Du bringst mich um den Verstand

Ein Traum das alles
und ich stehe
mit feuchten Wangen
am Ufer
meiner Welt

 

Steh still, nur einen Moment, während ich dich küsse und koste.
Und ich spüre deine Haut, elektrisiert, es knistert. Kannst du es hören? Ich schalte den Kopf ab, ich denke nicht nach, ich lebe, ich liebe, ich wende mich nach hier und dort, ich trinke des anderen süsse Lust, lasse mich mitreissen und durch die Nacht tragen, und es ist gut – bis am nächsten Morgen die Gedanken wie ein Gewitter über mir zusammenbrechen.

Ich verlier dich, langsam entgleitest du mir. Wie Honig rinnst du mir durch die Finger, und deine süsse Spur verblasst, vom Regen fortgewaschen. Schlaf, schlaf wohl, während ich hoffe, dass du irgendwann wieder auftauchst. Bis dahin wart ich im Regen.

 

All I want is nothing more
To hear you knocking at my door
Cause if I could see your face once more
I could die a happy man I’m sure
(Kodaline)

 

Ich kann nicht denken

„Früher war alles einfach, so einfach wie die Buchstaben in einem Lesebuch. Jetzt ist nichts mehr einfach, nicht einmal mehr die Buchstaben.“
(Hermann Hesse)

 

Du legst deinen Kopf an meine Brust und ich spüre, wie sich mein Herz nervös bis an deine Wangen drückt, als wollte es ausreissen und davonrennen, flüchten und bei dir Schutz suchen. Ich erstarre.

“Was ist los?”

Du richtest dich auf. Kniest auf der weichen Matratze und bist nun auf einer Höhe mit mir.
Deine Augen versuchen in mich einzudringen, sich durchzuwinden und ein Schlupfloch zu finden in der Mauer meines Schweigens. Ich weiche deinem Blick und schaue zu Boden.

Ich spüre deine Finger, wie sie an meiner Hand entlang streicheln, wie Fingerkuppen sich aneinanderdrücken und sich dabei zu einem Kartenhaus aneinander hochstemmen. Das Licht ist gedämpft. Nur die kleine Lampe wirft einen rötlichen Schimmer auf dein Gesicht.

Ich lege meine Hand an deinen Hals und du schmiegst dich daran. Mit dem Daumen berühre ich deine Wangen und verharre einen Moment an deinen Lippen, diesen zarten, honigsüssen Halbmonden. Du drückst einen Kuss darauf.

“Was ist los? Was ist los? Was ist los?”

Worte vernebeln, zerfasern und sickern hinab in das trübe Sumpfland meiner Gedanken. Hilfe, ich ertrinke. Du siehst die tiefen Gräben, die sich in meine Stirn geschlagen haben, diese Zeugen meiner Furcht. Du umfasst mein Gesicht mit beiden Händen. Streichelst durch mein Haar und nur einen Moment später spüre ich, wie deine Nase, diese kleine Erhebung zwischen deinem Mund und deinen Augen, sich daran schmiegt, wie ein Windstoss, der das Laub von den Strassen trägt.

All through the night
I’ll be awake and I’ll be with you
All through the night
This precious time when time is new
Oh, all through the night today
Knowing that we feel the same without saying
(Cyndi Lauper)

 

Und die Tür fällt hinter ihr ins Schloss

Natürlich kann man sich nie sicher sein. Und wir reden noch ein bisschen, und es geht hin und her, und sie sagt, sie will nicht gehen. Dann bleib, sage ich.

Alles was sie sieht ist, dass ich Angst habe, sie zu verletzen.
Und dann schaut sie mich so an. Ich liege auf dem Bett, seitlich, sie sitzt, an die Wand gelehnt, und betrachtet mich. Und ihr Blick wird so warm, als sie mich anschaut, ich erkenne das wieder. Ich erkenne diesen Blick, was dieser Blick impliziert, und in dem Moment wird mir klar, dass ich das nicht kann. Ich kann diesen Blick nicht ertragen; ich will das nicht.

Irgendwo

Ich kann mich noch ganz genau an diesen Tag erinnern. Daran, wie es gerochen hat. Dieses Gefühl im Bauch. Die Stadt war ganz ruhig und ich bin einfach immer weiter gelaufen. Vorbei an leeren Balkonen, am Ententeich und über die Brücke. Ein Blick zurück.
Die Freiheit so gross. Der Blick so weit.
Wie sehr du fehlst.

Wir haben es nicht besser gewusst, den langen Rückweg nicht bedacht.
Ein Teil von uns ist noch dort, ein Stück hier und den Rest haben wir verloren,

irgendwo dazwischen.

Voller Sehnsucht

Denn wer liebt, der ist voller Sehnsucht und findet nie ruhigen Schlaf, sondern zählt und berechnet die ganze Nacht hindurch die Tage, die da kommen und gehen.
(Chrétien de Troyes)

Ein Brief, jetzt, wo die Entfernung eingetreten ist.
Erinnerungen überall, Im Zimmer. Im Bett wo wir engumschlungen lagen, Haut an Haut, die ganze Nacht. Auf dem Feld, unter dem Sternenhimmel, wo wir uns umarmten.

Leidenschaft. Annäherung und Entfernung, Glück und Trauer. Träume, Hoffnungen.

Ich denke an Deine Hände, an Deine Stimme, Deinen Geruch.

Dein Blick. Dein Lachen, Dein Charme und dann Dein Ich.

Du weisst nicht, wie sich Stille anfühlt

Wenn du gehst, nimmst du nichts mit von mir; meine Gedanken hängen dir nicht nach, vielmehr bleibt etwas von deinen an mir kleben. Kleine Gewissheiten deiner Gegenwart, deiner Existenz; Haut, Mund, Lippen; der weiche Ausdruck in deinem Gesicht; wie du mich an dich ziehst; wie ich vorsichtig dein Gesicht studiere, um nach Veränderung zu suchen, oder nach Kälte, aber nicht fündig werde, und seufzend vergrabe ich meinen Kopf an deiner Schulter und du freust dich, und ich freue mich; wir sind zwei warme Wesen, zwei warme Wesen, die sich gern noch näher wären jetzt, aber es sind Leute im Wohnzimmer, es sind noch andere im Haus, deshalb nur Haut zeigen, wo Haut erlaubt ist, und meine Hand greift sich dein Shirt, und du greifst in mein Haar.

 

Aber eins weiss ich mit Sicherheit: Dass wir das Leben führen, für das wir uns entscheiden. Dass wir so tief fallen, wie wir es zulassen, dass wir so weit sehen, wie wir es wagen, die Augen zu öffnen. Und dass die Worte, die wir sprechen, nur so lange weiterklingen, wie wir ihnen Nachdruck verleihen.

Hallo, sagen. Hallo, und endlich.

Und die Landschaft zieht vorbei, vorbei, die Zeit läuft nicht schnell genug. Schneller, schneller soll er fahren der Zug.

Es fühlt sich richtig an. Der Ton in ihrer Stimme, Kannst du herkommen? Kannst du den nächsten Zug nehmen?

Und in meinem Kopf surrt es. Ich fahre. Natürlich fahre ich. Sie will mich sehen, sie will, dass wir uns nah sind, und ich spüre das in ihrem Tonfall, über Kilometer und Kilometer hinweg.

Die Entscheidung ist längst gefallen,

und es tut wahnsinnig gut.

Dann stehst du vor mir. Dann die Hände, ganz automatisch, wir halten uns fest, du kriechst in mich rein. Du kriechst in mich rein, und ich halte dich. Verlegen bist du, ein bisschen.

Zusammen durch die Nacht

Später schiebe ich mein Fahrrad neben ihr her.

Ihre Augen sagen: Komm’ her und: Ich mag dich, sehr sogar.

Da steht sie und es wird dunkel um uns herum und dann küsst sie mich. Wir uns. Wir uns noch mehr.

Ich meine, es ist nicht das Küssen an sich, nach dem ich mich sehne; es ist die Vertrautheit, die dabei entsteht. Je länger wir uns küssten und je länger ich ihren Atem ganz nah spürte, desto heftiger empfand ich.

Und wir tauschten Worte aus, ehrliche Worte; es schien, als sei es nie ein Problem gewesen, miteinander zu sprechen, das fühlte sich so gut an. Sprechen, küssen, lachen, sprechen. “Was willst du?”, fragte sie mich, und ich war betrunken und irgendwie drehte sich alles, und doch war es noch nie so klar. “Dich”, antwortete ich lachend, und dann, ernster: “Öfter mit dir zusammen sein.”

Und unsere Hände finden einander, ich lächle jemanden an, aber das Lächeln gilt ihr. Gilt ihr, und ich fühlte mich noch einen Tag später gut, fühlte ihre Zärtlichkeit an mir haften, und ich glaube, manchmal braucht es ganz einfach die Zärtlichkeit eines anderen um die eigene Zärtlichkeit zu sich selbst wiederzufinden.

Ich weinte auch

Und als der Regen fiel, hätten wir uns küssen können zwischen den Pfützen, an den grünen Ampeln, auf den Zebrastreifen und unter den Brücken.
Weil unsere Mäntel mit dem Grau des Tages verschwommen wären, hätten nur ein paar Leute uns gesehen, wie wir dastehen, wie ich meine Hände vergrabe in deinen hellen Locken, wie deine Arme um mich geschlungen sind, wie nass unsere Haare schon sind vom Dastehen. Es wäre gewesen wie damals, an jenem Tag, als wir an einem anderen Bahnhof in einer anderen Stadt standen, aneinander gelehnt, uns in die Augen sahen und der alte Mann uns sah, stehenblieb, lächelte und ganz leise sagte so muss die wahre Liebe sein und weiterging.

Epilog

Hätten wir uns geküsst, wäre das Leben weitergegangen wie er.

Ich nehme meine Kamera, klettere einen Hügel hinauf und sehe nach unten. Und es ist genau so, wie ich es schon die letzten Tage geahnt hatte. Genau das, was ich gedacht hatte. Es ist genau der Grund, warum ich schon wusste, dass ich nach meinem ersten Besuch hierher zurückkehren würde, ohne jemals hier gewesen zu sein. Was bleibt, ist dieses Gefühl, schwächer, kleiner, verletzlicher zu sein als je zuvor. Und dabei die Gewissheit, keine Angst zu haben, nicht vor dem Sturm und dem Wasser, nicht vor der Nacht und nicht vor dem Alleinsein am Morgen. Und diese unendlich grosse Dankbarkeit, hier sein, und überhaupt, einfach sein zu dürfen.

 

 

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