Egal wie schnell man lebt

Egal wie schnell man lebt – das Leben ist uns doch am Ende immer zwei Schritte voraus, und bis wir erst einmal meinen, es eingeholt zu haben, ist es schon um die nächste Ecke verschwunden.

 

Prolog
Ich stapfe über die Brücke, die Hände in den Taschen. Es ist kalt, nachts um halb zwölf. Ich schlucke die Tränen runter, die entgegenkommenden Menschen sollen mich nicht heulen sehen. Warum hast Du mich nicht angefasst, den Arm um mich gelegt, wenigstens? Ich habe Dir die Stadt gezeigt bei Nacht, wir haben Cocktails getrunken und den Zügen nachgeschaut. Einmal habe ich Deine Hand genommen, du hast sie weggezogen. Jetzt bin ich wie ein Kind, wütend und frustriert. Es ist ein Fehler in mir, denke ich. Wie ein Webfehler in einem Teppich, immer bleibt man mit dem Finger daran hängen und kann es nicht mehr berichtigen.
Ich soll nicht immer alle Schuld bei mir suchen; mir nicht immer Vorwürfe machen, hat mir mal jemand gesagt. Jetzt erst begreife ich, was es damit auf sich hat: wenn ich alles Falsche in mir vermute, dann nehme ich dem anderen das Recht, seine eigenen Gründe zu haben. Gründe, die mir verborgen bleiben.

 

Abends ist der Bahnhof noch immer belebt, ich stehe neben einer Gruppe von Fussballfans und bin ziemlich sauer und ein wenig nervös. Ich hasse den schäbigen, dreckigen Bahnhof, ich hasse das Warten. Dann sehe ich sie, daumennagelgross, am Ende des Gebäudes. Ich laufe ihr entgegen, bin ganz gerührt von diesem Moment des Wiedererkennens. Sie nimmt mich in die Arme, sie ist warm und fühlt sich wunderbar an, sie riecht fantastisch und alles ist gut.

Wir gehen in die Stadt, Hand in Hand. Am Schönsten ist es, als wir zusammen in einen grossen Buchladen gehen, die Regale durchstöbern, einen Kaffee trinken und einander die Beute zeigen.

Du sitzt in meinem weissen Sessel. Du hast mich nach Hause gebracht, hast Dich nicht davon abbringen lassen, ich verstehe nicht, warum, oder was anders ist als in der Nacht, in der Du mich allein hast gehen lassen.
„Willst Du hier schlafen?“, frage ich Dich im Vorübergehen und verschwinde in der Küche; Dein verblüfftes Gesicht im Augenwinkel. Als ich zurückkomme, habe ich einen Spruch auf den Lippen, der uns beiden einen Rückzug ohne Gesichtsverlust ermöglicht, aber Du ziehst mich einfach zu Dir, greifst nach mir, lässt mich nicht mehr los und küsst mich, küsst mich.

Nacht. Morgengrauen. Morgen. Vormittag. Mittag. Früher Nachmittag.
Leidenschaft. Sex. Ekstase. Knutschen. Löffeln. Umarmen. Streicheln. Dösen. Reden. Zärtlichkeit. Sex. Schweiss. Rumschreien. Löffeln. Lachen. Dösen. Reden. Umarmen. Zärtlichkeit.

Es ist nicht der Sex, der bleibt. Es ist das Gefühl, umarmt zu werden, festgehalten, die Zärtlichkeiten. Und es fängt etwas in mir an zu heilen, in diesem Bett, mit Dir. Du bist sehr gut zu mir.
Auch in meinem Kopf rückt etwas gerade. Ich dachte, mein Leben wäre wie der Sternenhimmel, immer gleiche Sternbilder, Jahr ein, Jahr aus, und mir bliebe nichts, als sie zu beobachten, wissend, welchen Verlauf sie nehmen. Aber unsere Geschichte war nicht, wie sonst üblich, nach dem ersten Absatz zu Ende. Sie hat mich überrascht; es kam anders als gedacht.

 

Epilog
Die Zeit ist abgelaufen. Ich bringe sie zum Gleis und weiss, ich muss gehen, ohne mich umzudrehen. Ich hasse den Bahnhof. Das Bett wird noch ein paar Tage nach ihr riechen.
Ich ziehe mir den Mantel meines Alltags wieder an. Bin gelassener geworden, entspannter. Und um eine Erkenntnis reicher: dass es möglich ist, dass es Platz gibt in meinem Leben für jemand anderen, und dass dieser Platz einzunehmen ist ohne Mühe.

 

 

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