Jeder spielt seine Rolle, und meine ist eine traurige

Macht man das nicht ständig? Ausser Acht lassen, dass die Menschen, die in unser Leben treten, bereits ihre Geschichten, Wunden und Geheimnisse besitzen, die rein gar nichts mit uns zu tun haben?

Verdammt, ich habe deinen Brief rausgesucht.
Aus dem kleinen Karton, in dem ich Dinge sammle, die mich berühren oder in der Vergangenheit die Kraft dazu hatten.

Ich habe ihn rausgekramt, und allein die Farbe des Briefumschlags und deine rundgeschwungenen Schriftzüge haben mich lächeln lassen. Wir waren jung, denke ich, wir waren so kindlich. Ich muss lächeln über unsere Versuche, tiefgründig zu wirken; tiefgründig und ach-so-klug, das waren wir, und oh-so-melancholisch.

Und dann treiben deine Worte einen schmerzlichen Zug in mein Lächeln; denn du schreibst von Veränderungen, und damals war ich es, die dir Veränderung vorwarf. Es sei gut, schreibst du, dass wir uns verändern und beeinflussen lassen; wir alle tun das, fügst du noch hinzu. Du verschwimmst; das Bild, das ich von dir habe, springt hin und her, wie eine dieser Kippfiguren. Mal sehe ich dich, wie ich dich zu kennen glaube, sehe das, was der liebevolle Tonfall des Briefes verspricht – Dann wieder, nur Leere. Stumpfes Nichts, das ist alles; keine Fratze, kein Hohn, nur Traurigkeit.

Und mir laufen Tränen übers Gesicht, und ich denke, wie ich schon beim ersten Lesen, damals, geweint habe. Damals vor Glück, vor Glück und Dankbarkeit. Aus Geborgenheit. Jetzt? Grüble ich tränenwischend. Weshalb jetzt?

Papierfaltend, briefverschliessend: Aus Nostalgie. Vor Schmerz. Wegen dieser ungeheuren, ohnmächtigen Wut, in die du mich gestürzt hast; weil du zu einem Phantom geworden bist, du, die mir einst so nah war. Auch: Weil ich damals nicht begriffen habe. Weil alles so einfach hätte sein können. Weil es das auch war, ab und zu, und ich das vermisse; ich vermisse dich, und das Chaos, das du in mir angerichtet hast, und ich weine, weil ich weiss, dass du Recht hattest: Es geht mir besser ohne dich.

“Wie hab ich das gefühlt was Abschied heisst.
Wie weiss ichs noch: ein dunkles unverwundnes
grausames etwas, das ein Schönverbundnes
noch einmal zeigt und hinhält und zerreisst.”

Komm, stell dir vor, wir wären am Meer

Komm, wir kaufen Dynamit und sprengen jedes dieser Zimmer, wir jagen alles in die Luft für einen Wind und einen Himmel. Lass alle Lampen Sonnen sein, den Strassenlärm ein Meeresrauschen, die Bäume Palmen nur zum Lauschen und unsere Kissen einen Strand. Komm, stell dir vor, du wärst am Meer für einen Tag und eine Nacht, für vierundzwanzig Stunden Meer mit mir. Komm, lass uns unsre Zeit neu teilen, potenzieren und dann runden, alle Sonnen-, Wolkenstunden, Zeit zum Gehen und Verweilen,  Flut und Ebbe, Tag und Nacht und Zeit, die uns so weit gebracht hat, dass wir sind, wovon wir träumen, Zeit, in der wir nichts versäumen, Zeit, die uns zu mehr gemacht hat. Komm, leg dich neben mich und mach die Augen zu. Und stell dir vor, dies wäre unsere Zeit und dieser Tag wäre unser Tag. Es wäre ein Tag, an dem wir morgens aufwachten, und alles wäre einfach da. Da wäre ein grosses Meer von Sonnenaufgang bis Sonnenaufgang, ein Himmel und eine Sonne, kleine weisse Wolken, ein Strand und ganz am Ende ein Horizont, und irgendwo in allem wir, der Sand unter unseren Füssen und die Fragen in unseren Augen.

Wir würden entlang der Wasserkante gehen, das Wasser würde um unsere Beine tanzen. Du würdest kleine Quallen, rund geschliffene Glasstücke und blassgrüne Algen finden und fragen, wie Feuersteine aussehen, ich würde nach schwarzen Steinen mit kleinen weissen Flecken suchen und sie für dich sammeln. Wir würden eine Burg bauen, du würdest mit nassem Sand werfen und eine Kette aus Seegras flechten und über die Wellenbrecher springen, als könntest du auf Wasser laufen. Wir würden Steine finden, zu winzigen Sandkörnern geschliffen von der Zeit, die über ihnen verstrichen ist. Die Steine wären in unseren Büchern, in unseren Armkuhlen, in unseren Haaren, auf unseren Mündern. Schwimmen würden wir zwischen den Algen und am Grund nach Muscheln tauchen. Mit nassen Händen würden wir Sandkuchen backen und das Meer würde unser Lachen mit in die Tiefe nehmen. Dann würdest du zum Horizont zeigen und da wäre ein Dreimaster und kein Platz für irgendwas dazwischen. Zwischen uns, dem Himmel, und dem Meer.

Und staunen würden wir. Über die Menschen auf Handtüchern, die sich in jeder Stunde einmal drehen. Über die Kinder, die Möwen jagen, den Strand umgraben und kleine Baggergeräusche in die Weite schicken. Über die Wellen, die zerbrechen und ganz klein werden, bis sie sterben. Über die Schnelligkeit der Ameisen und die Langsamkeit des Seins.

Wir würden uns aus Büchern vorlesen und gegen die Brandung an flüstern, und wenn du fragst, wann wir nochmal schwimmen gehen, würde ich sagen in 7 Kirschen, einen der Kerne würden wir tief in den Sand pflanzen und gegen Nachmittag sässen wir im Schatten des grossen Kirschbaums. Wir würden unsere Sachen an seine Zweige hängen, du würdest dich an seinen Stamm lehnen und da wäre immer ein wenig Kirschsaft in deinen Mundwinkeln.

Wenn wir müde wären, würden wir uns hinlegen, die Augen zumachen und ein Ohr auf den Sand legen, und wäre das Meer einen Augenblick lang still, dann könnte ich deinen Atem hören. Von der Wärme der Sonne würdest du einschlafen, da liesse ich Sand auf deinen Bauch fallen und malte ein Bild darauf und es wäre für immer da, so lange du nur weiterschliefest. Deine Taschen wären voller Steine, an deinen Wimpern klebte Sand und wenn du aufwachtest, schwämme in deinen Augen das Blau, gestohlen vom Himmel, geliehen vom Meer.

Wir würden nichts wollen, nichts hoffen, nichts fürchten. Wir würden sein und sehen, was passiert. Du wärst mein Schatten vor dem Wind, der Salzgeschmack in meinem Mund, das Wassereis, das in meinen Händen schmilzt, die Sonnencreme auf meiner Haut. Der Wind, der durch Dünengras streicht, die Idee von Bleiben in meinem Kopf, der Horizont vor meinen Augen. Mein Sonnensegel um die Mittagszeit, mein Strandfeuer und mein Mondlicht in der Nacht. Du wärst mein Boot auf dem offenen Meer. Und die Strömung, die mich mitnimmt.

Und frei wären wir. Nicht wie die Vögel, die immer nach Hause zurückkehren. Nicht wie der Wind, der in unseren Haaren hängenbleibt. Nicht wie die Schiffe, die den Hafen ansteuern. Wir wären frei wie nichts sonst auf dieser Welt. Wir wären frei wie alles.

Am Abend würden wir Holz sammeln, weit gereiste und gestrandete Stücke vom Meer gewaschener Bäume, angeschwemmt, ausgebleicht, gestrandet wie wir. Du würdest die Steine aus deinen Taschen nehmen und ein Feuer machen und am Ende des Stegs sässe ein Junge mit einer Gitarre. Und in allem wäre ein Lied.

Und wenn die Sonne ganz untergegangen wäre, würden wir ein letztes Mal zum Wasser gehen und nebeneinander am Ufer stehen. Dann käme ein Segelboot vorbei, mit rot und weiss gestreiften Segeln, und du würdest meine Hand nehmen, wir würden dastehen, nicht wartend, dass etwas geschieht, nicht hoffend, dass uns jemand mitnähme bis ans Ende der Welt. Wir würden nur dastehen und meine Hand wäre in deiner.

Ganz spät in der Nacht würden wir einschlafen in unserem Zelt am Strand, mit offenen Ohren, damit das Meer ganz laut bleibt in uns. Ich würde mich bei dir verstecken vor dem Küstenwind und der salzigen Kälte der Meeresnacht. Du würdest die Sonne aus meinem Haar weg atmen und das Salz von meinen Wimpern und mich zudecken mit der letzten Wärme des Tages. Und wenn die Nacht am dunkelsten wäre, würde im Flackern eines Leuchtturmlichts etwas in uns sterben, wie jede Sehnsucht stirbt, wenn sie erfüllt wird.

Am nächsten Morgen würde die Sonne aufgehen und wir müssten gehen. Nicht in unseren Taschen voller Erinnerungen und nicht in unserem Blick auf die Strasse, – nirgends wäre Platz für einen Abschiedsschmerz. Da wäre nur Platz für einen Weg nach Irgendwo, wo kein Zuhause mehr ist. Weil zuhause da ist, wo wir sind.

Ich beobachte Dich

Vorsichtig schiebe ich die Bettdecke von dir, meine Augen wandern über deinen warmen nackten Körper, der im Schlaf gefangen ist. Mein Finger gleitet über deine Wirbelsäule, ich spüre unter deiner Haut deinen lebenden Körper, wunderbar warm fühlst du dich an. Deine Wärme, dein Anblick, deine ganze Menschlichkeit lässt mich erregt atmen.

Du bewegst dich etwas, ganz zart beuge ich mich über deinen Rücken, kurz vor deiner Haut spüre ich deine Wärme, die sich an mein Gesicht schmiegt wie warme Hände. Deinen Duft lasse ich tief in mich gleiten, während mein Finger weiter über deinen schönen warmen Rücken wandert. Kurz vor deinem Po lasse ich meine ganze Hand auf deinem Körper ruhen, damit sich deine Wärme mit meiner vermischt.

Ich merke: ich bin. Ich bin ein Herzschlag. Ich bin ein Atmen. Ich bin ein Fühlen. Ich bin ein Körper, auf den die Sonne scheint.

Meine Lippen formen sich zu einem Kuss, den ich dir zart in deinen Nacken lege. Deine warme Haut berührt mich, ich berühre dich. Meine Zunge lasse ich über meine Lippen gleiten, als sie deine Haut berührt, ist es wie ein Traum, meine Zungenspitze verrät mir deinen Geschmack.

 

Da ist was zwischen euch

Wie sie mich ansah, und in diesem Moment brachen sämtliche Barrikaden, stürzte das Bild, das ich von ihr hatte, lautlos in sich zusammen. Ihr Blick erinnerte mich an den eines Tieres; hastig, nervös witternd, auf dem Sprung.

Ich hatte sie einige Stunden zuvor noch in der Stadt gesehen; sie war geradewegs an mir vorbeigelaufen während ich, an eine Wand gelehnt, gegen die Sonne blinzelte. Sie wirkte kalt, und abweisend. Auf arrogante Weise zielstrebig. Sie hatte mich nicht gesehen, oder selbiges vorgegeben. Sie lief allein; die Arme vor der Brust verschränkt, ihre Jacke zusammenhaltend.

Als sie kurz vor der Kneipe in eine Seitenstrasse abbog, hatte ich das Fahrrad in Windeseile angekettet, dann spurtete ich los. Jemand tönte hinter mir her, was denn los sei, aber es war keine Zeit, etwas zu entgegnen. Sie war noch nicht weit gekommen, als ich nach ihr rief.

Es war einer dieser Momente, in denen man keine Zeit hat, sich einen Plan zurechtzulegen. Ich hatte keine Ahnung, was ich wollte; mich trieb die Ungewissheit, und der Trotz.

Und jetzt, anstelle der Arroganz und der Kälte, die ich von ihr erwartete, warf sie mir den Blick eines Tieres zu, das geschlagen wurde, und nun selbst vor liebkosender Hand zurückschreckt. „Hey“, sagte ich noch einmal. Ich war stehen geblieben als ich das erste Mal nach ihr gerufen hatte, als sei das nicht möglich: Laufen und Rufen zugleich. „Ich dachte, du kommst heute mit?“ Das Fragezeichen klang deutlich an, aber nicht fordernd, nicht beschuldigend. Ein Lächeln zuckte über ihr Gesicht. „Ja, ich“, setzte sie an, „Ich kann nicht, da sind zu viele. Zu viele Menschen. Das ist … Das ist zu viel für mich, …“ Ich starrte sie an. Damit hatte ich nicht gerechnet.

Mühsam schaltete ich. Was sagst du jetzt, zermarterte sich mein Gehirn, was, wie! „Wie heisst du?“ Die Frage war so unpassend wie naheliegend. Seit zwei Wochen rätselte ich schon, wie sie wohl heissen mochte. „Anna “, sagte sie, und mich schüttelte innerlich ein hysterischer Lachkrampf. Der Name scheint sich wie ein roter Faden durch mein Leben zu ziehen. „Ich bin Urs.“, sagte ich, und ging ihr langsam entgegen. Vielleicht wusste sie das schon, aber es schien mir wichtig, ihr im Gegenzug meinen Namen zu sagen. Scheu machte sie ebenfalls ein paar Schritte auf mich zu.

„Ich weiss, dass es lächerlich klingt“, sagte sie, und ich dachte, Absolut nicht, aber ausgerechnet von ihr? Tränen standen in ihren Augen, und ich spürte den Impuls, ihren Arm zu berühren, ihr haltgebend über den Rücken zu streichen. Würde es sie verschrecken? Wir setzten uns auf die Treppenstufen eines Hauseingangs, und sie begann, zu erzählen, als sei ich ihr vertraut; als seien wir einander vor Jahren begegnet.

Ich atme, ich nehme wahr, ich bin

Sie hat sich trotzig auf den Boden sinken lassen, umschlingt ihre Knie mit den Armen. Aus einem plötzlichen Impuls heraus setze ich mich ihr gegenüber und greife ihre Hände und halte sie fest und sage nichts.

Einige Zeit sitzen wir einfach nur da, obwohl so viele Dinge zu tun sind, und gefordert werden; wir sitzen einfach da und atmen den Augenblick in sachten Zügen ein.

„Weisst du, was ich mir gerade dachte?“
Ich träumte vom Morgen und liess das Jetzt Jetzt sein. Liess es einfach sein, liess die Ohnmacht zu, träumte von der Zukunft. Immer von der Zukunft. Bald, bald würde es anders sein, es würde anders werden, und irgendwann.
Irgendwann würde da Schönheit sein, in mir, und jemand würde es sehen, die Leute würden es erkennen, an mir.

Ich sitze da, und ich glaube, sie zu begreifen, begreife ihr Wesen mehr denn je, und eine gewaltige Zärtlichkeit überrollt mich, und ich bleibe stumm da sitzen und gebe mich ihr hin, und versuche, mich nicht darin zu verlieren.

Und vielleicht spürt sie das.

 

 

Mein Blick streift sie immer wieder

„Es tut mir leid wegen gestern wirklich.“
Ich wollte ihr noch sagen, dass ich sie liebe, aber das war mir dann doch zu peinlich im vollgestopften Pendelzug.

„Ich liebe dich.“

Sie ist es, die es sagt und ich lächle und irgendwie ist heute endgültig ein bisschen Frühling geworden.

Der ganze Wagen scheint auf einmal von einer unerklärlichen Hektik erfasst zu werden und das am frühen Morgen, jetzt wo ich ausnahmsweise glücklich bin. Das darf doch alles nicht wahr sein. Was ist los, was soll die Aufregung? Ich will jetzt Frühling sein, ich will jetzt ihre Hände halten und mich an ihr erfreuen. Diesen kleinen unscheinbaren Moment, nichts Spektakuläres zwar, nur ein kleines Glück, das sich nicht festhalten lässt, das bald wieder auf Reise gehen wird, einen anderen Zug, ein Flugzeug oder ein Schiff besteigen wird um andere zu streifen, diesen zarten zerbrechlichen Augenblick will ich jetzt voll auskosten und nichts soll mich daran hindern.

Und dann spüre ich deine Kraft

Du liebst mich mit deiner dir eigenen sanften Unerbittlichkeit. Du lässt mich baden in deinen Augen, nährst mich mit deinen Küssen. Dein Flüstern ist eine lebensnotwendige Süssigkeit.

War ich jemals so wenig und so viel?

Jetzt in diesem Moment dürfen wir sie leben: die unendliche Ruhe, die unerschöpfliche Zärtlichkeit, die reine Liebe. All das darf sich im Alltag nur selten zeigen, zu angreifbar, zu verwundbar wird man durch sie, aber jetzt sind wir herausgenommen aus der Zeit.

Deine Augen, deine wunderschönen Augen sind glücklich, deine Atmung ist wie meine, tief und erholsam. Allein dein Anblick, das langsame in dir Sein, dein Geruch nach Lebendigkeit, die Erkenntnis deiner selbst, deine warme Haut, deine Seele, die mich umgibt, dein warmes Licht, das nie erlischt. Ich umfasse dich und halte dich fest in meinem Arm, mein Kopf ruht auf deiner Schulter, einen sanften Kuss lege ich dir auf deine Wange, einen zärtlichen Kuss, ein Kuss für die Ewigkeit.

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