Und ich erzähle dir Geschichten

Was ist schon dabei, wenn ich noch bleibe, sagst du und bleibst einfach. Alles, was noch ist, bist du. Und dann liegst du so nah bei mir, dass ich ein Herz klopfen höre, ist es deins, ist es meins, ich weiss es nicht, ich will es nicht wissen.

Im Winter ist das alles so einfach, da kann einem kalt sein und man muss einfach ein wenig näher zusammenrücken, damit niemand friert. Im Frühling und Sommer kann einem nicht so einfach kalt sein und man kann nicht einfach der Wärme wegen näher zusammenrücken. Man muss andere Gründe haben, doch Gründe sind tief und Gründe sind schwarz, und wir können kein Grund sein, weil wir kein Teich sind.

Du bist am Kommen, du bist am Gehen, du bist am Bleiben, du bist am Sehen, und ich erzähle dir Geschichten.

Wenn ich viel erzählt habe, schläfst du manchmal ein und ich bleibe wach, nur um dich morgens aufwachen zu sehen.

 

Ich werde die Fensterläden geschlossen halten und die Türen werde ich nicht öffnen, aus Furcht, dass der Wind die Erinnerung, die mir geblieben ist, davonträgt.

 

Sie geht noch einmal auf die Strasse

Der Italiener um die Ecke hat noch ein Glas Grappa.

Dann zieht sie weiter, mit dem Nichts im Blick und dem Alles auf den Schultern. Sie geht mit der Geschwindigkeit derer, die nichts zu verlieren und nichts zu gewinnen haben. Sie geht ohne Ziel, die Füsse werden finden, was die Augen nicht sehen, wovon der Kopf nicht weiss, dass das Herz es sucht.

Bald kommt sie zum Park, duckt sich an Büschen vorbei und geht über den Sand zum Kinderspielplatz. Sie setzt sich auf eine Schaukel, fährt mit den Händen die metallenen Ketten entlang, lässt die Füsse baumeln, pendelt sachte hin und her, holt Schwung, ganz vorsichtig, dann immer mehr, bis sie mit der Nasenspitze die Bäume spürt und mit den Fussspitzen die Wolken treffen kann, bis es kribbelt in ihrem Magen und der Wind in ihren Ohren rauscht.
Als alle Wolken zerplatzt sind, aller Schwung verbraucht ist, schaukelt sie aus, zieht mit den Füssen Spuren in den weichen Sand, spürt den Beginn der Wiese und muss weitergehen.

An Dich denken

Plötzlich träumst du von anderen.

Du widersetzt dich nicht, warum auch, es träumt sich gut.
Deine Hände noch ganz taub beim Aufwachen, weil du versucht hast, etwas festzuhalten, was du nicht festhalten kannst. Es entgleitet dir, er entgleitet dir, dein Herz blutet dabei, aber nicht mehr so stark. Du küsst andere, es tut dir gut, du machst seit Monaten mal wieder die Augen auf und erschauderst beim Blick auf die Welt, sie drängt sich dir auf, fast nicht auszuhalten ist das, du frierst, steckst die Hände unter die Achseln und hebst die Schultern an.

Wenn die Nacht kommt, kommt die Einsamkeit und die Erinnerung.

Auf Treibsand baue ich mein Haus.

 

An Dich denken
und unglücklich sein?
Wieso?
Denken können
ist doch kein Unglück
und denken können
an Dich:
an Dich
wie Du bist
an Dich
wie Du Dich bewegst
an Deine Stimme
an Deine Augen
an Dich
wie es Dich gibt —
wo bleibt da
für wirkliches Unglück
(wie ich es kenne
und wie es mich kennt)
noch der Raum
oder die Enge?
(Erich Fried)

 

Dass Du nicht da bist

Es war der Moment, der alles veränderte, alles in mir und um mich herum. Mit offenen Augen und den weit geöffneten Fenstern meines Bewusstseins daliegend umschloss ich jede Sekunde mit dir einzeln mit beiden Händen, um sie festzuhalten. Doch eine nach der anderen bahnte sich ihren Weg zwischen meinen Fingern hindurch in die Freiheit und zerplatzte im Zwischenraum zwischen Raum und Zeit wie eine Seifenblase.

Nur einige Sekunden später reisse ich die Türe auf und tauche in der Menschenmenge ab. Es ist so leicht, in der Menge unterzugehen. Sich in der Masse zu verlieren. Man hört auf, sich mit sich selbst zu konfrontieren, denn das Gedränge lässt keinen Platz für raumgreifende Fragen. Eine grosse Ansammlung von Menschen entwickelt ihren eigenen, durch die Musik vorgegebenen Herzschlag. Er nimmt dich vollständig ein und saugt dich in sich auf, er übernimmt die Kontrolle über dich und Sekunden später bist du verschwunden.

 

Ich bin so müde
dass ich
wenn ich durstig bin
mit geschlossenen Augen
die Tasse neige
und trinke.

Denn wenn ich die Augen
aufmache
ist sie nicht da
und ich bin zu müde
um zu gehen
und Tee zu kochen.

Ich bin so wach
dass ich dich küsse
und streichle
und dass ich dich höre
nach jedem Schluck
zu dir spreche.

Und ich bin zu wach
um die Augen zu öffnen
und dich sehen zu wollen
und zu sehen
dass du
nicht da bist.
(Erich Fried)

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