Ich sehe

Ich sehe, wie du mich anschaust, und alles, was ich denken kann, ist, dass du es verdienst, genauso angesehen zu werden.

Also lass mich, lass mich allein. Lass mich in Ruhe. Hör auf. Hör auf, so gut zu mir zu sein; hör auf, mich so anzuschauen. Ich kann nicht, kann dir nicht geben, was du suchst.

Wenn du mich ansiehst, mit dieser vollkommenen Offenheit. Da ist nichts Falsches in deinem Blick; nichts, was mir den Weg versperrt, absolut nichts. Alles, was mir entgegen strömt aus diesem Blick, ist Wärme. Wärme von einem solchen Ausmass, dass ich mich schäme, sie anzunehmen. Ich schäme mich, wie man sich für ein viel zu grosses Feuer schämen kann, wenn man der einzige ist, der sich daran wärmt, obwohl doch so viele frieren.

Das wünsche ich mir für dich

“Einsamkeit ist Unabhängigkeit, ich hatte sie mir gewünscht und mir erworben in langen Jahren. Sie war kalt, o ja, sie war aber auch still, wunderbar still und groß wie der kalte stille Raum, in dem die Sterne sich drehen.”
(Hermann Hesse)

 

“Hi”, sagt eine Stimme.
Ich schrecke hoch und wische mir den Moment aus dem Gesicht. Ich sage nichts.
“Darf ich mich setzen?”
Ich zögere. Ich will alleine sein, doch ich nicke. Sie ist jung. Ihre Hand streift durch ihr, Haar.
Sie setzt sich, nimmt ein Streichholz, zieht es über die raue Oberfläche und entzündet eine Zigarette. Ich lausche dem leisen Glühen, das sich durch den Tabak frisst, als ihre Lippen daran ziehen.
“Schön hier”
“Ja”, antworte ich.
“Bist oft hier?”
“Manchmal”
“Ich mag’s hier. Ist anders.”
“Anders?”, frage ich.
“Ja, so wie du”.
“Wie ich?”
Sie lehnt sich an meine Schulter. Ihr Körper ist warm. Ich bewege mich nicht. Ich bin steif und kann mich nicht davon lösen. Ich beobachte die Wellen.
Ich sage: “Sind wir nicht wie die Wellen? Wir entstehen und vergehen und dann entsteht etwas Neues und etwas Neues vergeht. Doch das Ganze lebt.”
Ihr Körper ist warm. Sie ist so warm, so, so schön warm. Ich bin kalt. Ich bin.., ich bin, bin bin.. . Weiss nicht zu sein. Ich bin.. verloren vielleicht. Wovon nur?
Meine Gedanken drehen sich im Kreis und mit dem Wind der uns umweht.
Sie nimmt meine Hand und ich spüre Finger und sie streicheln darüber. Ich spüre Lippen, die sich darauf drücken.
Ich sehe die Wellen. Sie sind schön und umarmen das Ufer, das ihnen Heimat ist; endlich Zuhause sein.
“Warum machst du das?”, frage ich.
“Weil ich dich liebe”. Sie spricht sanft.
“Du kennst mich nicht.” Ich bin Realist.
“Ich kenne niemanden so gut wie dich”
“Wie kannst du mich kennen? Wie, wie kannst du…”

Du weisst nicht, wie sich Stille anfühlt

Die Lampen glitzerten in der Abendsonne. Die kahlen Bäume versanken in weichem Licht. Es wehte ein Wind, die Art von bewegter Luft, die etwas verhiess, ohne etwas zu versprechen, in der ein wenig Pathos lag, und dort lag er zu Recht. Denn weit ausserhalb der Stadt, im Garten eines winzigen Hauses, war nichts wie immer. Dort, auf einem Stück Boden von fünfhundertfünzig Quadratzentimetern, stand eine Frau mit der festen Absicht, der Unvernunft zu begegnen.
Sie war geflüchtet. Sie hatte keine Jacke mit nach draussen genommen, sie trug nur ein Sommerkleid, und sie trug es wie einen leisen Protest, wie einen Aufstand gegen den nahenden Winter. Sie hatte die Schuhe ausgezogen, ihre Füsse versanken in der kalten Erde, sie legte den Kopf in den Nacken, sog die Luft ein.

Sie ging einige Schritte weiter, setzte sich auf die Mauer am Rande des Gartens, hielt ihr Glas mit beiden Händen fest und zwang sich, zu denken.

Sie grub ihre Zehen zwischen die Moosschichten. Vielleicht war es wieder einmal Zeit für eine Reise, wieder einmal Zeit für eine andere Stadt. Sie dachte zurück, an die Zeit, als sie in diese Stadt gezogen war, dachte an den Hunger, diese bodenlose schwarze Gier, die sie mitgebracht hatte, damals, und daran, dass sie jetzt doch endlich satt sein sollte. Aber es hörte nie auf. Und alles, was blieb, war ein ständiges Pendeln zwischen Gier und Erbrechen. Die Stadt ist ein Fluss zwischen allen Extremen. Und löste sich in diesem Moment in Lichtern auf am Horizont.
Sie sah sich um. Die Uhr stand auf halb sechs, es dämmerte.. Sie zog einen schwarzen Stift aus ihrer Tasche und fing an.

 

Sie hatte Zeit.

Etwas ist da

Manchmal driften wir ganz weit auseinander.

Und plötzlich spüre ich einem Ruck, als würdest du mich an dem seidenen Faden, der sich zwischen dir und mir spannt, zu dir heranziehen. Genau dann, wenn ich diese Dinge von dir lese, die warm und kribbelig in mir aufsteigen oder mich nachdenklich machen, weil es ist, als würde ich in einem Roman lesen, den mein Ich mir aus der Vergangenheit, Zukunft oder der Gegenwart schickt.
Manchmal bist du so erschreckend ich.

Ach ist das Gefühl gut, zu wissen, dass eine Beziehung nicht so einseitig ist wie viele anderen.

Weil wir uns gegenseitig nähren. Uns an unseren seidenen Fäden gegenseitig einfach wieder an uns heranziehen können.

 

Sie standen sich still gegenüber

Warum ich dir nicht schreibe?

Fragst du das?.

 

Du solltest raten, dass ich mich wohl befinde und zwar, ich habe eine Bekanntschaft gemacht, die mein Herz näher angeht.

 

Ich habe – ich weiss nicht.

 

Es war der herrlichste Sonnenaufgang. Sie fragte mich, ob ich nicht auch von der Partie sein wollte; ihretwegen sollte ich unbekümmert sein.

„So lange ich diese Augen offen sehe“, sagte ich und sah sie fest an, „so lange hat’s keine Gefahr“.

Und wir haben beide ausgehalten bis an ihr Tor, das ihr die Magd leise aufmachte und auf ihr Fragen versicherte, dass Vater und Kleine wohl seien und alle noch schliefen.

 

 

Die ersten Minuten ihres Nacktseins waren wunderschön.

 

 

Hallo, und wo warst du?

Der Schmerz frisst an mir, beisst Stücke aus mir heraus, und ich stehe nur da und schaue, was übrigbleibt. Ich kann nicht mehr ausweichen, spüre den Schmerz mit voller Wucht; Emotional auf dem Zahnfleisch und sitze doch aufrecht, halte mich aufrecht.

Dann stehst du da. Dann die Hände, ganz automatisch, wir halten uns fest, du kriechst in mich rein. Du kriechst in mich rein, und ich halte dich.

 

Seit du fort bist, habe ich begriffen, dass jeder Tag eine einzige Unwahrscheinlichkeit ist.

 

Der Abendsonne entgegen

Ich will dir sagen, wie schön du bist, ohne dass es farblos und wie daher gesagt klingt. Es wird genug eben einfach so gesagt. Doch dies soll wertvoll bleiben. Du sollst dich nicht daran gewöhnen. Ich schaue dich an, wie du dort auf dem Boden liegst, die Augen geschlossen. Deine Lider zucken ein wenig im Licht der schwindenden Abendsonne.
Ich schaue hinaus aus dem weiten Flügelfenster, das bis hinab an die Bodenkante reicht. Ich setze mich zu dir, ganz nah, noch näher. Erst jetzt ist es gut. Ich möchte dir etwas sagen. Ich streife dein Haar zur Seite. Ich lege Strähne um Strähne, als wäre jede der besonderen Beachtung wert. Ja, als wäre es gar unhöflich sie zu bündeln oder einer unter ihnen keine Aufmerksamkeit zu schenken. Was spürst du, wenn ich dich berühre, wenn meine Finger an deiner Wange über die Haut fahren, wenn sie etwas von der Sonne nehmen und dir einen Schatten auf das Gesicht legen? Du regst dich nicht. Nur als meine Nase an deinen Arm stösst, murmelst du etwas. Ich verharre, warte einen Moment, bleibe wie ich bin. Einen Augenblick, zwei Augenblicke, drei. Wärst du wach, würdest du meinen Atem hören. Du magst das, hast du gesagt.
“Ich, ich, ich.” – Flüsterton. Ich höre dich lächeln. Hörst du mich? “Ich, ich, ich.”, setze erneut an. Sollst dich nicht daran gewöhnen, nicht, nicht daran gewöhnen. “Ich, ich.”. Drücke meine Lippen vorsichtig an dein Ohr. Spüre den zarten Widerstand und lasse mich ein wenig zurückfallen. Ich schliesse meine Augen und noch bevor ich aus dem Dunkel zurückkehre, flüstert es “ich dich auch, ich dich auch, ich auch”.

Früher wollte ich das nie wissen

Prolog
Wir stehen früh auf, stärken uns und laufen über Stunden hinweg bis in den Nachmittag hinein. Wenn uns keine Wehwehchen plagen und keine Blasen uns vom Weitergehen abhalten, kommen wir sogar halbwegs fit an unserem Ziel an. Ein nettes Lokal. Wir lassen uns auf einem traumhaften kleinen Platz nieder, geniessen kaltes Bier, essen Käse mit Blaubeermarmelade und fühlen uns ein wenig wie kleine Kinder mit blauverschmierten Mündern. Die Sonne wärmt Körper und Herz. Später am Nachmittag wollen wir noch Bilder machen. Drei Menschen. Es macht Spass, wie wir uns austauschen, wie wir unsere unterschiedlichen Beobachtungen, Erlebnisse und Gefühle beschreiben und abermals ist es fast schon schockierend, wie schnell extrem persönliche Dinge auf den Tisch gebracht werden. Persönliche Gedanken, über die man zu Hause lange nachdenkt, bevor man guten Freunden davon erzählt. Aus diesem Austausch ist das Bild entstanden im Sommer 2015.

 

 

Früher wollte ich das nie wissen. Jetzt bin ich älter geworden und die Uhr tickt laut, die Tage und Jahre vergehen wie Luftpostliebesbriefe an die Liebste, die auf einer stürmischen Insel sitzt und auf Schönwetter wartet, während am Ufer die Aufwartungen salzverzehrt sterben.
Die Sonnenbrille beschlägt vom heissen Atem der Unverbindlichkeit und wir lachen, bis uns die Realität die Kehle zuschnürt. Alltag ist grau, dachte ich, Alltag muss grau sein. Aber Alltag ist das, was uns am Leben hält, wenn man das Nichtwissenwollen eintauscht gegen die wohligwarme Umarmung des Zugeständnisses zu einem fremden Menschen, der einem so fern wie die Sonne an einem Gewittertag ist und so nah wie die Regentropfen auf der eigenen Haut.

 

 

Epilog
Leicht ist es nicht. Doch genau das, was ich wollte, raus aus dem Staub der Gewohnheit, raus aus dem Mief der Sicherheit. Jetzt also bin ich in die Achterbahn des Lebens eingestiegen, lache und staune, lasse mir das Adrenalin zu Kopf steigen und drehe Runde um Runde. Zwischendurch ein paar Loopings und ein Traum wird wahr. Nur die Menge an Zuckerwatte in meinem Magen hatte ich vor Fahrtantritt vielleicht nicht ganz bedacht – es ist schwer, den Fixpunkt zu finden und die Sehnsucht zu stillen.

Aber bin ich nicht genau deshalb eingestiegen?

Ich will es nicht hören

Halt mich. Das kannst du gut, mich halten und vor dem Abgrund bewahren, einfach da sein, ohne Fragen, ohne Fordern, die Momente nehmen und geniessen. Während in mir drin die Gedanken durcheinander rauschen und stolpern, unbändig, hartnäckig, weil ich mich nicht daruf einlassen kann, weil ich den Bauch voll habe mit Zuckerwatte. Komm mir nicht zu nah, du könntest verbrennen.

Ihre Hände auf meinem Körper und diese Sehnsucht nach Berührung. Sie weiss nicht, was ich weiss, dass nämlich alles falsch ist irgendwie, eine Lüge in meinem Kopf, ein Versuch nur, ein Ausprobieren. Und fast kommen die Tränen, weil ich verzweifelt versuche, dich zu erinnern, dich und wie es war mit dir, als du mich berührtest, als deine Hände auf meinem Körper spazierten. Ich verliere deinen Geschmack auf meiner Zunge, deinen Geruch und deine Wärme, deine Haut und deinen Mund.

Bis heute frag ich dich insgeheim immer wieder, was das war, was ich in deinen Augen sah, als wir uns zum ersten Mal liebten. Waren das Tränen? Wusstest du schon zu Beginn, dass du mir das Herz brechen würdest?

Nein, sag nichts.
Ich will es nicht hören.

 

Und immer wieder frage ich mich, was zur Hölle eigentlich passiert ist zwischen uns und finde doch keine Antwort. Loslassen will ich dich, aber überall tauchst du auf, zwischen den Brotscheiben, unter der Zeitung, in meinem Kaffee, im Spiegel. Da ist es am schlimmsten. Wenn du mich anstarrst aus meinen eigenen Augen und sachte den Kopf schüttelst. Geh weg, flüstere ich dann, geh weg und lass mich endlich allein, sage ich und denke: ruf doch mal an.

 

“I can’t live with or without you”

 

 

 

Deine Zärtlichkeit

Du schüttest deine Zärtlichkeit aus über mich. Ich stehe immer staunend vor der Tatsache, in welch unendlichem Umfang du fähig bist dazu.

 

Ich lasse mich aus dem Traum gleiten, denn ich will bei dir sein. Noch geniesse ich es, mich einfach streicheln zu lassen. Ich kenne dich, ich weiss, wie du dabei aussiehst. Manchmal wie ein Kind, dass etwas ganz Neues, Fremdes entdeckt, das erforscht werden will, ganz ernsthaft bei der Sache. Manchmal liebevoll lächelnd, weil es dir einfach Freude macht, was du tust und weil du genau weisst, wie sehr ich es mag, was du tust. Manchmal mit gierigem Ausdruck, weil du dich daran erinnerst, welche Lust es dir bereitet hat, und mir. Ich liebe sie alle, diese deine Gesichter. Das Bedürfnis sie zu sehen wächst.

Dafür lebe ich in diesem Moment: zu merken, da ist ein Mensch, der mich will. Nicht meinen Körper, um Spass zu haben, wogegen ja nichts zu sagen ist. Aber das ist dir nicht genug. Du streichelst mit deinen Fingern meine Seele, du küsst mit deinen Lippen meinen Verstand, du dringst ein in meinen Geist.

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