Du weisst nicht, wie sich Stille anfühlt

Die Lampen glitzerten in der Abendsonne. Die kahlen Bäume versanken in weichem Licht. Es wehte ein Wind, die Art von bewegter Luft, die etwas verhiess, ohne etwas zu versprechen, in der ein wenig Pathos lag, und dort lag er zu Recht. Denn weit ausserhalb der Stadt, im Garten eines winzigen Hauses, war nichts wie immer. Dort, auf einem Stück Boden von fünfhundertfünzig Quadratzentimetern, stand eine Frau mit der festen Absicht, der Unvernunft zu begegnen.
Sie war geflüchtet. Sie hatte keine Jacke mit nach draussen genommen, sie trug nur ein Sommerkleid, und sie trug es wie einen leisen Protest, wie einen Aufstand gegen den nahenden Winter. Sie hatte die Schuhe ausgezogen, ihre Füsse versanken in der kalten Erde, sie legte den Kopf in den Nacken, sog die Luft ein.

Sie ging einige Schritte weiter, setzte sich auf die Mauer am Rande des Gartens, hielt ihr Glas mit beiden Händen fest und zwang sich, zu denken.

Sie grub ihre Zehen zwischen die Moosschichten. Vielleicht war es wieder einmal Zeit für eine Reise, wieder einmal Zeit für eine andere Stadt. Sie dachte zurück, an die Zeit, als sie in diese Stadt gezogen war, dachte an den Hunger, diese bodenlose schwarze Gier, die sie mitgebracht hatte, damals, und daran, dass sie jetzt doch endlich satt sein sollte. Aber es hörte nie auf. Und alles, was blieb, war ein ständiges Pendeln zwischen Gier und Erbrechen. Die Stadt ist ein Fluss zwischen allen Extremen. Und löste sich in diesem Moment in Lichtern auf am Horizont.
Sie sah sich um. Die Uhr stand auf halb sechs, es dämmerte.. Sie zog einen schwarzen Stift aus ihrer Tasche und fing an.

 

Sie hatte Zeit.

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