Dort wachsen keine Träume mehr

Wo lernen wir uns gegen die Wirklichkeit wehren
die uns um unsere Freiheit betrügen will
und wo lernen wir träumen
und wach sein für unsere Träume damit etwas von ihnen unsere Wirklichkeit wird ?
(Erich Fried)

Dort wachsen keine Träume mehr

 

 

Ich stelle mich auf die Zehenspitzen und sehe in den Spiegel. Ich sehe mir in die Augen wie einem Fremden, der mir gegenübersteht. Lege meine Hand auf meine Wange, sehe die Finger und spüre doch — nichts. Ich beuge mich nach vorne und zähle die Haare meiner Augenbrauen, die Falten unter meinen Augen, die Grübchen in meinen Wangen. Ich muss an sie denken. Sie sagt die Guten kennen die Anzahl deiner Grübchen. Sie hat genau 3. In ihrer rechten Wange. Ein grosses, und zwei winzig kleine. Ich weiss das. Ich mag sie so, wenn sie lacht.
Draussen geht eine Tür auf, leise knarrend, doch sie lässt einen kurzen Windstoss herein, Füsse nähern sich, ich sehe immer noch in den Spiegel und sehe sie im Türrahmen stehen. Ihren Körper, die verwuschelten Haare. Kommst du nach draussen? fragt sie. Ich nicke gleich, geh ruhig schon vor. Sie dreht sich um, ich höre sie in den Garten laufen und sehe noch einmal in den Spiegel. Es ist ein heisser Frühlingstag, auf meiner Stirn sammelt sich Schweiss. Ich streiche mir über den Bart, rasieren, ja, höre sie von draussen, wo bleibst du denn? wende mich ab und gehe nach draussen.

 

Auf der Wiese im Garten liegt eine grosse rote Decke, darauf hat sie zwei Teller gestellt und den Kuchen, den wir gestern gebacken haben. Es ist ein Johannisbeerkuchen. Und eigentlich hat sie ganz alleine gebacken. Ich durfte die Beeren von den Stängeln zupfen, während sie den Teig für den Boden zerkrümelte und die Beeren auf dem Boden verteilte. Sie ass die Teigschüssel leer, während der Kuchen im Ofen war, ich durfte ein bisschen vom Teig probieren, und ich durfte den Kuchen zum Abkühlen aus dem heissen Backofen holen, als er fertig war.
Ich setze mich zu ihr auf die Decke, sie springt noch einmal auf, sagt, ich solle warten, sie läuft ins Haus, um ein Messer zu holen, ich bleibe sitzen und habe einen Kloss im Hals. Und ich staune, wie schön das alles ist. Der Kuchen, der neben mir steht, sieht grossartig aus, die roten Beeren und der helle Teig, aus dem Zuckerkristalle glitzern, ein Grashüpfer hüpft über die Decke, keine einzige Wolke steht am ganzen Himmel, der Apfelbaum wirft einen Schatten über den Rasen. Und über allem liegt eine grosse Stille. Und meine grosse Sprachlosigkeit.
Sie kommt zurück, sie hat eine Kuchenschaufel mitgebracht. Ich bewundere ihren Kuchen und wie schön sie das alles hier draussen gemacht hat, sie lacht und sagt das ist doch alles von alleine da, und gut, dass du so selten den Rasen mähst, siehst du die Schmetterlinge da drüben? Und weisst du schon, wir haben ein neues Vogelnest im Apfelbaum.
Sie sagt, sie kann mit Tieren sprechen. Sie erzählt mir von den Amseln im Garten, von den Eidechsen, die sich auf den Steinen vor dem Haus sonnen. Und sie kennt die Geschichten der Regenwürmer, die sie fand, als sie im Herbst neue Erdbeeren pflanzte. Sie weiss all das, was ich nicht weiss, ihre Welt ist so viel grösser als meine. Und alles, was mir bleibt, ist ein Staunen. Ein Bewundern. Alles, was ich noch kann, ist, Autofahren, und ich kann ihr Lieder singen. Sie sagt immer, dass ich nicht singe, sondern brumme, dabei lacht sie.

Manchmal sagt sie Dinge, die ich nicht verstehe. Früher habe ich manchmal nachgefragt, habe versucht, zu verstehen, was sie meint. Doch inzwischen habe ich begriffen, dass all die Fragen müssig sind. Dass das Fragen nur ein Versuch ist, die Dinge so kompliziert zu machen, dass sie in meine Welt passen. In ihrer Welt ist alles so einfach. In ihrer Welt ist alles so klar. Manchmal wünschte ich mir ein Stück ihrer Welt für meine eigene. Ein Stück von dieser Welt, in der manche Dinge keine Erklärung brauchen. Weil sie einfach — sind.
Sie sagt, wenn es regnet, dann singen die Pflanzen. Manchmal läuft sie dann mit nackten Füssen in den Garten und legt sich auf die Wiese, um zu lauschen. In warmen Sommern bleibt sie dort manchmal die ganze Nacht. Dann bleibe ich auf, setze mich auf die Bank an der Hauswand und bewache sie. Und wenn es am Morgen immer noch regnet, dann liegt sie da, in ihrem regennassen Kleid, immer ohne Schuhe. Und sie schläft. Dann setze ich mich neben sie. Ihre Haare sind ganz nass. Und sie sieht so glücklich aus, wie sie daliegt. Wenn der Regen aufhört, hebe ich ihren Kopf an und lege einen Arm darunter, den zweiten unter ihre Beine, und trage sie ins Haus. Dort lege ich sie auf den grossen Sessel, der ganz nah am Kamin steht, decke sie zu und zünde das Feuer im Ofen an, damit sie sich nicht erkältet. Und wenn sie aufwacht, koche ich ihr Kakao und sie erzählt mir, was sie nachts im Regen gehört hat.
Manchmal gehen wir in die Stadt, nur sie und ich. Wir laufen durch die Stadt.
Im Auto auf der Fahrt zurück sieht sie stumm geradeaus. Auf der Hälfte der Strecke fragt sie, können wir anhalten? Ich muss dir etwas sagen. Ich fahre auf einen Feldweg. Der Kies knirscht unter dem Reifen, erst jetzt merke ich, dass die ganze Zeit Musik an war. Die Felder sind schon ganz grün, der Regen hat ihnen gutgetan, wer weiss, welche Lieder sie singen, hier draussen, wo sie keiner hört, denke ich, schalte den Motor ab und sehe sie an. Sie hat sich abgeschnallt und öffnet die Türe, komm, ich zeig dir was. Am Rand des Feldes wächst Klatschmohn und auf dem einzigen Baum in all der Weite sitzt ein Falke. Weisst du, wo er wohnt? fragt sie, ich weiss es nicht, aber ich glaube, er wohnt überall, wo es einen Himmel und einen Platz zum Landen gibt, sage ich. Dann möchte ich ein Falke sein. Sagt sie. Und läuft weiter. Wir gehen nebeneinander den Weg zwischen den Feldern entlang. Manchmal habe ich Angst, diese Welt könnte ihr etwas anhaben, ihr wehtun, sie könnte an all dieser Gier, diesem Leid, diesem Schmerz um uns herum zerbrechen.
Vorsichtig läuft sie über die Steine, dann in der Mitte des Weges auf dem schmalen Streifen Grün. Die Gräser sind schon ganz lang. Sie streichen an meinen Beinen entlang. Der Wind streicht über die Felder, die Blätter des Baums zittern. Irgendwo zwitschern Vögel, sie rennt los, ihre Haare und ihr Kleid flattern im Wind. Wir sind auf einem kleinen Hügel angelangt, von dem aus man die Stadt sehen kann. Sie bleibt am Rand einer Wiese stehen und schaut hinunter, dann sieht sie mich mit ihren grossen Augen an. Sag … magst du die Stadt? Der Wind weht ihr eine Strähne ins Gesicht, sie streicht sie zur Seite und wendet ihren Blick nicht von mir ab. Ich setze mich auf die Wiese und sehe ihr in die Augen. Ich weiss es nicht. Ich mag an der Stadt, dass wir dort einkaufen gehen können, dass es dort alles gibt, was wir brauchen. Das ist so schwer zu sagen. Magst du denn die Stadt? Sie setzt sich neben mich und blickt auf die Dächer unter uns. Ich weiss es nicht. Aber dort sind alle so schnell. Alle haben immer so viel zu tun. Es gibt so viele Menschen. Und immer laufen alle in dieselbe Richtung. Ich glaube, ich mag die Stadt nicht.

 

Dort wachsen keine Träume mehr.

 

Sie steht auf, nimmt meine Hand, wir gehen schweigend zurück zum Auto und fahren nach Hause.

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