Und die Tür fällt hinter ihr ins Schloss

Natürlich kann man sich nie sicher sein. Und wir reden noch ein bisschen, und es geht hin und her, und sie sagt, sie will nicht gehen. Dann bleib, sage ich.

Alles was sie sieht ist, dass ich Angst habe, sie zu verletzen.
Und dann schaut sie mich so an. Ich liege auf dem Bett, seitlich, sie sitzt, an die Wand gelehnt, und betrachtet mich. Und ihr Blick wird so warm, als sie mich anschaut, ich erkenne das wieder. Ich erkenne diesen Blick, was dieser Blick impliziert, und in dem Moment wird mir klar, dass ich das nicht kann. Ich kann diesen Blick nicht ertragen; ich will das nicht.

Irgendwo

Ich kann mich noch ganz genau an diesen Tag erinnern. Daran, wie es gerochen hat. Dieses Gefühl im Bauch. Die Stadt war ganz ruhig und ich bin einfach immer weiter gelaufen. Vorbei an leeren Balkonen, am Ententeich und über die Brücke. Ein Blick zurück.
Die Freiheit so gross. Der Blick so weit.
Wie sehr du fehlst.

Wir haben es nicht besser gewusst, den langen Rückweg nicht bedacht.
Ein Teil von uns ist noch dort, ein Stück hier und den Rest haben wir verloren,

irgendwo dazwischen.

Voller Sehnsucht

Denn wer liebt, der ist voller Sehnsucht und findet nie ruhigen Schlaf, sondern zählt und berechnet die ganze Nacht hindurch die Tage, die da kommen und gehen.
(Chrétien de Troyes)

Ein Brief, jetzt, wo die Entfernung eingetreten ist.
Erinnerungen überall, Im Zimmer. Im Bett wo wir engumschlungen lagen, Haut an Haut, die ganze Nacht. Auf dem Feld, unter dem Sternenhimmel, wo wir uns umarmten.

Leidenschaft. Annäherung und Entfernung, Glück und Trauer. Träume, Hoffnungen.

Ich denke an Deine Hände, an Deine Stimme, Deinen Geruch.

Dein Blick. Dein Lachen, Dein Charme und dann Dein Ich.

Du weisst nicht, wie sich Stille anfühlt

Wenn du gehst, nimmst du nichts mit von mir; meine Gedanken hängen dir nicht nach, vielmehr bleibt etwas von deinen an mir kleben. Kleine Gewissheiten deiner Gegenwart, deiner Existenz; Haut, Mund, Lippen; der weiche Ausdruck in deinem Gesicht; wie du mich an dich ziehst; wie ich vorsichtig dein Gesicht studiere, um nach Veränderung zu suchen, oder nach Kälte, aber nicht fündig werde, und seufzend vergrabe ich meinen Kopf an deiner Schulter und du freust dich, und ich freue mich; wir sind zwei warme Wesen, zwei warme Wesen, die sich gern noch näher wären jetzt, aber es sind Leute im Wohnzimmer, es sind noch andere im Haus, deshalb nur Haut zeigen, wo Haut erlaubt ist, und meine Hand greift sich dein Shirt, und du greifst in mein Haar.

 

Aber eins weiss ich mit Sicherheit: Dass wir das Leben führen, für das wir uns entscheiden. Dass wir so tief fallen, wie wir es zulassen, dass wir so weit sehen, wie wir es wagen, die Augen zu öffnen. Und dass die Worte, die wir sprechen, nur so lange weiterklingen, wie wir ihnen Nachdruck verleihen.

Hallo, sagen. Hallo, und endlich.

Und die Landschaft zieht vorbei, vorbei, die Zeit läuft nicht schnell genug. Schneller, schneller soll er fahren der Zug.

Es fühlt sich richtig an. Der Ton in ihrer Stimme, Kannst du herkommen? Kannst du den nächsten Zug nehmen?

Und in meinem Kopf surrt es. Ich fahre. Natürlich fahre ich. Sie will mich sehen, sie will, dass wir uns nah sind, und ich spüre das in ihrem Tonfall, über Kilometer und Kilometer hinweg.

Die Entscheidung ist längst gefallen,

und es tut wahnsinnig gut.

Dann stehst du vor mir. Dann die Hände, ganz automatisch, wir halten uns fest, du kriechst in mich rein. Du kriechst in mich rein, und ich halte dich. Verlegen bist du, ein bisschen.

Zusammen durch die Nacht

Später schiebe ich mein Fahrrad neben ihr her.

Ihre Augen sagen: Komm’ her und: Ich mag dich, sehr sogar.

Da steht sie und es wird dunkel um uns herum und dann küsst sie mich. Wir uns. Wir uns noch mehr.

Ich meine, es ist nicht das Küssen an sich, nach dem ich mich sehne; es ist die Vertrautheit, die dabei entsteht. Je länger wir uns küssten und je länger ich ihren Atem ganz nah spürte, desto heftiger empfand ich.

Und wir tauschten Worte aus, ehrliche Worte; es schien, als sei es nie ein Problem gewesen, miteinander zu sprechen, das fühlte sich so gut an. Sprechen, küssen, lachen, sprechen. “Was willst du?”, fragte sie mich, und ich war betrunken und irgendwie drehte sich alles, und doch war es noch nie so klar. “Dich”, antwortete ich lachend, und dann, ernster: “Öfter mit dir zusammen sein.”

Und unsere Hände finden einander, ich lächle jemanden an, aber das Lächeln gilt ihr. Gilt ihr, und ich fühlte mich noch einen Tag später gut, fühlte ihre Zärtlichkeit an mir haften, und ich glaube, manchmal braucht es ganz einfach die Zärtlichkeit eines anderen um die eigene Zärtlichkeit zu sich selbst wiederzufinden.

Ich weinte auch

Und als der Regen fiel, hätten wir uns küssen können zwischen den Pfützen, an den grünen Ampeln, auf den Zebrastreifen und unter den Brücken.
Weil unsere Mäntel mit dem Grau des Tages verschwommen wären, hätten nur ein paar Leute uns gesehen, wie wir dastehen, wie ich meine Hände vergrabe in deinen hellen Locken, wie deine Arme um mich geschlungen sind, wie nass unsere Haare schon sind vom Dastehen. Es wäre gewesen wie damals, an jenem Tag, als wir an einem anderen Bahnhof in einer anderen Stadt standen, aneinander gelehnt, uns in die Augen sahen und der alte Mann uns sah, stehenblieb, lächelte und ganz leise sagte so muss die wahre Liebe sein und weiterging.

Epilog

Hätten wir uns geküsst, wäre das Leben weitergegangen wie er.

Ich nehme meine Kamera, klettere einen Hügel hinauf und sehe nach unten. Und es ist genau so, wie ich es schon die letzten Tage geahnt hatte. Genau das, was ich gedacht hatte. Es ist genau der Grund, warum ich schon wusste, dass ich nach meinem ersten Besuch hierher zurückkehren würde, ohne jemals hier gewesen zu sein. Was bleibt, ist dieses Gefühl, schwächer, kleiner, verletzlicher zu sein als je zuvor. Und dabei die Gewissheit, keine Angst zu haben, nicht vor dem Sturm und dem Wasser, nicht vor der Nacht und nicht vor dem Alleinsein am Morgen. Und diese unendlich grosse Dankbarkeit, hier sein, und überhaupt, einfach sein zu dürfen.

 

 

Vorübung für ein Wunder

Wenn Du dies liest, liebe Freundin, einzige, bin ich dir schon fern; im fremden Land, am andern Ufer eines Meeres, das uns trennt oder Zuhause, und schliesse nur nicht auf, wenn es läutet. Es braucht ein Versteck für mich, worin ich mich verschanzen kann für eine Zeit.

Weisst Du noch? Erinnerst Du die Tage, die frühern , die wir unterm Volk verbracht mit Lachen, Trinken, Lieben gar? Wo Dir mein Lächeln Lohn war; Abfindung für düstere Tage, dunkler Katakomben gleich, mit nicht aufhören wollenden Gängen nach allen Seiten Richtung Finsternis sich windend, in die ich dich hinunterführte, du, die du mir folgtest, in die du mitgingst, mir zu liebe, deren Schwärze du nur als Beschützerin meiner noch ertrugst. Du schulterste mich. Anders ging es nicht.

Immer wenn es nicht mehr geht, tauchst du auf und rettest mich.
Das ist der Grund, warum ich floh. Mit dir blieb mir das Schlimmste und Allerschlimmste verwehrt, das jetzt beglichen werden muss. Wie einer, der klopft, den man lange schon erwartet und gefürchtet hat und, nach Jahren, freudig willkommen heisst.

 

Manchmal suche ich Zuflucht
vor mir

 

Ich habe dir nicht geglaubt

Du hast mich in deinen Briefen, in deiner fein geschwungenen Schrift mit nach draussen genommen, in den Regen, den Wind. Du hast die richtigen Fragen gestellt, aber das habe ich erst begriffen, als ich zum ersten Mal über das Blutrot der Sonne staunte. Über die unsagbare Stille der Berge. Über grandiose Blumenfarben am Strassenrand. Als ich den Kopf in den Nacken geworfen und mit dem Wind gelacht habe.

 

 

Ihr Kopf liegt neben mir auf dem Sofa. Sie ist eingeschlafen. Ich rieche die Wärme, die das feuchte Haar abgibt. Sie wollte unbedingt eine Decke, trotz der Hitze. Eine Decke ist wie eine zweite Haut, sie hält ohne etwas zu wollen. Ich verstehe das.

Ich habe wieder angefangen zu lesen und wenn ich lese, will ich gleich auch wieder anfangen zu schreiben. In den letzten Monaten habe ich wenig gelesen und kaum geschrieben.

Worte ändern nichts und alles.

Ich schreibe mich neu.

 

Epilog

Ich habe deine Stimme verloren, weisst du. Es ist zu lange her. Ich würde sie unter vielen nicht wieder erkennen. Aber ich wünsche mir, dass ich das nicht muss. Ich wünsche mir, dass wir uns eines Tages an irgendeinem Bahnhof gegenüberstehen, müde von der Fahrt und vom Vorfreuen, und dass ich dir sagen kann: Ich habe es damals nicht gewusst, aber du hast mir das Leben gerettet.