Dann war die Sonne weg

Es war Abend und die Welt tat, was sie zu tun hatte: weit draussen rauschte ein Zug vorbei, irgendwo hockte ein Vogel und sang ein Nachtlied, die Wolken standen am Himmel, weil sie es mussten. Alles war wie immer.
Die Bäume versanken in weichem Licht der Abendsonne. Es wehte ein Wind, die Art von bewegter Luft, die etwas verhiess, ohne etwas zu versprechen, in der ein wenig Pathos lag. Ausserhalb der Stadt, im Garten eines winzigen Hauses, war nichts wie immer. Dort, auf einem Stück Boden von fünfhundertfünzig Quadratzentimetern, stand eine Frau.

Sie war geflüchtet. Sie hatte nur eine Jacke mit nach draussen genommen. Sie hatte die Schuhe ausgezogen, ihre Füsse versanken in der kalten Erde, sie legte den Kopf in den Nacken, sog die Luft ein und probierte, ob sie den Frühling schmecken konnte.

Sie ging einige Schritte weiter, setzte sich auf die Mauer am Rande des Gartens und zwang sich, zu denken.

„Na, auch geflüchtet?“
Sie erschrak und drehte sich nach der Stimme um. Der Ruf kam von einem, der in Jeans und Pullover den kleinen Weg nahe dem Haus entlang ging.  Sie rief „ja“.
Dann war die Sonne weg.

Er kam auf sie zu, deutete auf die Mauer. „Darf ich?“
Sie nickte, er setzte sich neben sie, sie wandte ihren Blick wieder dahin, wo sie ihn zuletzt verloren hatte. „Schön hier“, stellte er fest und sah wie sie geradeaus über die Felder. Er schwieg.
Die Stille hielt bis zu dem Moment, in dem sie ihn ansah und fragte:

„Wer bist du? Was machst du hier draussen? Was ist dein Plan?“

„Ich atme, ich reise, ich lebe, mal mehr, mal weniger. Ich rede, manchmal zu viel. Ich spiele Gitarre, meist zu wenig. Ich höre zum hundertsten Mal das gleiche Musikstück. Ich kultiviere mein Lebensgefühl wie eine kleine Pflanze in einem Topf, die ich giesse und ins Licht stelle, obwohl ich nicht weiss, was für eine Pflanze es wird, wenn ich sie weiterwachsen lasse. Dieses Lebensgefühl ist wie Liebeslieder schreiben, obwohl du gar nicht genau weisst, für wen. Du wartest eigentlich nur darauf, dass du sie triffst, für die du sie alle geschrieben hast, damit du irgendwann ein Album aufnehmen kannst und deine Band heisst wie du und du kannst es endlich schreiben, auf jedes Cover in grossen Lettern, du sagst es der ganzen Welt, in der Hoffnung, dass es genau sie, diese Eine, hört:

Hey, Du. Ja, Du:
Ich liebe Dich.

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