Stehle mein Herz und bringe mich zum Schweigen

Ich brauche jemanden, der versteht.
Ich brauche jemanden, der zuhört.
Auf dich habe ich die ganzen Jahre gewartet.

Ich sitze mit einer Flasche alkoholfreiem Bier und einer Schüssel voll unangetastetem grünem Salat vor dem Haus. Es ist weder Tag noch Nacht – doch die Farben verblassen langsam. Noch fliegen Schwalben und Fledermäuse gleichzeitig. Ich schaue auf den Bildschirm, ich schaue nach oben, vielleicht steht da jetzt schon ein Stern.

Träume

“Ich habe Dich eingefangen! Jetzt gehörst Du mir! Ich will Dich, hier und sofort, hörst Du das? Ich flüsterte dir ins Ohr, beisse dabei in dein Ohrläppchen, fuhrwerke an deinem Gürtel herum und versuchte ihn zu öffnen. In meiner Hektik schaffte ich es nicht gleich und fluche. Verdammt! Ich werde Dich gefangen nehmen und nie wieder hergeben.”

 

Wenn ich an deinen Mund denke
wie du mir etwas erzählst
dann denke ich
an deine Worte
und an deine Gedanken
und an den Ausdruck
deiner Augen
beim Sprechen
Aber wenn ich an deinen Mund denke
wie er an meinem Mund liegt
dann denke ich
an deinen Mund
und an deinen Mund
und an deinen Mund
und and einen Schoss
und an deine Augen
(Erich Fried)

Du bist der Text den ich schreibe.

Hallo, und wo warst du?

Der Schmerz frisst an mir, beisst Stücke aus mir heraus, und ich stehe nur da und schaue, was übrigbleibt. Ich kann nicht mehr ausweichen, spüre den Schmerz mit voller Wucht; Emotional auf dem Zahnfleisch und sitze doch aufrecht, halte mich aufrecht.

Dann stehst du da. Dann die Hände, ganz automatisch, wir halten uns fest, du kriechst in mich rein. Du kriechst in mich rein, und ich halte dich.

 

Seit du fort bist, habe ich begriffen, dass jeder Tag eine einzige Unwahrscheinlichkeit ist.

 

Ich weinte auch

Und als der Regen fiel, hätten wir uns küssen können zwischen den Pfützen, an den grünen Ampeln, auf den Zebrastreifen und unter den Brücken.
Weil unsere Mäntel mit dem Grau des Tages verschwommen wären, hätten nur ein paar Leute uns gesehen, wie wir dastehen, wie ich meine Hände vergrabe in deinen hellen Locken, wie deine Arme um mich geschlungen sind, wie nass unsere Haare schon sind vom Dastehen. Es wäre gewesen wie damals, an jenem Tag, als wir an einem anderen Bahnhof in einer anderen Stadt standen, aneinander gelehnt, uns in die Augen sahen und der alte Mann uns sah, stehenblieb, lächelte und ganz leise sagte so muss die wahre Liebe sein und weiterging.

Epilog

Hätten wir uns geküsst, wäre das Leben weitergegangen wie er.

Ich nehme meine Kamera, klettere einen Hügel hinauf und sehe nach unten. Und es ist genau so, wie ich es schon die letzten Tage geahnt hatte. Genau das, was ich gedacht hatte. Es ist genau der Grund, warum ich schon wusste, dass ich nach meinem ersten Besuch hierher zurückkehren würde, ohne jemals hier gewesen zu sein. Was bleibt, ist dieses Gefühl, schwächer, kleiner, verletzlicher zu sein als je zuvor. Und dabei die Gewissheit, keine Angst zu haben, nicht vor dem Sturm und dem Wasser, nicht vor der Nacht und nicht vor dem Alleinsein am Morgen. Und diese unendlich grosse Dankbarkeit, hier sein, und überhaupt, einfach sein zu dürfen.

 

 

Warum sollte man sich der Erinnerung entledigen

„Warum sollte man sich der Erinnerungen entledigen, die ebenso für eine gute Zeit stehen?“

 

Ja doch. Du hast das richtig gesehen: Da sind Blätter in meinem Haar und Grashalme auf meinen Lippen. Während du roten Wein getrunken hast, habe ich gewartet, dass etwas passiert. Irgendetwas muss doch irgendwann einmal passieren, das kann doch nicht sein, dass ich hier warte, bis dir der Rotwein von der Zunge tropft und mit ihm eine Lüge oder eine Wahrheit, was weiss ich denn davon. Der Teufel in mir lärmt und tanzt und trinkt und lacht, während der Engel in mir feinbravartig arbeiten geht, Geld verdienen für den Wein, den du trinkst, um Mut zu sammeln für die vielen Fragen, die du mir doch niemals stellen wirst. Unterdessen ist unterwegs etwas verlorengegangen, ich weiss nicht mehr genau, was es war, aber ich vermisse es – mit Inbrunst und doch nur ganz nebenbei, so latent beim Aufstehen und Zubettgehen, beim Umsehen und Nichtverstehen, ständig, immerzu. Während ich in dein Ohr flüstere und die Wahrheit sage, ausnahmsweise einmal, nicht für lange, denn der Wahrheit folgt umgehend eine Lüge, wie das immer so ist mit diesen Dingen, die in uns drin passieren und die wir deswegen partout nicht verstehen können. Du lachst, bittersüss, deine Zunge schwer und dunkelrot deine Zähne; ich warte immer noch.

 

“… Ich trinke solidarisch mit, und es kommt der Blues, gegen den man weder anlieben noch -trinken kann, weil der Sex in diesem Fall sinnlos und Alkohol einem schal werden lässt, und dennoch wird man ganz kurz mitgerissen von den Gedanken und ist kurz wirklich bei sich, bei dem Zwanzigjährigen, der man mal war.”

 

Sie war weg vor langer Zeit.

 

Danke Michael!

Für mich, hier die Non-Blues Version:

Non blues

 

Der Abendsonne entgegen

Ich will dir sagen, wie schön du bist, ohne dass es farblos und wie daher gesagt klingt. Es wird genug eben einfach so gesagt. Doch dies soll wertvoll bleiben. Du sollst dich nicht daran gewöhnen. Ich schaue dich an, wie du dort auf dem Boden liegst, die Augen geschlossen. Deine Lider zucken ein wenig im Licht der schwindenden Abendsonne.
Ich schaue hinaus aus dem weiten Flügelfenster, das bis hinab an die Bodenkante reicht. Ich setze mich zu dir, ganz nah, noch näher. Erst jetzt ist es gut. Ich möchte dir etwas sagen. Ich streife dein Haar zur Seite. Ich lege Strähne um Strähne, als wäre jede der besonderen Beachtung wert. Ja, als wäre es gar unhöflich sie zu bündeln oder einer unter ihnen keine Aufmerksamkeit zu schenken. Was spürst du, wenn ich dich berühre, wenn meine Finger an deiner Wange über die Haut fahren, wenn sie etwas von der Sonne nehmen und dir einen Schatten auf das Gesicht legen? Du regst dich nicht. Nur als meine Nase an deinen Arm stösst, murmelst du etwas. Ich verharre, warte einen Moment, bleibe wie ich bin. Einen Augenblick, zwei Augenblicke, drei. Wärst du wach, würdest du meinen Atem hören. Du magst das, hast du gesagt.
“Ich, ich, ich.” – Flüsterton. Ich höre dich lächeln. Hörst du mich? “Ich, ich, ich.”, setze erneut an. Sollst dich nicht daran gewöhnen, nicht, nicht daran gewöhnen. “Ich, ich.”. Drücke meine Lippen vorsichtig an dein Ohr. Spüre den zarten Widerstand und lasse mich ein wenig zurückfallen. Ich schliesse meine Augen und noch bevor ich aus dem Dunkel zurückkehre, flüstert es “ich dich auch, ich dich auch, ich auch”.

Vorübung für ein Wunder

Wenn Du dies liest, liebe Freundin, einzige, bin ich dir schon fern; im fremden Land, am andern Ufer eines Meeres, das uns trennt oder Zuhause, und schliesse nur nicht auf, wenn es läutet. Es braucht ein Versteck für mich, worin ich mich verschanzen kann für eine Zeit.

Weisst Du noch? Erinnerst Du die Tage, die frühern , die wir unterm Volk verbracht mit Lachen, Trinken, Lieben gar? Wo Dir mein Lächeln Lohn war; Abfindung für düstere Tage, dunkler Katakomben gleich, mit nicht aufhören wollenden Gängen nach allen Seiten Richtung Finsternis sich windend, in die ich dich hinunterführte, du, die du mir folgtest, in die du mitgingst, mir zu liebe, deren Schwärze du nur als Beschützerin meiner noch ertrugst. Du schulterste mich. Anders ging es nicht.

Immer wenn es nicht mehr geht, tauchst du auf und rettest mich.
Das ist der Grund, warum ich floh. Mit dir blieb mir das Schlimmste und Allerschlimmste verwehrt, das jetzt beglichen werden muss. Wie einer, der klopft, den man lange schon erwartet und gefürchtet hat und, nach Jahren, freudig willkommen heisst.

 

Manchmal suche ich Zuflucht
vor mir

 

Irgendeinisch fingt ds Glück eim *

* Irgendwann findet das Glück Dich (Züri West)

Und während ich all die Worte höre, – Gedanken, Gefühle – zieht es kurz im Bauch.
Ein Erinnerungsknoten.

Weisst du noch? Erinnere dich an die wichtigen Dinge.
Veränderungszeiten und der Alltag dazwischen, das vergessen und rennen.

Lass uns kurz stehen bleiben und das Lied zu ende hören.

Wir kennen den Weg, wir trauen uns nur noch nicht, ihn zu gehen.
Wir sind Anfänger, Lebens-Anfänger.
Wir zählen nicht die Erfolge, sondern die Anfänge. Die Momente, in denen wir wieder aufstehen. Immer wieder. Wie Baumringe reihen sich die Versuche aneinander, langsam unendlich viele.
Unzählbar.

Die Geschichte ist noch nicht vorbei.
Der Höhepunkt kommt erst noch, bestimmt.
Wir sind nicht die einzigen, denen es so geht.

Eigentlich ist es ganz einfach.
Sei mutig, sei tollkühn und lass dich nicht verunsichern.
Es ist laut da draussen und schnell und alle wissen alles besser.

Schliess einfach die Augen, hör auf das Pochen deines Herzen, und dann lauf los.

 

Wenn dein Glück kein Glück mehr ist
dann kann deine Lust noch Lust sein
und deine Sehnsucht ist noch
deine wirkliche Sehnsucht
Auch deine Liebe kann noch deine Liebe sein
beinahe noch glückliche Liebe
und dein Verstehen kann wachsen
Aber dann will auch deine Traurigkeit
traurig sein
und deine Gedanken werden mehr und mehr
deine Gedanken
Du bist dann wieder du und fast zu sehr bei dir
Deine Würde ist deine Würde
Nur dein Glück ist kein Glück mehr
(Erich Fried)

Einer dieser Abende

Ganz allein, nur ich und der letzte schluck Rotwein. Dieses Lied und eine Zigarette.

Der Himmel, die frische nach-Regen-Luft.
Gedanken.
Erinnerungen.
Pläne und Wünsche.

Kleine Zettel überall auf dem Schreibtisch.
Einer dieser Abende. Denken und träumen und schreiben und ich sein, ohne Filter.
Die Stille der Nacht und meine Worte, ganz laut.

Der Himmel sieht aus wie gemalt und mir fehlen die Worte. Wie seit Wochen schon. Ich kann die Sätze, die ich fühle, nicht formen, nicht fassen.

Am Horizont flackert es schon wieder hell, es donnert und grummelt.

Die Vögel zwitschern.

Ich brauche Zeit zum Vermissen, Zeit zum Ankommen. Und zwischendurch brauche ich Zeit, um zu fühlen, zu verstehen, sacken zu lassen. Ich muss sortieren, begreifen, einordnen, Schubladen schliessen, um endlich darüber schreiben zu können.

Denn dann wird es besser. bestimmt.

Viel Kaffee und Musik.
Innehalten, ein Schritt nach dem anderen.

Alles scheint zu funktionieren, fast automatisch.

Die Zeit fliegt

Seltsam, wie die Zeit fliegt.
Tage vergehen wie im Rausch, im Traum.
So viele Momente und immer dieses Gefühl im Bauch und immer diese Fragen.

Dinge ausgesprochen, so klar und deutlich wie noch nie. Ganz laut; ohne den Hauch eines Zweifels in der Stimme.

Durch das kleine Dachfenster in den Himmel gucken. selbst die Wolken haben es heute eilig.

Das seltsame Gefühl breitet sich im ganzen Körper aus.

Aus dem Wohnzimmer dringen Chopin-Fetzen zu mir hinauf. Ich sitze in meinem Lieblingssessel.

Der Stift tanzt über das weisse Papier, wird schneller, im Takt der Musik, dreht Pirouetten, schwebt.

Punkt.
Und wieder ziehen Bilder rechts und links an mir vorbei und ich bin ganz leicht.
Innen drin.
Das gibt mir Kraft und Sicherheit.
Egal, was kommt. Egal, was bleibt.

Deswegen lasse ich mich einfach fallen, ins Leben, mitten hinein.

Und dennoch will ich an diesen Ort, den es nicht gibt.

 

Wo lernen wir
uns gegen die Wirklichkeit zu wehren
die uns um unserer Freiheit
betrügen will
und wo lernen wir träumen
und wach sein für unsere Träume
damit etwas von ihnen
unsere Wirklichkeit wird?
(Erich Fried)

 

Das Bild ist aus der Zusammenarbeit mit Michael entstanden.

Ich bin unglaublich glücklich, Michael kennen gelernt zu haben. Zum einen weil er mir als Künstler viel über Ästhetik und Philosophie erzählen kann und ich ihn sofort als Co-Autor für mein Buchprojekt begeistern konnte und zum anderen weil er mir als Mensch in den wenigen Wochen sehr ans Herz gewachsen ist. Die Gespräche mit ihm sind unglaublich wertvoll und gleichzeitig für mich und meine fotografische Entwicklung sehr inspirierend.

Ich mag dich

Stolz recken Blumen sich gegen den Himmel. In das tiefe dunkle blau, dieses Meer, das so stolz über ihren Köpfen schwebt. Ich streife durch sie hindurch. Lasse sie durch meine Finger gleiten. Spüre die feinen langen Gräser auf meiner Haut. Es ist alles weich, merkwürdig, anders.

Neben mir gehst du. Du hältst ein wenig Abstand. Wenn du etwas sagst, dann lächelst du und manchmal, da wirst du rot. Du schaust dann auf den Boden.

Du bist schön. Du bist schön, deine  Lippen, der schüchternen Blick deiner Augen. Alles.

Ich bin gerne mit dir zusammen. Fühle mich wohl bei dir. Es ist schön.

Wir sind scheues Getier. Du und ich. Achten darauf, uns nicht zu schrecken. Nicht voreinander wegzulaufen, davon zu rennen. Wir sprechen vorsichtige Worte.

Ja.

Es ist ein warmer Tag. Ein warmer Wind zieht vorüber. Ich rieche das Getreide, das sich vor und hinter und neben uns in die Ferne zieht. Ich schliesse meine Augen.

„Ich, ich, ich“, stottere ich. Wir bleiben stehen und dein Blick, dieser Quell deiner süssen Verletzlichkeit, wendet sich mir zu.
„Ich mag dich“,

 

sage ich schliesslich. Ich schlucke, zögere. Dann greife ich nach deiner Hand. Es ist alles still. Du, ich, die Welt. Ich spüre, wie ein kräftiger Atem durch deine Lungenflügel strömt und deine Brust hebt. Du reibst deine Lippen aneinander, als seien sie ein wenig trocken und dann, dann lächelst du.

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