Eine neue Jahreszeit

Versprich mir, dass du mir alles gibst, worum ich dich bitte.
Ich werde dich um nichts bitten, dass du mir nicht geben kannst.

Ich laufe den Gang entlang in mein Büro und sage:
„Ich will mich nur mal kurz hinlegen!“
Und dann lege ich mich hin. Einfach so. Auf den Büroteppich.
„Aber was ist denn los?!?“, fragen sie, und ich sage:
„Nichts. Ich will mich nur mal kurz hinlegen.“
„Was ist den passiert?“
„Nichts. Lasst mich doch hier einfach liegen.“
„Jetzt sind wir besorgt!“
„Macht weiter, das beruhigt mich.“

Ich atme, ein aus, ein aus, fünfzehn Mal, ich will mich sortieren, ich will ganz bei mir sein.
Ich denke an früher, wie ich im Gras lag unter den Apfelbäumen, welche Träume, Wünsche und Sehnsüchte ich hatte. Ich wollte mit jemandem schlafen, im nassen, halbhohen Gras an jenem Hang, aber das ist nicht mehr möglich: es gibt diese Wiese so nicht mehr, es gibt diesen jemand nicht, und auch ich bin ein anderer.

Dieser Gedanke stürzt mich immer in Verzweiflung und tiefe Traurigkeit, wenn ich denke, nichts ist möglich, genauso, wie das Gefühl, alles ist möglich, mich so euphorisiert.

Es ist wohl noch vieles möglich – aber nicht mehr alles.

Sie ist eine Woche ausser Landes, und ich bin unglücklich darüber, weil ich sie immerzu küssen will und nicht kann. „Es ist ja davon auszugehen, dass ich auch wieder zurückkomme“, tröstet sie mich, und hat natürlich recht.

Heute war tatsächlich nichts, niemand hat geschrieen, nichts ist explodiert, ist nur viel Arbeit gerade, deshalb stehe ich wieder auf und kehre zu meinem Schreibtisch zurück..

 

Epilog
Von Montag auf Donnerstag plötzlich eine neue Jahreszeit, als hätte jemand das Kalenderblatt abgerissen, und darunter kommen satte Farben und pralle Blüten zum Vorschein. Nach der Arbeit ist es noch so hell, dass ich auf die Uhr schauen muss, um mich zu vergewissern, dass ich nicht eine Stunde zu früh nach Hause gegangen bin. Der Zug ist leer wie sonst nie, und mein Buch ist so gut, dass mir nach fast einem Jahr passiert, was ich immer schon befürchtet hatte: ich fahre eine Station zu weit. Auch mal was anderes.
Ich mag, wie es jetzt gerade ist. Die Arbeit, mich selbst, die Stadt und die Menschen darin.

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