Siehst du, es gibt keine rationalen Argumente gegen Unsinn

Da sitze ich und bewege mich nicht. Seit etwa einer halben Stunde starre ich nach draussen. Es ist stürmisch und die Bäume tanzen. Der Wind heult.

Radio hören, mehr geht nicht. Ich könnte es mir gemütlich machen. Ich könnte noch ein bisschen arbeiten. Ich könnte schreiben. Ich könnte noch ein paar Dinge vorbereiten und erledigen.
Aber ich kann nicht. Es geht nicht. Seltsamer Zwischenzustand. Das Warten füllt mich ganz aus, fordert meine ganze Konzentration. Noch nie habe ich so aktiv gewartet. Mein kleiner Finger wartet, mein Bauch, meine Oberlippe. Alles ist gespannt.

Es ist schwer in Worte zu fassen, was in mir vorgeht. Alles. Und Nichts. Gefühle, Erinnerungen, Trauer. Vorstellungen von morgen, Träume, Vorfreude.

 

Nie mehr, und das für immer. Keine Zukunft, und die Vergangenheit bedeutungslos. Nein, kein Fremder kann so fremd sein wie ein Mensch, der einem einmal nahe war.

 

Hoffnungslos hingegeben: Rainer Maria Rilkes “Die Liebende”

A Woman in Love

Der Sitz der Seele ist da, wo sich Innenwelt und Aussenwelt berühren.

Der Sitz der Seele ist da, wo sich Bewusstes und Unbewusstes berühren.

Die Liebende

Ja ich sehne mich nach dir. Ich gleite

mich verlierend selbst mir aus der Hand,

ohne Hoffnung, dass ich Das bestreite,

was zu mir kommt wie aus deiner Seite

ernst und unbeirrt und unverwandt.

 

… jene Zeiten: O wie war ich Eines,

nichts was rief und nichts was mich verriet;

meine Stille war wie eines Steines,

über den der Bach sein Murmeln zieht.

 

Aber jetzt in diesen Frühlingswochen

hat mich etwas langsam abgebrochen

von dem unbewussten dunkeln Jahr.

Etwas hat mein armes warmes Leben

irgendeinem in die Hand gegeben,

der nicht weiß was ich noch gestern war.

 

Ich kenne ansonsten kein Gedicht, das zu Anfang “Ja” sagt. Wohlgemerkt, Rainer Maria Rilke sagt nicht Ja zur Liebe, er sagt nicht Ja zur Sehnsucht, er sagt Ja zum Sehnen, ein bedeutsamer Unterschied.

Was aber mag das zu bedeuten haben, dass er sein Gedicht mit Die Liebende titelt, aber fortan nicht mehr von Liebe spricht, sondern in der letzten Strophe von Etwas. Meint er mit dem zweimal auftauchenden Indefinitpronomen die Liebe?

Wenn ja, warum spricht er sie nicht an?

Die Antwort hat der Autor selbst gegeben, in einem Gedicht, dem man den Titel Ein Lied gegeben hat; dort heißt es:

.

Sieh dir die Liebenden an,

wenn erst das Bekennen begann,

wie bald sie lügen.

 

Ja, wir müssen als Menschen bekennen: Das Wort, das womöglich am häufigsten mit einer Lüge verbunden ist, ist das Wort Liebe, und der meist verlogene Satz ist womöglich: Ich liebe dich.

Genauso aber kann er eine Innigkeit und Wahrheit enthalten, die die Sterne heller leuchten lässt.

Wie wunderschön schlicht und dadurch so wahr wirken die ersten Worte des lyrischen Ichs auf mich:

 

Ja, ich sehne mich nach dir.

 

Ein Bekennen ohne Lüge.

Ohne Sucht.

Und ein Geständnis … schnörkellos und ohne Umschweife, den Blick auf das eigene Innere schutzlos preisgebend:

 

Ja, ich sehne mich nach dir.

 

Dann, mitten im Vers ein Punkt. Das Gedicht fährt fort: Ich gleite; es folgt ein Enjambement, ein Zeilensprung; jeder wartet, wohin denn die Liebende gleiten mag, nur, was folgt, erwartet niemand:

mich verlierend – das mag noch angehen, aber was soll das: mir aus der Hand?

Wie kann man sich aus der Hand gleiten?

Man muss wissen, welche tiefe Bedeutung an anderer Stelle Rainer Maria Rilke derHand gegeben  hat

In seinem Herbstgedicht heißt es:

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,

als welkten in den Himmeln ferne Gärten;

sie fallen mit verneinender Gebärde.

 

Und in den Nächten fällt die schwere Erde

aus allen Sternen in die Einsamkeit.

 

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.

Und sieh dir andre an: es ist in allen.

 

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen

unendlich sanft in seinen Händen hält.

 

Auf dieses Gedicht so ausführlich zu verweisen, ist deshalb notwendig, weil in unserem Gedicht noch einmal von der Hand gesprochen wird und zwar in Vers 13 und 14:

 

Etwas hat mein armes, warmes Leben

irgendeinem in die Hand gegeben

 

armes warmes ist ein Schlagreim, über seinen Inhalt und über diese Form können wir hier gar nicht reden, zu viele solcher eindrücklicher Details weist dieses Gedicht auf, aber: Ist auch hier von Gott die Rede? Von seiner Hand, so wie imHerbstgedicht?

Im ersten Vers von Die Liebende ist von dir als dem, auf den sich ihr Sehnen richtet, die Rede,  im vierten von deiner. Dann aber heißt es im vorletzten Vers, also der letzten Strophe, überraschend: irgendeinem.

Warum auf einmal diese Distanzierung? Wie kann man von dem, auf den sich das ganze Sehnen als irgendeinem sprechen?

Oder ist es gar keine Distanzierung? Ist dies doch auch die Strophe, wo jenes ominöse und verwirrende Etwas zweimal auftaucht, womit die Liebe gemeint sein mag.

Warum wird auf diese Weise von der Liebe und dem Liebenden, warum wird vonirgendeinem gesprochen?

Ich finde, es hat etwas unglaublich Befreiendes, dass Rilke dieses Wunder, das sich hier andeutet und anbahnt, das Wunder der Liebe nämlich, auch in Bezug auf die gewählten Worte in der Schwebe hält, in der Schwebe des Lebendigen, wie Max Frisch es auszudrücken weiß. Und wer die Gedanken des Schweizer Autors zu dem zweiten Gebot Du sollst Dir kein Bildnis machen kennt oder nachlesen mag, der ist im Grunde dankbar, dass Rilke diese Worte wählt.

In dieser Schwebe kommt zum Ausdruck, wie sanft und vorsichtig Die Liebende mit einem so kostbaren Gut umgeht, dass viel zu oft und unberechtigt Liebe genannt wird, die doch der Schlüssel zu allem wahren Leben ist.

Noch einmal zu der Frage zurück: Ist mit irgendeinem Gott gemeint, weil hier auch von diesem großartigen Symbol der Hand gesprochen wird?

Wohl kaum?

Vielleicht aber von Göttlichem?

Darüber kann uns die zweite Strophe Aufschluss geben.

Zugang finden wir mit Hilfe von Hugo von Hofmannsthals großes PoemWeltgeheimnis. Dort wird die Seele einem Brunnen verglichen. In seine Tiefe hinab tauchen nur wenige. Das ist auch besser so. Denn höchster Reichtum der Tiefe wird mit tiefster Dunkelheit erkauft, das heißt, wer hinabtaucht, muss die Kraft haben, die Macht des Dunkels auszuhalten. Nur wenige waren in der Vergangenheit dessen mächtig. Wir wissen, dass Jesus diese Kraft besaß, Odysseus, Herakles, Orpheus … Sie sind fast an einer Hand abzuzählen.

Dieser Brunnengrund bewahrt ein Geheimnis. Nicht von ungefähr trägt Hofmannsthals Gedicht diese Überschrift und nicht von ungefähr lautet die erste Strophe:

 

Der tiefe Brunnen weiß es wohl,

Einst waren alle tief und stumm,

Und alles wussten drum.

Und Weltgeheimnis endet:

 

Der tiefe Brunnen weiß es wohl,

Einst aber wussten alle drum,

Nun zuckt im Kreis ein Traum herum.

Rainer Maria Rilke ist einer der wenigen, dem sich in seinem lyrischen Schaffen dieses Geheimnis des “Einst” offenbart. In Die Liebenden finden wir diese Offenbarung in der zweiten Strophe:

… jene Zeiten bezieht sich auf das Es war einmal der Märchen. Es ist die Zeit, in der es einen König und eine Königin gab und beide glücklich und in Frieden lebten. Im Märchen stehen diese Wesen für unser ursprüngliches Bewusstsein, für eine intakte Einheit von Vater und Mutter. Es war die Zeit, als Adam und Eva im Paradies waren und Gott ganz einfach deshalb nicht sprach, weil er in ihnen war und sie im Einklang mit ihm waren. Die Beziehung von Vater und Mutter, von König und Königin, von Adam und Eva zu Gott war intuitiv.

Als Gott spricht, als er mit seiner Stimme von außen an Adam und Eva – und beide stehen ja für Dich und Deinen Seelenpartner – herantritt (“Wo bist du?”), da hat unser Bewusstsein den Urgrund des Brunnens bereits zu verlassen begonnen.

.

O wie war ich Eines.

.

Ja, das waren wir, wir waren eine Einheit, denn Gott schuf den Menschen als eine Einheit, als yin und yang.

Leider hat Luther die Schöpfungsgeschichte der Bibel nicht korrekt übersetzt – ich habe an anderer Stelle darüber geschrieben -, sonst könnte klarer sein, dass wir alle Eines waren. Nichts rief, denn alles war in uns. Es bedurfte keines Rates, kein Verrat war möglich, an wen sollte Eines verraten werden?

Bevor es die vielen Sonnenkulte gab, gab es die Steinkulte der Steinzeit. Wir kennen Stonehenge, den Tempel von Avebury, Carnac in der Bretagne … jeder Kontinent hatte im Grunde seine Stein-Heiligtümer. Der Stein war ein Symbol des Göttlichen. An dieses Wissen rühren die Worte

.

meine Stille war die eines Steines

.

und das Murmeln des Baches waren die Wasser des Wissens, die ungeteilt in oben und unten das Wasser des Lebens waren.

An dieses tiefe Wissen rührt Rilke in seinen Worten. Vielleicht finden wir dieses Wissen, dieses Murmeln des Baches im so genannten Hintergrundrauschen der Dunklen Materie, die zu erforschen die Astronomie sich so bemüht

Doch Rilke geht noch tiefer.

Wie wir an oben verlinkter Stelle dargestellt haben, kann das hebräische Wort, das Luther mit Rippe übersetzte, aus der Gott das Weib schuf, indem er diese aus dem Menschen Adam nahm, auch mit Seite übersetzt werden.

Schiller hat auf dieses Wissen in seinem Gedicht Reminiszenz Bezug genommen. So weit wie er, dass aus dem einstigen göttlichen Wesen nun Trümmer wurden, möchte ich nicht gehen, diese Sicht auf den Menschen, auf Mann und Frau, als Trümmer eines ursprünglich EINEN Gottes ergibt sich bei Schiller aus der Situation des lyrischen Ichs. Doch auch er weiß eben – und das ist das Phaszinierende -, dass diese frühere Einheit verloren ist und Etwas in uns sich sehnt, sich sehnt, Ja zu diesem Sehnen zu sagen und hoffnungslos bereit ist, sich dem, was aus dieser Seite kommt, zu öffnen ernst und unbeirrt und unverwandt.

Ja, ich sehne mich nach dir. Ich gleite

mich verlierend selbst mir aus der Hand,

ohne Hoffnung, dass ich das bestreite,

was zu mir kommt wie aus deiner Seite

ernst und unbeirrt  und unverwandt.

Etwas hat das arme warme Leben der Liebenden in die Hand eines Anderen gegeben. Mit einer so großen Selbstverständlichkeit wird dies geschrieben, mit einem so großen Vertrauen, dass dieses Etwas nichts anderes sein kann als das, was wir Liebe nennen.

Für die Liebende beginnt die Zeit unendlicher Gegenwart. Nur sie zählt. Allerdings gibt es sie nicht schlagartig, nicht ohne Unterbrechung – wir leben schließlich auf der Erde. Doch der Prozess beginnt; die Tage des unbewussten dunklen Jahres könnten gezählt sein.

Wie lange auch immer dieser Weg dauert: Er ist es wert, begonnen zu werden.

Oft beginnt er mit einem Sehnen.

Und der Bereitschaft Ja zu sagen:

Ja, ich sehne mich nach dir.

Ich sehe

Ich sehe, wie du mich anschaust, und alles, was ich denken kann, ist, dass du es verdienst, genauso angesehen zu werden.

Also lass mich, lass mich allein. Lass mich in Ruhe. Hör auf. Hör auf, so gut zu mir zu sein; hör auf, mich so anzuschauen. Ich kann nicht, kann dir nicht geben, was du suchst.

Wenn du mich ansiehst, mit dieser vollkommenen Offenheit. Da ist nichts Falsches in deinem Blick; nichts, was mir den Weg versperrt, absolut nichts. Alles, was mir entgegen strömt aus diesem Blick, ist Wärme. Wärme von einem solchen Ausmass, dass ich mich schäme, sie anzunehmen. Ich schäme mich, wie man sich für ein viel zu grosses Feuer schämen kann, wenn man der einzige ist, der sich daran wärmt, obwohl doch so viele frieren.

They are not alone

I look for it in the eyes, the corners of the mouth, the shape of the jaw. Nope, hasn’t aged at all since the last time I saw her, three years ago.

Physically, anyway. She carries herself a bit differently, more subdued, more assured.

We were more at ease with each other, maybe we because we were more at ease with ourselves, maybe because there was far less connection between us than there had been. Now we were just two folks living in separate countries, chatting it up.

 

They are not alone

 

Und die Tür fällt hinter ihr ins Schloss

Natürlich kann man sich nie sicher sein. Und wir reden noch ein bisschen, und es geht hin und her, und sie sagt, sie will nicht gehen. Dann bleib, sage ich.

Alles was sie sieht ist, dass ich Angst habe, sie zu verletzen.
Und dann schaut sie mich so an. Ich liege auf dem Bett, seitlich, sie sitzt, an die Wand gelehnt, und betrachtet mich. Und ihr Blick wird so warm, als sie mich anschaut, ich erkenne das wieder. Ich erkenne diesen Blick, was dieser Blick impliziert, und in dem Moment wird mir klar, dass ich das nicht kann. Ich kann diesen Blick nicht ertragen; ich will das nicht.

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