Ich kenne meine Aufgabe

Deine Haut. So glatt. So hell. Überall und nirgends.
 Du lehnst langsam den Kopf zurück und bietest mir deinen Hals. Die Erhabenheit deiner Bewegungen rauben mir den Verstand. Ich höre auf zu denken. Alles was ich noch wahrnehme, ist das wellenschlagende Echo deiner Sinnlichkeit in mir.
 Ich beuge mich über dich und weiss, ich bin verloren.
 Meine Lippen berühren die Kühle deines Halses und verschmelzen mit dir. Dein Duft berauscht mich.
 Ich grabe meine Zähne hungrig und sanft in dein Fleisch. Du bebst unter mir. Warm berührt mich mein Name am Ohr. Diese eine Silbe, die nur mich meint.
 Flüsternder Stoff, als ich mich zu dir lege.
 Gierig greifen deine Arme nach mir.  Die Gewissheit in deinen Augen erzählt es mir.

Ich kenne meine Aufgabe.

 

Wenn ich an deinen Mund denke
wie du mir etwas erzählst
dann denke ich
an deine Worte
und an deine Gedanken
und an des Ausdruck
deiner Augen
beim Sprechen

Aber wenn ich an deinen Mund denke
wie er an meinem Mund liegt

dann denke ich
an deinen Mund
und an deinen Mund
und an deinen Mund
und an deinen Schoss
und an deine Augen
(Erich Fried)

 

Ja, Geliebte.

Ich bete dich an.
Du setzt dich auf mich.
Mit der Gewalt eines brechenden Dammes rauscht das Blut laut durch meinen Schädel.
Mein Puls pocht.

Dein Puls pocht.

 

Ich will dich. Ich will dich.
Ich werfe dich auf den Rücken. Dein Widerstand ist zwecklos. Ich erkenne dich und dein Spiel.
„Nimm mich.“, lächelst du mir mit schamloser Unschuld entgegen. Du kennst mein hungriges Verzehren. Dein Abgrund ist tiefer als meiner. Willig lehnst du dich zurück und lässt mich gewähren und wartest auf den samtenen Nachtschatten in meinen Augen. Beobachtest mich, bis du weisst: die Lichter sind angezündet. Ich brenne. Ja. Komm. Verliere dich. Ich erlöse dich. Von deiner Göttlichkeit. Erlösung. Ich weiss, du willst es.
Mich verschlucken.
Ich höre auf zu atmen.
Dein tiefes Stöhnen vibriert an meiner Kehle und sendet wilde Kreise über meinen Nacken.
Du schälst mir die Haut in Streifen vom Rücken.
Du bäumst dich auf und ich liebe dich für dein Vergessen.
Nichts mehr bist du. Kein Name, kein Schatten, nichts mehr. Ja!
Ein Biss in meine Schulter holt mich zurück aus der wirbelnden Röte vor meinen Augen.
Ich bewege mich nicht. Sehe dich an.
Hör nicht auf. Bitte, hör nicht auf!
Dein Atem fliegt heiss über die Bisswunde.
Nein, ich höre nicht auf.

Ich kenne meine Aufgabe.

Ein Versuch

Die Trennung ist lange her und ebenso lange vergessen, da läuft einem die alte Liebe plötzlich über den Weg. Sofort steigen die Erinnerungen an damals in den Kopf, und ich frage mich in diesem Moment, warum die Beziehung eigentlich auseinanderging. Nach langer Zeit, nach Jahrzehnten weiss ich nicht mehr so recht, was damals eigentlich geschehen ist. Ein Versuch einer Aufarbeitung.

Die Pizza auf dem Teller ist kalt und der Tisch noch warm, als der Kellner die Reste wegräumt. Ein Viertel hat sie in kleine Stücke zerteilt, zwischen den Bissen lief ein Gespräch zwischen zwei Tellern und zwischen vier Füssen um eine Tischplatte herum.

Ein letzter Brief an Dich.

 

Mit grossem Dank an Michael, für ein weiteres Kunstwerk, dass er aus einem durchschnittlichen Bild von mir erstellt hat.

 

 

Dann war die Sonne weg

Es war Abend und die Welt tat, was sie zu tun hatte: weit draussen rauschte ein Zug vorbei, irgendwo hockte ein Vogel und sang ein Nachtlied, die Wolken standen am Himmel, weil sie es mussten. Alles war wie immer.
Die Bäume versanken in weichem Licht der Abendsonne. Es wehte ein Wind, die Art von bewegter Luft, die etwas verhiess, ohne etwas zu versprechen, in der ein wenig Pathos lag. Ausserhalb der Stadt, im Garten eines winzigen Hauses, war nichts wie immer. Dort, auf einem Stück Boden von fünfhundertfünzig Quadratzentimetern, stand eine Frau.

Sie war geflüchtet. Sie hatte nur eine Jacke mit nach draussen genommen. Sie hatte die Schuhe ausgezogen, ihre Füsse versanken in der kalten Erde, sie legte den Kopf in den Nacken, sog die Luft ein und probierte, ob sie den Frühling schmecken konnte.

Sie ging einige Schritte weiter, setzte sich auf die Mauer am Rande des Gartens und zwang sich, zu denken.

„Na, auch geflüchtet?“
Sie erschrak und drehte sich nach der Stimme um. Der Ruf kam von einem, der in Jeans und Pullover den kleinen Weg nahe dem Haus entlang ging.  Sie rief „ja“.
Dann war die Sonne weg.

Er kam auf sie zu, deutete auf die Mauer. „Darf ich?“
Sie nickte, er setzte sich neben sie, sie wandte ihren Blick wieder dahin, wo sie ihn zuletzt verloren hatte. „Schön hier“, stellte er fest und sah wie sie geradeaus über die Felder. Er schwieg.
Die Stille hielt bis zu dem Moment, in dem sie ihn ansah und fragte:

„Wer bist du? Was machst du hier draussen? Was ist dein Plan?“

„Ich atme, ich reise, ich lebe, mal mehr, mal weniger. Ich rede, manchmal zu viel. Ich spiele Gitarre, meist zu wenig. Ich höre zum hundertsten Mal das gleiche Musikstück. Ich kultiviere mein Lebensgefühl wie eine kleine Pflanze in einem Topf, die ich giesse und ins Licht stelle, obwohl ich nicht weiss, was für eine Pflanze es wird, wenn ich sie weiterwachsen lasse. Dieses Lebensgefühl ist wie Liebeslieder schreiben, obwohl du gar nicht genau weisst, für wen. Du wartest eigentlich nur darauf, dass du sie triffst, für die du sie alle geschrieben hast, damit du irgendwann ein Album aufnehmen kannst und deine Band heisst wie du und du kannst es endlich schreiben, auf jedes Cover in grossen Lettern, du sagst es der ganzen Welt, in der Hoffnung, dass es genau sie, diese Eine, hört:

Hey, Du. Ja, Du:
Ich liebe Dich.

Dort wachsen keine Träume mehr

Wo lernen wir uns gegen die Wirklichkeit wehren
die uns um unsere Freiheit betrügen will
und wo lernen wir träumen
und wach sein für unsere Träume damit etwas von ihnen unsere Wirklichkeit wird ?
(Erich Fried)

Dort wachsen keine Träume mehr

 

 

Ich stelle mich auf die Zehenspitzen und sehe in den Spiegel. Ich sehe mir in die Augen wie einem Fremden, der mir gegenübersteht. Lege meine Hand auf meine Wange, sehe die Finger und spüre doch — nichts. Ich beuge mich nach vorne und zähle die Haare meiner Augenbrauen, die Falten unter meinen Augen, die Grübchen in meinen Wangen. Ich muss an sie denken. Sie sagt die Guten kennen die Anzahl deiner Grübchen. Sie hat genau 3. In ihrer rechten Wange. Ein grosses, und zwei winzig kleine. Ich weiss das. Ich mag sie so, wenn sie lacht.
Draussen geht eine Tür auf, leise knarrend, doch sie lässt einen kurzen Windstoss herein, Füsse nähern sich, ich sehe immer noch in den Spiegel und sehe sie im Türrahmen stehen. Ihren Körper, die verwuschelten Haare. Kommst du nach draussen? fragt sie. Ich nicke gleich, geh ruhig schon vor. Sie dreht sich um, ich höre sie in den Garten laufen und sehe noch einmal in den Spiegel. Es ist ein heisser Frühlingstag, auf meiner Stirn sammelt sich Schweiss. Ich streiche mir über den Bart, rasieren, ja, höre sie von draussen, wo bleibst du denn? wende mich ab und gehe nach draussen.

 

Auf der Wiese im Garten liegt eine grosse rote Decke, darauf hat sie zwei Teller gestellt und den Kuchen, den wir gestern gebacken haben. Es ist ein Johannisbeerkuchen. Und eigentlich hat sie ganz alleine gebacken. Ich durfte die Beeren von den Stängeln zupfen, während sie den Teig für den Boden zerkrümelte und die Beeren auf dem Boden verteilte. Sie ass die Teigschüssel leer, während der Kuchen im Ofen war, ich durfte ein bisschen vom Teig probieren, und ich durfte den Kuchen zum Abkühlen aus dem heissen Backofen holen, als er fertig war.
Ich setze mich zu ihr auf die Decke, sie springt noch einmal auf, sagt, ich solle warten, sie läuft ins Haus, um ein Messer zu holen, ich bleibe sitzen und habe einen Kloss im Hals. Und ich staune, wie schön das alles ist. Der Kuchen, der neben mir steht, sieht grossartig aus, die roten Beeren und der helle Teig, aus dem Zuckerkristalle glitzern, ein Grashüpfer hüpft über die Decke, keine einzige Wolke steht am ganzen Himmel, der Apfelbaum wirft einen Schatten über den Rasen. Und über allem liegt eine grosse Stille. Und meine grosse Sprachlosigkeit.
Sie kommt zurück, sie hat eine Kuchenschaufel mitgebracht. Ich bewundere ihren Kuchen und wie schön sie das alles hier draussen gemacht hat, sie lacht und sagt das ist doch alles von alleine da, und gut, dass du so selten den Rasen mähst, siehst du die Schmetterlinge da drüben? Und weisst du schon, wir haben ein neues Vogelnest im Apfelbaum.
Sie sagt, sie kann mit Tieren sprechen. Sie erzählt mir von den Amseln im Garten, von den Eidechsen, die sich auf den Steinen vor dem Haus sonnen. Und sie kennt die Geschichten der Regenwürmer, die sie fand, als sie im Herbst neue Erdbeeren pflanzte. Sie weiss all das, was ich nicht weiss, ihre Welt ist so viel grösser als meine. Und alles, was mir bleibt, ist ein Staunen. Ein Bewundern. Alles, was ich noch kann, ist, Autofahren, und ich kann ihr Lieder singen. Sie sagt immer, dass ich nicht singe, sondern brumme, dabei lacht sie.

Manchmal sagt sie Dinge, die ich nicht verstehe. Früher habe ich manchmal nachgefragt, habe versucht, zu verstehen, was sie meint. Doch inzwischen habe ich begriffen, dass all die Fragen müssig sind. Dass das Fragen nur ein Versuch ist, die Dinge so kompliziert zu machen, dass sie in meine Welt passen. In ihrer Welt ist alles so einfach. In ihrer Welt ist alles so klar. Manchmal wünschte ich mir ein Stück ihrer Welt für meine eigene. Ein Stück von dieser Welt, in der manche Dinge keine Erklärung brauchen. Weil sie einfach — sind.
Sie sagt, wenn es regnet, dann singen die Pflanzen. Manchmal läuft sie dann mit nackten Füssen in den Garten und legt sich auf die Wiese, um zu lauschen. In warmen Sommern bleibt sie dort manchmal die ganze Nacht. Dann bleibe ich auf, setze mich auf die Bank an der Hauswand und bewache sie. Und wenn es am Morgen immer noch regnet, dann liegt sie da, in ihrem regennassen Kleid, immer ohne Schuhe. Und sie schläft. Dann setze ich mich neben sie. Ihre Haare sind ganz nass. Und sie sieht so glücklich aus, wie sie daliegt. Wenn der Regen aufhört, hebe ich ihren Kopf an und lege einen Arm darunter, den zweiten unter ihre Beine, und trage sie ins Haus. Dort lege ich sie auf den grossen Sessel, der ganz nah am Kamin steht, decke sie zu und zünde das Feuer im Ofen an, damit sie sich nicht erkältet. Und wenn sie aufwacht, koche ich ihr Kakao und sie erzählt mir, was sie nachts im Regen gehört hat.
Manchmal gehen wir in die Stadt, nur sie und ich. Wir laufen durch die Stadt.
Im Auto auf der Fahrt zurück sieht sie stumm geradeaus. Auf der Hälfte der Strecke fragt sie, können wir anhalten? Ich muss dir etwas sagen. Ich fahre auf einen Feldweg. Der Kies knirscht unter dem Reifen, erst jetzt merke ich, dass die ganze Zeit Musik an war. Die Felder sind schon ganz grün, der Regen hat ihnen gutgetan, wer weiss, welche Lieder sie singen, hier draussen, wo sie keiner hört, denke ich, schalte den Motor ab und sehe sie an. Sie hat sich abgeschnallt und öffnet die Türe, komm, ich zeig dir was. Am Rand des Feldes wächst Klatschmohn und auf dem einzigen Baum in all der Weite sitzt ein Falke. Weisst du, wo er wohnt? fragt sie, ich weiss es nicht, aber ich glaube, er wohnt überall, wo es einen Himmel und einen Platz zum Landen gibt, sage ich. Dann möchte ich ein Falke sein. Sagt sie. Und läuft weiter. Wir gehen nebeneinander den Weg zwischen den Feldern entlang. Manchmal habe ich Angst, diese Welt könnte ihr etwas anhaben, ihr wehtun, sie könnte an all dieser Gier, diesem Leid, diesem Schmerz um uns herum zerbrechen.
Vorsichtig läuft sie über die Steine, dann in der Mitte des Weges auf dem schmalen Streifen Grün. Die Gräser sind schon ganz lang. Sie streichen an meinen Beinen entlang. Der Wind streicht über die Felder, die Blätter des Baums zittern. Irgendwo zwitschern Vögel, sie rennt los, ihre Haare und ihr Kleid flattern im Wind. Wir sind auf einem kleinen Hügel angelangt, von dem aus man die Stadt sehen kann. Sie bleibt am Rand einer Wiese stehen und schaut hinunter, dann sieht sie mich mit ihren grossen Augen an. Sag … magst du die Stadt? Der Wind weht ihr eine Strähne ins Gesicht, sie streicht sie zur Seite und wendet ihren Blick nicht von mir ab. Ich setze mich auf die Wiese und sehe ihr in die Augen. Ich weiss es nicht. Ich mag an der Stadt, dass wir dort einkaufen gehen können, dass es dort alles gibt, was wir brauchen. Das ist so schwer zu sagen. Magst du denn die Stadt? Sie setzt sich neben mich und blickt auf die Dächer unter uns. Ich weiss es nicht. Aber dort sind alle so schnell. Alle haben immer so viel zu tun. Es gibt so viele Menschen. Und immer laufen alle in dieselbe Richtung. Ich glaube, ich mag die Stadt nicht.

 

Dort wachsen keine Träume mehr.

 

Sie steht auf, nimmt meine Hand, wir gehen schweigend zurück zum Auto und fahren nach Hause.

Ich machte die Augen zu und atmete die Stadt

Aufwachen heisst, dass man geschlafen hat. Irgendwann musste ich eingeschlafen sein. Ich sah nach ihr, sie schlief noch, ich stand auf, schloss vorsichtig das Fenster und sperrte den Autolärm aus, machte die Schlafzimmertür hinter mir zu, hörte das Tapsen meiner nackten Füsse auf dem Laminat, ging durchs Wohnzimmer zur Küche.

 

Auf dem Boden liegt mein weisses Shirt, ich ziehe es an, nehme eine Zigarette aus der Schachtel. Auf der Fensterbank liegt ein Feuerzeug, ich öffne das Fenster, spüre die Wärme, die von draussen hereinströmt, zünde die Zigarette an, rauche und sehe hinaus. Gegenüber steht eine Frau am Fenster, im Stockwerk darunter steht ein Wäscheständer mit weissen T-Shirts, ich zähle, noch drei Etagen, dann kommt das Erdgeschoss, am Hauseingang läutet ein Mann mit Hund, am Strassenrand kein freier Parkplatz, die ganze lange Strasse lang, links dann die Kreuzung, hundert Meter von hier, ich kann die Ampelschaltung gerade so erkennen, gelb-rot-gelb-grün. Die Strassen sind voller Autos, Fahrräder, sie fahren und rasen, Autobremsen quietschen, Motoren heulen auf. Und Menschen, Ströme von Menschen, sie versuchen, an den Häusern vorbeizufliessen, ständig geraten sie ins Stocken, drängen sich dicht aneinander. Es ist sehr schnell, sehr laut, sehr heiss, wenn nicht sofort jemand die Stopptaste drückt, wird alles explodieren. Ich drücke die Zigarette an der Hauswand aus, sehe beim Ausatmen dem Rauch nach, schliesse das Fenster und die Stadt bleibt draussen. Die Stille ist immer noch hier, nicht einmal eine Uhr, die tickt, über der Küche eine Digitaluhr, einundzwanzig Uhr dreiunddreissig.

 

Meine Jeans liegt auf dem Sofa, ich ziehe sie an, trinke ein Glas Wasser öffne die Tür, leise schliesse ich sie, ich laufe, ich laufe, so schnell ich kann, ich renne die Strasse hinunter. Die Menschen strömen an mir vorbei und wenn ich nach oben sehe, kann ich zwischen ihren Köpfen den Himmel sehen.

 

Ich bin allein.

Alleinsein

Ein paar Tage hältst du das Alleinsein aus, sehr gut sogar, zu gut vielleicht, der Antrieb ist kaputt, irgendein Kabel ist durchgeschmort, manch einer nennt das Depression aber wir halten uns über Wasser mit Ablenkung. In solchen Zeiten merkst du dann, wen du eigentlich wirklich gerne sehen würdest, oder besser: wen du nicht sehen magst; keine zwölf Pferde bringen mich vom Sofa, meine Ausrede hat Hand und Fuss und eine Erkältung, die ist gut gegen Gesellschaftsüberfluss und für Nachdenkzeit, für das Sondieren von Wichtigkeiten und das Runterkommen vom ewigen Tanzen auf zu vielen Festen, ich mag diese Ruhe ja, und damals, da hat einer gesagt: das bist doch gar nicht du, du bist doch gar nicht so, und er hat sich irgendwie mal nicht geirrt dabei, weil ich das ewige Getanze satt habe. Wär trotzdem ganz schön, wenn irgendjemand da wäre. Und sei es auch nur, um mich daran zu erinnern, dass es mich gibt.

 

 

 

Epilog:

„Mögen manche das als seltsam empfinden, diese Gedanken, mögen sie sich an den Kopf greifen und auf die Zukunft verweisen; was nützt mir, was kommen mag, wenn ich im Jetzt leben kann, was soll morgen schon sein und warum greifen wir ständig auf irgendein seltsames Gestern zurück, um uns Dinge zu erklären, die sich nicht erklären lassen, weil nichts sich wiederholt, weil es immer irgendwie anders ist und dieses Mal eben du darin und ich und dieses Aneinanderschmiegen.“

Geht auf die Strassen raus und tanzt

Vergesst den Schmerz, vergesst die Angst, hört auf, irgend etwas peinlich zu finden, hört auf, euch ständig Fragen zu stellen. Schaltet eure Köpfe aus, denkt mal nicht nach.

Hör auf, traurige Gedichte zu schreiben.

Fahrt mal wieder aus eurer Haut, macht mal was anderes. Biegt falsch ab, fahrt Umwege, geht raus aus euren Zimmern, euren Wohnungen, euren Städten, vergesst mal alle Pläne und eure Ziele, lasst eure Terminkalender zuhause und sperrt die Vernunft in einen Käfig. Hört auf, vom Leben zu träumen, geht doch einfach mal da hin, wo es ist.

Bestellt einen grossen Container und schmeisst weg, was euch die Luft nimmt und sagt zum Abschied leise fuck you, weint keinem Ding auch nur eine Träne nach, kauft einen Bagger und grabt ein tiefes Loch, bestellt die Betonmischer und macht ein neues Fundament aus eurer Leidenschaft, stellt Kräne auf und baut euch mal was Neues auf, bemalt eure Wände mit neuen Farben.
Trefft Leute, die gut für euch sind, und wenn ihr weggeht, bringt Blumen mit, nehmt alles wahr, aber nichts für selbstverständlich, nehmt mit, was ihr könnt. Hört auf, euch aufzugeben. Verschenkt euch.
Wacht doch mal morgens auf und sagt YEAH!, seid doch einfach mal gut drauf und pfeift ein Lied auf alles. Sucht euch was, wofür ihr brennt, und zündet eure Feuer wieder an, sucht euch wen, der euch mitnimmt, geht ans Ende der Welt oder weiter und kauft euch kein Retourbillet.
Macht euch keinen Kopf und keine Gedanken, erzählt euch Geschichten und das Blaue vom Himmel, fahrt Karussell und Achterbahn, rennt und springt und balanciert auf Mauern, fahrt freihändig Fahrrad und steht wieder auf, wenn ihr runterfallt.
Trinkt Getränke, die in der Sonne glitzern, esst Eis, kauft Kuchen und planiert die Strassen mit Krümeln. Lacht und singt und lasst es doch einfach egal sein, wer euch dabei beobachtet. Spürt doch mal wieder was, freut euch, dass ihr wieder am Leben seid, und feiert der Unvernunft ein grosses Fest.
Kehrt den Dreck aus euren Körpern, fegt die Winterreste auf den Strassen zusammen und schmeisst sie weg, baut eure Städte wieder auf, sortiert eure Leben und pustet den Staub von euren Herzen, geht mal wieder knutschen, seid jung, seid laut, seid wild, dreht die Regler bis zum Anschlag, hört Musik, die das Leben feiert.

 

 

“Das Kunstwerk möchte man also erklären: als ein tiefinneres Geständnis, das unter dem Vorwand einer Erinnerung, einer Erfahrung oder eines Ereignisses sich ausgiebt und, losgelöst von seinem Urheber, allein bestehen kann. Diese Selbständigkeit des Kunstwerkes ist die Schönheit. Mit jedem Kunstwerke kommt ein Neues, ein Ding mehr in die Welt.”
(Rainer Maria Rilke)

“Das wissende Bild* ist ein ein Gemeinschaftswerk von Michael und Urs.

Lieber Michael,
viele liebe Grüsse fliegen zu Dir.
Fang sie ein und denk daran, dass Du Freunde hast, die an Dich denken und Dir alles Gute wünschen.

Happy Birthday!

“Denn im Tau kleiner Dinge findet das Herz seinen Morgen und wird erfrischt.”

Die Sonne malt mir ein Bild

Aufgewacht. Blinzelnd: Urlaubsstimmung, ungestüme Freude; ich bin wieder Kind, die Welt wieder Spielplatz, und alles will entdeckt, betrachtet, gekostet werden. Kaum hat mich der letzte Tropfen Duschwasser berührt, zieht es mich schon hin, zum Fenster, zur Sonne, und obwohl das Fenster einen Spalt breit offensteht, gewinnt die Wärme die Überhand; streichelnde, liebkosende Wärme, ganz anders als alles, was der Winter zu bieten hat. Heizung, Kamin; nichts ist deren Wärme gegen das hier.

Diese Wärme macht nicht schläfrig. Diese Wärme macht leicht, und froh.

Aber da ist diese ständige Hast, das Aufspringen, der Wunsch nach Verbesserung. Perfektion? Die Möglichkeiten. Der Moment ist gut, und schön, das sehe ich, aber die Gedanken ruhen sich nicht aus; ein Kaffee, vielleicht, könnte den Moment noch besser machen, oder das Gefühl frisch geputzter Zähne. Vielleicht lieber Tee, aber was, wenn die Sonne dann nicht mehr? Sollte man vielleicht besser?

„Die letzten Wochen war ich dauernd krank. Normalerweise bin ich nach zwei Tagen wieder auf den Beinen, diesmal ging es mir nach zwei Tagen nur noch schlechter. Darauf folgte eine gesunde Woche mit arbeiten, einem Konzertbesuch und dem Bildermachen. Pünktlich zum Wochenende liege ich dann wieder flach. Diesmal mit Husten und richtig Fieber.
In der Zusammenfassung macht das gefühlte 253 Liter Tee, drei Tonnen Orangen und Äpfel, mehrere riesen Töpfe mit Suppe und zwei Gläser Honig.“

Dinge die mir einfach passieren

So war das, damals, so hat das damals alles angefangen, so nahm die Geschichte ihren Lauf, die Geschichte, die erklärt, dass Dinge mit mir einfach so passieren.

Ach ja Texte zu schreiben, das bedeutet, Gedanken in der richtigen Reihenfolge aneinanderzureihen. Immer einen an den anderen. Manchmal funktioniert das nicht so richtig. Diese Ordnung im Kopf, dieses geordnete Denken, die zurechtgerückten, auf die richtige Länge gestutzten Wortschlangen, das alles ist mir manchmal so fremd. Wenn ich beginne nachzudenken, dann ist da ein Brummen in meinem Kopf, klare Gedanken erkenne ich keine. Dann gebe ich angestrengt auf und der Kopf brummt lauter und alles dreht sich ein bisschen und es ist alles s weit weg und ich schnappe nach Luft. Es ist schwer, das Gefühl zu beschreiben, manchmal noch nicht richtig anwesend zu sein, irgendwie ganz weit weg und doch in einer Art und Weise anwesend im Hier und Jetzt.

Zum Beispiel als du herkamst zu mir, so richtig nahekamst, und sagtest, du willst mich jetzt küssen, du willst mal wissen, wie das ist mit mir, so richtig mit anfassen und Zunge, und als ich dann merkte, du meintest das ernst, da hätte ich einfach Nein sagen können, einfach so, denn da passierte nichts in mir. Ganz leicht wäre es gewesen, dich von mir fernzuhalten und dich, wie nennt man das doch, in die Schranken zu weisen. Nein zu sagen und es auch so zu meinen, einfach aufzustehen und zu gehen.

Danke Michael für die wunderbare Zusammenarbeit

Komm, stell dir vor, wir wären am Meer

Komm, wir kaufen Dynamit und sprengen jedes dieser Zimmer, wir jagen alles in die Luft für einen Wind und einen Himmel. Lass alle Lampen Sonnen sein, den Strassenlärm ein Meeresrauschen, die Bäume Palmen nur zum Lauschen und unsere Kissen einen Strand. Komm, stell dir vor, du wärst am Meer für einen Tag und eine Nacht, für vierundzwanzig Stunden Meer mit mir. Komm, lass uns unsre Zeit neu teilen, potenzieren und dann runden, alle Sonnen-, Wolkenstunden, Zeit zum Gehen und Verweilen,  Flut und Ebbe, Tag und Nacht und Zeit, die uns so weit gebracht hat, dass wir sind, wovon wir träumen, Zeit, in der wir nichts versäumen, Zeit, die uns zu mehr gemacht hat. Komm, leg dich neben mich und mach die Augen zu. Und stell dir vor, dies wäre unsere Zeit und dieser Tag wäre unser Tag. Es wäre ein Tag, an dem wir morgens aufwachten, und alles wäre einfach da. Da wäre ein grosses Meer von Sonnenaufgang bis Sonnenaufgang, ein Himmel und eine Sonne, kleine weisse Wolken, ein Strand und ganz am Ende ein Horizont, und irgendwo in allem wir, der Sand unter unseren Füssen und die Fragen in unseren Augen.

Wir würden entlang der Wasserkante gehen, das Wasser würde um unsere Beine tanzen. Du würdest kleine Quallen, rund geschliffene Glasstücke und blassgrüne Algen finden und fragen, wie Feuersteine aussehen, ich würde nach schwarzen Steinen mit kleinen weissen Flecken suchen und sie für dich sammeln. Wir würden eine Burg bauen, du würdest mit nassem Sand werfen und eine Kette aus Seegras flechten und über die Wellenbrecher springen, als könntest du auf Wasser laufen. Wir würden Steine finden, zu winzigen Sandkörnern geschliffen von der Zeit, die über ihnen verstrichen ist. Die Steine wären in unseren Büchern, in unseren Armkuhlen, in unseren Haaren, auf unseren Mündern. Schwimmen würden wir zwischen den Algen und am Grund nach Muscheln tauchen. Mit nassen Händen würden wir Sandkuchen backen und das Meer würde unser Lachen mit in die Tiefe nehmen. Dann würdest du zum Horizont zeigen und da wäre ein Dreimaster und kein Platz für irgendwas dazwischen. Zwischen uns, dem Himmel, und dem Meer.

Und staunen würden wir. Über die Menschen auf Handtüchern, die sich in jeder Stunde einmal drehen. Über die Kinder, die Möwen jagen, den Strand umgraben und kleine Baggergeräusche in die Weite schicken. Über die Wellen, die zerbrechen und ganz klein werden, bis sie sterben. Über die Schnelligkeit der Ameisen und die Langsamkeit des Seins.

Wir würden uns aus Büchern vorlesen und gegen die Brandung an flüstern, und wenn du fragst, wann wir nochmal schwimmen gehen, würde ich sagen in 7 Kirschen, einen der Kerne würden wir tief in den Sand pflanzen und gegen Nachmittag sässen wir im Schatten des grossen Kirschbaums. Wir würden unsere Sachen an seine Zweige hängen, du würdest dich an seinen Stamm lehnen und da wäre immer ein wenig Kirschsaft in deinen Mundwinkeln.

Wenn wir müde wären, würden wir uns hinlegen, die Augen zumachen und ein Ohr auf den Sand legen, und wäre das Meer einen Augenblick lang still, dann könnte ich deinen Atem hören. Von der Wärme der Sonne würdest du einschlafen, da liesse ich Sand auf deinen Bauch fallen und malte ein Bild darauf und es wäre für immer da, so lange du nur weiterschliefest. Deine Taschen wären voller Steine, an deinen Wimpern klebte Sand und wenn du aufwachtest, schwämme in deinen Augen das Blau, gestohlen vom Himmel, geliehen vom Meer.

Wir würden nichts wollen, nichts hoffen, nichts fürchten. Wir würden sein und sehen, was passiert. Du wärst mein Schatten vor dem Wind, der Salzgeschmack in meinem Mund, das Wassereis, das in meinen Händen schmilzt, die Sonnencreme auf meiner Haut. Der Wind, der durch Dünengras streicht, die Idee von Bleiben in meinem Kopf, der Horizont vor meinen Augen. Mein Sonnensegel um die Mittagszeit, mein Strandfeuer und mein Mondlicht in der Nacht. Du wärst mein Boot auf dem offenen Meer. Und die Strömung, die mich mitnimmt.

Und frei wären wir. Nicht wie die Vögel, die immer nach Hause zurückkehren. Nicht wie der Wind, der in unseren Haaren hängenbleibt. Nicht wie die Schiffe, die den Hafen ansteuern. Wir wären frei wie nichts sonst auf dieser Welt. Wir wären frei wie alles.

Am Abend würden wir Holz sammeln, weit gereiste und gestrandete Stücke vom Meer gewaschener Bäume, angeschwemmt, ausgebleicht, gestrandet wie wir. Du würdest die Steine aus deinen Taschen nehmen und ein Feuer machen und am Ende des Stegs sässe ein Junge mit einer Gitarre. Und in allem wäre ein Lied.

Und wenn die Sonne ganz untergegangen wäre, würden wir ein letztes Mal zum Wasser gehen und nebeneinander am Ufer stehen. Dann käme ein Segelboot vorbei, mit rot und weiss gestreiften Segeln, und du würdest meine Hand nehmen, wir würden dastehen, nicht wartend, dass etwas geschieht, nicht hoffend, dass uns jemand mitnähme bis ans Ende der Welt. Wir würden nur dastehen und meine Hand wäre in deiner.

Ganz spät in der Nacht würden wir einschlafen in unserem Zelt am Strand, mit offenen Ohren, damit das Meer ganz laut bleibt in uns. Ich würde mich bei dir verstecken vor dem Küstenwind und der salzigen Kälte der Meeresnacht. Du würdest die Sonne aus meinem Haar weg atmen und das Salz von meinen Wimpern und mich zudecken mit der letzten Wärme des Tages. Und wenn die Nacht am dunkelsten wäre, würde im Flackern eines Leuchtturmlichts etwas in uns sterben, wie jede Sehnsucht stirbt, wenn sie erfüllt wird.

Am nächsten Morgen würde die Sonne aufgehen und wir müssten gehen. Nicht in unseren Taschen voller Erinnerungen und nicht in unserem Blick auf die Strasse, – nirgends wäre Platz für einen Abschiedsschmerz. Da wäre nur Platz für einen Weg nach Irgendwo, wo kein Zuhause mehr ist. Weil zuhause da ist, wo wir sind.