Und dann spüre ich deine Kraft
Mehr Freiheit gibt es nicht, mehr Ich kann ich nicht sein und du vielleicht auch nicht mehr Du, als hier und jetzt unter all diesen Umständen, die man sich selber im Kopf zurechtpflückt und hegt und pflegt und manchmal auch einfach zu sehr wässert. Mögen manche das als seltsam empfinden, mögen sie sich an den Kopf greifen und auf die Zukunft verweisen; was nützt mir, was kommen mag, wenn ich im Jetzt leben kann, was soll morgen schon sein und warum greifen wir ständig auf irgendein seltsames Gestern zurück, um uns Dinge zu erklären, die sich nicht erklären lassen, weil nichts sich wiederholt, weil es immer irgendwie anders ist und dieses Mal eben du darin und ich und dieses Aneinanderschmiegen und die Vorstellung, eines Tages nicht alt und einsam sterben zu müssen, sondern bei Freunden das Leben ausklingen zu lassen mit Rotwein und einem Lächeln auf den Lippen.
Keine Farben, nur ihr Shirt, weiss; ich strich vorsichtig mit der Hand über den Stoff, wir lachten beide, unsere Blicke ineinander verhakt, immer ernster werdend. Je mehr das Lächeln von ihren Lippen, aus ihren Augen wich, desto intensiver wurde der Blickkontakt, ich spürte die Spannung, schmeckte sie. Wie viele Zentimeter waren das noch zwischen uns, ich weiss es nicht, spürte nur, wie es mich zu ihr hinzog, und konnte dieselben Gefühle in ihrem Gesicht lesen. Sie rang mit sich, biss sich auf die Unterlippe, näherte sich mir und schreckte wieder zurück. Atmete ich noch? Eine schiere Ewigkeit standen wir so da, kurz davor und doch nicht bereit, bis es fast körperlich schmerzte, bis ich glaubte, im nächsten Moment zu zerspringen.Und dann zerriss die Spannung, ohne sagen zu können, wer sich auf wen zu bewegt hatte; ihr Mund auf meinem, weiche Lippen, vorsichtig liebkosend, dann verlangend, ich spürte ihren Körper beben und wie sie mir nachgab und doch nicht. Ich öffnete die Augen und habe ihr Gesicht noch nie so weich gesehen. Ich verliebte mich in das Geräusch, das entstand, wenn sich unsere Lippen voneinander lösten. Eine Katze maunzte, wir lächelten leise, Gott, es fühlte sich so richtig an, so richtig und gut. Ihre Hand an meiner Wange während sie mich küsste, und dann der Abschied, und ich winkte noch.Erzähl mir bloss nicht, die Welt sei kein Märchen. Wer das nicht eingesehen hat, wird es vielleicht erst begreifen, wenn das Märchen sich bereits seinem Ende nähert.Jetzt weiss ich, was Sehnsucht ist und Abschied und Distanz. Und nun sind es keine Geschichten mehr. Nun ist es das Leben.Aber du kannst doch jetzt nicht gehen!
Fotobuch Arbeitstitel "Alles wird eins"