Immer wieder wenn es regnet

Und immer wieder wenn es regnet. Von der Schwere in deinen Augen und der Musik in den Strassen. Vom Aushalten deines Fortseins und den Erinnerungen im Spiegelbild. Unser Fluss. Dort am Ufer seh ich dich und doch bist du es nicht mehr. Zwischen Frieden und Liebe und all dieser Kälte. Unsichtbar erkenn ich dich, ohne Farbe, Licht nur mit Glanz in den Augen.

 

 

Zwei werden sich nie einig sein, was ein Moment wirklich bedeutet. Was es heisst, wenn ich meine Hand auf deine lege. Was meine stolpernden Worte bedeuten und dein Lächeln, das auf Rückzug geht. Was das Foto bedeutet, das ich von dir geschossen habe, das Foto, das du still auf den Tisch legst, bevor du gehst, eine Erinnerung an bessere, schweigsamere Tage.
Ich bin im Schreiben immer besser gewesen als im Reden. Manchmal denke ich, ich sollte stumm spielen, alles, was ich sagen will, zuerst auf Notizblöcke kritzeln und zehn Mal gegenlesen, alles Überflüssige kürzen und streichen, alles, was zu sehr nach Sehnsucht klingt, nach Brauchen, nach Einsamsein, alles, was zu sehr nach mir klingt. Alles, was mich zurück an den Rand deines Lebens rückt, irgendwo dorthin, wo die unliebsamen, sperrigen Möbel stehen, die man beim nächsten Umzug zurücklässt. Irgendwo kurz vor unbekannt, irgendwo, wo ich begreife, dass Reden ein Spiel ist, das ich nicht gewinnen kann.

 

 

Das richtige Wort

Nicht schlafen mit dir
nein: Wachsein mit dir
ist das Wort
das die Küsse küssen kommt
und das Streicheln streichelt
und das Einatmen einatmet
aus deinem Schoß
und aus deinen Achselhöhlen
in meinem Mund
und aus meinem Haar
zwischen deine Lippen
und das uns Sprache gibt
von dir für mich
und von mir für dich
eines dem anderen verständlicher
als alles
Wachsein mit dir
das ist die endliche Nähe
das Sichineinanderfügen
der endlosen Hoffnungen
durch das wir einander kennen
Wachsein mit dir
und dann
Einschlafen mit dir
(Erich Fried)

 

“Dreh dich um!”, flüsterte sie in mein Ohr. Ich folgte ihrem Wunsch und sah in ihre strahlenden Augen. Ich umarmte sie, fühlte ihre Haut durch das dünne Kleid. Ihr Oberschenkel strich warm an meinem Bein hoch. Ich liess ihm meine Hand entgegenfahren. Spürte den Stoff unter meinen Fingern, bis ich ihre Haut berührte. Die Hand drehte sich ein wenig und begann den Stoff den Oberschenkel hoch zu schieben. Folgte der warmen Haut. Die Jacke fiel wieder hinunter, bedeckte die Hand, hüllte sie ein.
Die Wärme nahm zu. Sanfte Hügel unter meinen Fingerkuppen. Glatte Haut. Da senkte sie das so reizvoll angehobene Bein. Stellte es auf den Boden. Lächelte mich an. Ihre Augen strahlten. Das Wissen, wie sie mir gegenüber stand. Das Wissen, wie sie sich anfühlte. Und gleichzeitig das Verlangen, mehr davon zu spüren. Ich beobachtete sie, ihre Brüste, deren Knospen sich durch den hellen Stoff abzeichneten. Ihr Jacke, die alles verbarg, was doch so nah war. Ihre Lippen, die sanfte Zärtlichkeiten versprachen. Möchtest du mir einen Wunsch erfüllen?” “Gern”, antwortete ich ein wenig atemlos. “Dann möchte ich, dass du nichts unter dieser Jeans trägst.”
“Ich?”
Ein leichtes Stirnrunzeln stoppte meinen Redefluss. “Nein, nein,” wehrte ich ihren kommenden Einwurf gleich ab. “Ich werde es tun, du bist nur die erste Frau, die sich so etwas von mir wünscht. Aber es gefällt mir.”
Sie lächelte mich verführerisch an. Sie strich mir über die Wange, dann über das Kinn um endlich meine Lippen zu berühren.

 

Ich schloss die Augen.

Dich Halten

Ich bin eben in meinem Traum aufgewacht.

 

Wie gerne würde ich jetzt das Licht ein wenig dimmen. So dass ich Deine Konturen besser wahrnehmen könnte.

Ganz, ganz langsam nehme ich Dein Gesicht in meine Hände und gebe Dir einen ganz sanften Kuss auf die Lippen. Wir stehen beide still da. Du hältst mich fest, mit einem gewissen Druck.

Ja das stimmt, aber ich mache noch etwas. Ich schaue dir in die Augen und du kannst meine Seele sehen und ich bin dann wie ein offenes Buch und es könnte heissen das Geheimnis von mir. Ich würde dich wieder küssen und ich weiss das der Kuss alleine schon Riesenwellen auslösen kann und wir küssen uns weiter und stärker und dann küsse ich deinen Hals, deinen Nacken, deine Ohren; ich werde mit der Zunge jeden cm erkunden und meine Hände werden deinem Druck standhalten.

 

Halten
dich
mich zurück – den Atem an – mich an dich
dich fest
aber nicht
dir etwas vorenthalten

Halten
dich in den Armen
in Gedanken – im Traum – im Wachen
Dich hochhalten
gegen das Dunkel
des Abends – der Zeit – der Angst
(Erich Fried)

Immer wenn es regnet

Altes Material in den Händen, im Kopf.

 

Festhalten und weitergehen. Es geht doch noch, wieder loslassen. Vermissen ohne zu fallen.

 

Da sitze ich und bewege mich nicht. Seit etwa einer halben Stunde schaue ich nach draussen. Es ist stürmisch und die Bäume tanzen. Der Wind heult.
Radio hören, mehr geht nicht. Ich könnte es mir gemütlich machen. Ich könnte noch ein bisschen arbeiten. Ich könnte schreiben. Ich könnte noch ein paar Dinge vorbereiten und erledigen.
Aber ich kann nicht. Es geht nicht. Seltsamer Zwischenzustand. Das Warten füllt mich ganz aus, fordert meine ganze Konzentration. Noch nie habe ich so aktiv gewartet. Mein kleiner Finger wartet, mein Bauch, meine Oberlippe. Alles ist gespannt. Es ist schwer in Worte zu fassen, was in mir vorgeht. Alles. Und Nichts. Gefühle, Erinnerungen. Vorstellungen von morgen, Träume, Vorfreude.

Hier sitze ich jetzt also, ich höre Reeto und bin ganz ruhig, ganz wild innen drin und ich warte auf dich.

 

Ganz sanft ruhten wir uns aus. Legten uns hin. Schlossen die Augen und das unter uns nahm die Form unserer Körper an.
Endlosigkeiten verlieren sich im Nichts, manchmal auch nicht. Nur so, mit dir. Alles festhalten, für später.

 

Es regnet nicht mehr.