“Erst jetzt merke ich bewusst, dass du schon immer da warst. Du warst die Sehnsucht, die mich vorantrieb, du warst die Verzweiflung, du warst die Verliebtheit und auch die Traurigkeit meiner vielen Momente der Einsamkeit. Du warst immer da, und immer überall. Nur allein meine Idee, meine eigene Illusion, ich müsste etwas tun um dich zu finden, hielt mich von der Erkenntnis fern, dass du längst da bist. Immer da warst.“

Sie sitzt da, ein paar Meter entfernt. Bilder, bunte Bilder, aber auch solche in schwarz-weiss erscheinen vor meinem geistigen Auge. Trauer und Schmerz, Millionen nicht gelebter Gefühle dringen durch mich, Gänsehaut und Schweissausbruch vermischen sich, sie werden verwirbelt wie in einem Mixer. Ich rieche frisches Gras, das gemäht wurde, rieche Blumen auf einer Blumenwiese, sehe bunte Farben, Menschen, die in diesem bunten Meer spielen, eine Frau und ein Mann, Wolken, die so weiss sind. dass es weh tut, wenn man in sie schaut.

Dann schaut sie mir tief in die Augen. Mein Herz zerspringt. Ihre Augenbrauen verändern sich, sie ziehen sich zusammen, so als würde sie Informationen tief aus ihrem Gehirn abrufen. Würde sie in ihr Herz gucken, wüsste sie Bescheid. Sie hat mich wahrgenommen, sie weiss, dass sie den Menschen, der ihr so tief in die Augen schaut, von irgendwo her kennt. Ich sehe es genau, wie ihr Kopf auf Hochtouren arbeitet. Mein Herz rast und rast noch mehr, als sich ihr Mund verzieht, ihre Augen sich mit Tränen füllen, sie werden rot wie meine. Wir weinen. Wir gucken uns an und fangen an zu weinen. Kein Laut nur Tränen.

In diesem Augenblick gibt es keine Umwelt, nur ein Raum, in dem Annina und ich uns befinden. Abgeschottet von allen äusseren Einflüssen bewegen wir uns aufeinander zu, bis wir uns so nah sind wie schon lange nicht mehr. Eine Frau, die mir fremd und doch so vertraut ist, steht mir gegenüber. Ein Mensch, der genauso auf der Suche war wie ich, eine Seele, die vor langer Zeit gespalten wurde und kurz davor ist, wieder komplett zu werden. Ich fange ihre Tränen mit einem Finger auf, Tränen der Freude. Worte kommen mir nicht über die Lippen, ich bin zu voll mit Gefühlen. Meine Hand wandert über ihre Wange und nimmt eine Strähne ihres Haares mit. Mein kleiner Finger berührt ihr Ohr, Annina legt ihr Gesicht in meine Handfläche und bricht mir das Herz mit ihrem Blick, der so unendlich warm ist, voller Liebe und Vertrauen.

Es war ein Blick zurück und im Grunde einer in sie hinein. Da! Dieser Augenblick war doch gerade erst noch. Trotzdem liegen Jahre, Jahrzehnte dazwischen – seit damals und jetzt. Ein Blick durchwandert die Zeit, sieht gleichzeitig die Ferne, die Linie zwischen Himmel und Erde. Wie sie unberührt daliegt, unvoreingenommen gegenüber der Welt. Ein Punkt! Da, wo einst noch ein Kinderlachen klang! Jetzt steht sie weit weg davon und schaut zurück. Hätte sie damals ahnen können, wohin die Zeit sie bringen würde? Ein Lächeln zieht ihre Mundwinkel hoch, fein und vorsichtig. Sie schaut gerne zurück, im Bewusstsein, dass vieles noch vor ihr liegt. Das Buch in ihrer Hand liegt darin, als ob es den wertvollsten Platz gefunden hätte. Der ledernde Umschlag riecht nach Gebraucht, Erinnerung und nach unausgesprochenen Geheimnissen.

Du baust dich vor mir auf und wir stehen einander gegenüber. Die Mauer neben uns nimmt Teil an unserem Schweigen, versteht uns, während wir uns bloss anschauen. Deine Gestalt verfolge ich mit meinem Blick, den du mit deinem auffängst. Ja, zwei noch fremde Menschen treffen aufeinander und können nur erahnen, was für ein Geschenk der Begegnung sie gerade am Auspacken sind. Während sich dein Kopf leicht seitlich neigt, senkt sich meiner, während meine Augen auf dich gerichtet bleiben. Was für Geschichten bewahrst du in dir auf? Die Antwort klingt nach Neugier, Wunder, hoffnungsvolles Bangen, bis ich mehr davon erfahre… Was an mein Ohr dringt ist allein der Wind. Die Mauer bleibt grau, wobei wir mit unseren Gedanken daran malen. Und dann ein Schritt – einer von dir auf mich zu. Meine Augen werden gross. Die Distanz wird kaum kleiner, dennoch durchfährt mich deine Nähe, fühlt sich vertraut an und ich schreie in Gedanken, dass ich es mag, wie sich im Moment sich Distanz und Nähe vereint…

Annina umfasst meine Hüften, zieht mich dichter an sich und legt ihren Kopf auf meine Brust. Ihr Duft, er ist so vertraut, so als wäre er immer da gewesen. Sie ist da. Meine Hände halten sie fest. Unsere Tränen trocknen von alleine, sie verdampfen auf unserer Haut. Annina fühlt sich so gut an in meinem Arm. Sie zu halten, ihre warmen Hände auf mir zu spüren, ist alles was ich brauche, nichts auf der Welt würde ich für diesen Augenblick eintauschen. Es ist so vertraut.

Annina bewegt ihre Lippen, sie sagt lautlos

„Komm“.

Wir reden kein Wort, immer, wenn wir uns ansehen, verschlägt es uns die Sprache. Ich weiss nichts über Annina und sie nichts über mich, doch dieses Nichts, werden wir irgendwann aufholen, denn jetzt gibt es keine Zeit zwischen uns, keine vergangenen Jahre.

Wir laufen an den Fluss. Wir laufen ohne Worte, Annina liegt in meinem Arm und ich bin nicht nur froh sie an meiner Seite zu spüren, es ist ein gelebter Traum.

“Ich möchte schwimmen”.

“Ich habe nichts dabei”,

antworte ich und noch während jene Worte irgendwo dort in der Dämmerung verhallen, streifst du dir das Kleid von deinem Körper, lässt das bisschen Schmuck zu Boden fallen und lächelst.

“Ich auch nicht”.

Ich stehe stumm und mit grossen Augen. Beobachte dich. Beobachte, wie die Träger deines Kleids über deine Schultern fallen und ebenjenes, das gerade noch halb über deine Oberschenkel reichte, nun auf dem Boden liegen bleibt. Ich starre wohl, wie ein erstes Mal, wie ein Jüngling, so sonderbar, so verzaubert, so unbeschreiblich. Ich schlucke. Du bist so schön. Du lächelst. Du stehst aufrecht und selbstbewusst. Hast deinen Blick gerade aus.

 

Es wird manches so intensiv wie noch nie.
So unglaublich gut.
So halsüberkopf.
Und.
So unaufhaltsam wahnsinnig.

Dann kommst du auf mich zu. Ich bin ohne Regung, stehe, als habe ich tiefe Wurzeln geschlagen. Du schaust verschmitzt, frech, pausenlos lebendig.