagen, dass ich in all dem Lärm um uns herum einfach nicht hören kann. Statt zu reden küssen wir uns, statt uns zu küssen halten wir uns aneinander fest, ich will nicht mehr loslassen und tue es doch.

Auf dem Weg nach Hause wünschte ich, du würdest dort auf mich warten, um mich in den Arm zu nehmen und zu schweigen, ein stilles Nicken, ein schweigsames Verstehen, ein Anker und Land in Sicht, wer bist du, meine Fremde, wer bist du, dass ich immer wieder in deinen Armen an Land gehe, wie stürmisch die See auch ist, wie hoch auch die Wellen schlagen, wie sehr auch die Irrfahrten zehren.

Ich spürte die Sonne und den Wind und deine Worte auf der Haut

Du hast mir geschworen, dass das Licht nach den dunklen Jahren unfassbar sein würde. Ich habe dir nicht geglaubt. Du hast mich in deinen Briefen, in deiner fein geschwungenen Schrift mit nach draussen genommen, in den Regen, den Wind. Du hast die richtigen Fragen gestellt, aber das habe ich erst begriffen, als ich zum ersten Mal über das Blutrot der Sonne staunte. Über die unsagbare Stille der Berge. Über grandiose Blumenfarben am Strassenrand.
Du hast mich aus der Fassung gebracht. Im besten Sinne.

Wenn ich könnte, ich würde jeden Brief an dich neu schreiben.

ein Gedicht

statt ein Brief
statt einer Berührung
statt verflochtener Finger
statt eines flüchtigen Streichelns
statt eines gehauchten Kusses
statt eines Schauers auf dem Rücken
statt einer Zunge zwischen den Lippen
statt einer Brust die sich in eine Hand schmiegt
statt eines zitternden Atemzuges
statt einer Hand am Schoss
statt
nur ein Gedicht

Ich wünsche mir, dass wir uns eines Tages an irgendeinem Bahnhof gegenüberstehen, müde von der Fahrt und vom Vorfreuen, und dass ich dir sagen kann:

Ich habe es damals nicht gewusst, aber du hast mir das Leben gerettet.

 

 

Totally alone, I feel you breaking off a piece of my heart
Oh, you know that I care
You know why I’m here
You know I care
I’ll always be here
(Amy Shark)

 

 

Das Bild ist entstanden aus der Zusammenarbeit mit Poet Laval (Michael) .

Manchmal denk i no an di

Und im Kopf fallen die Würfel ständig neu, es klappert viel zu laut da drin, so laut, dass ich nichts Anderes mehr hören kann.

Ich schalte den Kopf ab, ich denke nicht nach, ich lebe, ich liebe, ich wende mich nach hier und dort, ich trinke des anderen süsse Lust, lasse mich mitreissen und durch die Nacht tragen.

Und fast kommen die Tränen, weil ich verzweifelt versuche, dich zu erinnern, dich und wie es war mit dir, als du mich berührtest, als deine Hände auf meinem Körper spazierten. Ich verliere deinen Geschmack auf meiner Zunge, deinen Geruch und deine Wärme, deine Haut und deinen Mund.

Bis heute frag ich dich insgeheim immer wieder, was das war, was ich in deinen Augen sah, als wir uns zum ersten Mal liebten. Waren das Tränen? Wusstest du schon zu Beginn, dass du mir das Herz brechen würdest?

I denk ma oft, wo kenntast jetz sein.
Die Zeit heilt alle Wunden – ob gro’ oder klan.
Doch manchmal reiß’n die ‘dast’n ein.
Do woa a so a Glanz in deine Aug’n;?Do woa des Soiz auf deina Haut.
Und dann mei G’fühl, so zwischn Angst und Euphorie.

Manchmal denk i no an di…
(Austria 3)

 

 

Zwischen den Welten

Zwischen meinen zerwühlten Laken tauchst du auf, zwischen den Kissen und den Küssen bist du plötzlich da und schaust mich an. Ich sehe dich überall da, wo ich dich nicht sehen sollte, wo ich dich gehen lassen sollte und loslassen, wo ich nicht ganz anwesend bin und meine Gedanken die Welt füllen mit deinem Geruch, deinem Lachen, mit dir, mit meinen Geheimnissen und meiner Verwirrung manchmal. Ich spür dich auf, dir nach und hinterher so oft du gehst, so oft du “ja” sagst und ich “vielleicht” verstehe, so oft ich schweige, weil ich fürchte, dass das alles eine Nummer zu gross ist für mich, um es noch halten zu können. Hilf mir dabei.

 

 

Will you tell me when the lights are fading

Cos I can’t see, I can’t see no more

Will you tell me when the song stops playing

Cos I can’t hear, I can’t hear no more

(Amy MacDonald)

 

 

Die Hoffnung muss sein

Es stimmt schon, was du sagst. Man wartet eben doch. Allen selbst auferlegten Spielregeln zum Trotz wartet man. Heimlich und dennoch unenttäuscht, weil sämtliche Phantasien und Vorstellungen lediglich bekräftigt werden mit jedem Tag des unvollendeten Wartens. Weil die schale Hoffnung, Gesagtes könne so gemeint gewesen sein, wie es gesagt wurde, schon lange abgestorben ist. Ganz still, ganz leise und fast ohne Todeskampf. Nahezu unbemerkt.

Du sagst zu mir, dass es bitter sei, aber unvermeidbar, dass es dazugehören würde, und meinst das Gefühl des Wartens. Doch das einzig Bittere in mir ist das Gefühl, schon so lange gewusst zu haben, dass alles Warten vergebens sein würde.

 

The grass was greener
The light was brighter
When friends surrounded
The nights of wonder
(Pink Floyd)

Wir gehen allein durch diese Welt,
doch wen wir grosses Glück haben,
dürfen wir einen Augenblick lang jemandem gehören,
jemandem der uns durch die Einsamkeit trägt,
die ein Leben lang andauert.

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