Ich beobachte Dich

Vorsichtig schiebe ich die Bettdecke von dir, meine Augen wandern über deinen warmen nackten Körper, der im Schlaf gefangen ist. Mein Finger gleitet über deine Wirbelsäule, ich spüre unter deiner Haut deinen lebenden Körper, wunderbar warm fühlst du dich an. Deine Wärme, dein Anblick, deine ganze Menschlichkeit lässt mich erregt atmen.

Du bewegst dich etwas, ganz zart beuge ich mich über deinen Rücken, kurz vor deiner Haut spüre ich deine Wärme, die sich an mein Gesicht schmiegt wie warme Hände. Deinen Duft lasse ich tief in mich gleiten, während mein Finger weiter über deinen schönen warmen Rücken wandert. Kurz vor deinem Po lasse ich meine ganze Hand auf deinem Körper ruhen, damit sich deine Wärme mit meiner vermischt.

Ich merke: ich bin. Ich bin ein Herzschlag. Ich bin ein Atmen. Ich bin ein Fühlen. Ich bin ein Körper, auf den die Sonne scheint.

Meine Lippen formen sich zu einem Kuss, den ich dir zart in deinen Nacken lege. Deine warme Haut berührt mich, ich berühre dich. Meine Zunge lasse ich über meine Lippen gleiten, als sie deine Haut berührt, ist es wie ein Traum, meine Zungenspitze verrät mir deinen Geschmack.

 

Da ist was zwischen euch

Wie sie mich ansah, und in diesem Moment brachen sämtliche Barrikaden, stürzte das Bild, das ich von ihr hatte, lautlos in sich zusammen. Ihr Blick erinnerte mich an den eines Tieres; hastig, nervös witternd, auf dem Sprung.

Ich hatte sie einige Stunden zuvor noch in der Stadt gesehen; sie war geradewegs an mir vorbeigelaufen während ich, an eine Wand gelehnt, gegen die Sonne blinzelte. Sie wirkte kalt, und abweisend. Auf arrogante Weise zielstrebig. Sie hatte mich nicht gesehen, oder selbiges vorgegeben. Sie lief allein; die Arme vor der Brust verschränkt, ihre Jacke zusammenhaltend.

Als sie kurz vor der Kneipe in eine Seitenstrasse abbog, hatte ich das Fahrrad in Windeseile angekettet, dann spurtete ich los. Jemand tönte hinter mir her, was denn los sei, aber es war keine Zeit, etwas zu entgegnen. Sie war noch nicht weit gekommen, als ich nach ihr rief.

Es war einer dieser Momente, in denen man keine Zeit hat, sich einen Plan zurechtzulegen. Ich hatte keine Ahnung, was ich wollte; mich trieb die Ungewissheit, und der Trotz.

Und jetzt, anstelle der Arroganz und der Kälte, die ich von ihr erwartete, warf sie mir den Blick eines Tieres zu, das geschlagen wurde, und nun selbst vor liebkosender Hand zurückschreckt. „Hey“, sagte ich noch einmal. Ich war stehen geblieben als ich das erste Mal nach ihr gerufen hatte, als sei das nicht möglich: Laufen und Rufen zugleich. „Ich dachte, du kommst heute mit?“ Das Fragezeichen klang deutlich an, aber nicht fordernd, nicht beschuldigend. Ein Lächeln zuckte über ihr Gesicht. „Ja, ich“, setzte sie an, „Ich kann nicht, da sind zu viele. Zu viele Menschen. Das ist … Das ist zu viel für mich, …“ Ich starrte sie an. Damit hatte ich nicht gerechnet.

Mühsam schaltete ich. Was sagst du jetzt, zermarterte sich mein Gehirn, was, wie! „Wie heisst du?“ Die Frage war so unpassend wie naheliegend. Seit zwei Wochen rätselte ich schon, wie sie wohl heissen mochte. „Anna “, sagte sie, und mich schüttelte innerlich ein hysterischer Lachkrampf. Der Name scheint sich wie ein roter Faden durch mein Leben zu ziehen. „Ich bin Urs.“, sagte ich, und ging ihr langsam entgegen. Vielleicht wusste sie das schon, aber es schien mir wichtig, ihr im Gegenzug meinen Namen zu sagen. Scheu machte sie ebenfalls ein paar Schritte auf mich zu.

„Ich weiss, dass es lächerlich klingt“, sagte sie, und ich dachte, Absolut nicht, aber ausgerechnet von ihr? Tränen standen in ihren Augen, und ich spürte den Impuls, ihren Arm zu berühren, ihr haltgebend über den Rücken zu streichen. Würde es sie verschrecken? Wir setzten uns auf die Treppenstufen eines Hauseingangs, und sie begann, zu erzählen, als sei ich ihr vertraut; als seien wir einander vor Jahren begegnet.

Ich atme, ich nehme wahr, ich bin

Sie hat sich trotzig auf den Boden sinken lassen, umschlingt ihre Knie mit den Armen. Aus einem plötzlichen Impuls heraus setze ich mich ihr gegenüber und greife ihre Hände und halte sie fest und sage nichts.

Einige Zeit sitzen wir einfach nur da, obwohl so viele Dinge zu tun sind, und gefordert werden; wir sitzen einfach da und atmen den Augenblick in sachten Zügen ein.

„Weisst du, was ich mir gerade dachte?“
Ich träumte vom Morgen und liess das Jetzt Jetzt sein. Liess es einfach sein, liess die Ohnmacht zu, träumte von der Zukunft. Immer von der Zukunft. Bald, bald würde es anders sein, es würde anders werden, und irgendwann.
Irgendwann würde da Schönheit sein, in mir, und jemand würde es sehen, die Leute würden es erkennen, an mir.

Ich sitze da, und ich glaube, sie zu begreifen, begreife ihr Wesen mehr denn je, und eine gewaltige Zärtlichkeit überrollt mich, und ich bleibe stumm da sitzen und gebe mich ihr hin, und versuche, mich nicht darin zu verlieren.

Und vielleicht spürt sie das.

 

 

Mein Blick streift sie immer wieder

„Es tut mir leid wegen gestern wirklich.“
Ich wollte ihr noch sagen, dass ich sie liebe, aber das war mir dann doch zu peinlich im vollgestopften Pendelzug.

„Ich liebe dich.“

Sie ist es, die es sagt und ich lächle und irgendwie ist heute endgültig ein bisschen Frühling geworden.

Der ganze Wagen scheint auf einmal von einer unerklärlichen Hektik erfasst zu werden und das am frühen Morgen, jetzt wo ich ausnahmsweise glücklich bin. Das darf doch alles nicht wahr sein. Was ist los, was soll die Aufregung? Ich will jetzt Frühling sein, ich will jetzt ihre Hände halten und mich an ihr erfreuen. Diesen kleinen unscheinbaren Moment, nichts Spektakuläres zwar, nur ein kleines Glück, das sich nicht festhalten lässt, das bald wieder auf Reise gehen wird, einen anderen Zug, ein Flugzeug oder ein Schiff besteigen wird um andere zu streifen, diesen zarten zerbrechlichen Augenblick will ich jetzt voll auskosten und nichts soll mich daran hindern.

Und dann spüre ich deine Kraft

Du liebst mich mit deiner dir eigenen sanften Unerbittlichkeit. Du lässt mich baden in deinen Augen, nährst mich mit deinen Küssen. Dein Flüstern ist eine lebensnotwendige Süssigkeit.

War ich jemals so wenig und so viel?

Jetzt in diesem Moment dürfen wir sie leben: die unendliche Ruhe, die unerschöpfliche Zärtlichkeit, die reine Liebe. All das darf sich im Alltag nur selten zeigen, zu angreifbar, zu verwundbar wird man durch sie, aber jetzt sind wir herausgenommen aus der Zeit.

Deine Augen, deine wunderschönen Augen sind glücklich, deine Atmung ist wie meine, tief und erholsam. Allein dein Anblick, das langsame in dir Sein, dein Geruch nach Lebendigkeit, die Erkenntnis deiner selbst, deine warme Haut, deine Seele, die mich umgibt, dein warmes Licht, das nie erlischt. Ich umfasse dich und halte dich fest in meinem Arm, mein Kopf ruht auf deiner Schulter, einen sanften Kuss lege ich dir auf deine Wange, einen zärtlichen Kuss, ein Kuss für die Ewigkeit.

Wir haben nach neuen Welten gesucht

Und dann waren wir mit einem Mal allein in der Dunkelheit, sie wollte ihre Schlafsachen holen und ich ergriff die Gelegenheit, ergriff sie und folgte ihr. Während sie alles zusammenklaubte, stand ich an einen Stuhl gelehnt und spürte die Schwere der Situation auf mich niederfallen.

Das hatte ich mir gewünscht, mit ihr allein zu sein und dann, ein paar Worte nur, sie vielleicht an mich ziehen. Ich stand da und konnte nicht, konnte kein Wort herausbringen, keins, das von Belang gewesen wäre. Ich war wie gelähmt. Einerseits wollte ich, wollte mehr als alles andere ihre Lippen schmecken und in ihrem tiefen Blick ertrinken, und andererseits überwog die Angst. War es angst? Unsicherheit. (Dabei war ich mir doch so sicher gewesen.) Ich half ihr, die Sachen zu tragen, das war alles.
Und bei der Umarmung zum Abschied musste ich lächeln, kopfschüttelnd, ich gab wohl auch ein Geräusch von mir, das leicht tadelnd klang, und sie fragte, „was?“, was ist, was habe ich getan, was hast du denn. Du hättest mich küssen sollen, wollte ich erwidern, wieso hast du das nicht, wieso lässt du etwas in mir auflodern und löschst es nicht, sondern schürst es nur immer weiter, wieso?

Warum muss das Leben so kompliziert sein, fiel mir an der Haustür ein, und eigentlich ist es doch so einfach.

Und ich verfluche dieses Leben. Und jubiliere zugleich.

Ich hatte mich auf dem grossen, Stein zusammengerollt, vor dem Feuer. Ein paar Scheite brannten; die Wärme kroch langsam meine Knöchel empor. Auf der Decke zwei Tassen Kaffee. Zwei Tassen? Ich hatte meine dort abgestellt, mir war auf einmal übel gewesen. Ruhig atmen, ich atmete ruhig, ein und aus, ganz ruhig, und sie betrachtete mich. Sie lag da und schaute, und dann legte sie sich neben mich, sodass wir, Gesicht an Gesicht, nebeneinanderlagen.

Ich weiss nicht mehr, was sie noch sagte, was sie flüsterte, als wir so dicht an dicht dalagen. Ihre Nacktsein, waren Aufforderung genug.

„Zum Anbeissen siehst du aus“, sagte ich, glaube ich, noch; und etwas, das überhaupt nicht passte, einfach irgendwas. Sie strich mir mit dem Finger übers Haar, über die Lippen, und ich lächelte, und ich wurde schläfrig, dabei durfte ich nicht, konnte nicht einschlafen, denn ich wollte noch nach Hause.

Und da packte mich leise Wut, kalter Zorn auf sie, die da lag und streichelte, und genau wusste, dass ich sie nie würde lieben können, nie auf diese Art.

Und deshalb öffnete ich den Mund, als ihr Finger wieder meine Lippen nachzeichneten. Und dann kam das Küssen, und ich riss sie an mich, riss sie über mich und zu mir hin.

Auf den Stachel des Begehrens haben wir nur eine Antwort: fangen, einschliessen, festhalten.

Das tiefe Begehren, das realste Begehren ist dann in einem, wenn man zum ersten Mal auf jemanden zugeht. Das löst das Knistern aus. Danach erst kommen Mann und Frau ins Spiel. Aber das, was zuvor geschah – was die gegenseitige Anziehung auslöste -, kann man nicht erklären. Es ist das Begehren in seiner ursprünglichen, reinsten Form.
(Paulo Coelho)

Das Bild ist eine Symbiose von Michael und Urs. Danke für die wunderbare Zusammenarbeit.

 

Epilog

Das echte Liebesleid nistet sich an der Basis unserer Existenz ein, erwischt uns unerbittlich an unserem schwächsten Punkt, greift von da auf alles andere über und verteilt sich unaufhaltsam über unseren ganzen Körper und unser ganzes Leben. Wenn wir unglücklich verliebt sind, dienen unsere sämtlichen Leiden und Sorgen, vom Tod des Vaters bis hin zum banalsten Missgeschick, wie zum Beispiel einem verlegten Schlüssel, als neuerlicher Auslöser für den Urschmerz, der stets bereit ist, wieder anzuschwellen. Wessen Leben durch die Liebe auf den Kopf gestellt wird, so wie meines, der meint immer, zusammen mit dem Liebesleid würden auch alle anderen Sorgen ein Ende finden, und so rührt er unwillkürlich immer wieder an der Wunde in sich drinnen.

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