Was für ein Gefühl (II)

Die Kellnerin schob die Stühle zusammen. Das Licht auf der Terrasse erlosch.
“Wir müssen gehen”, sagte sie. Ich beobachtete, wie ihre Fingerspitzen um das leere Glas vor ihr auf dem Tisch kreisten. Wir sahen uns an. Was für ein Gefühl.

Ich nickte.

Wir erhoben uns fast gleichzeitig. Auf der schmalen Treppe, die zum Parkplatz hinabführte, streifte mich der Saum ihres Rockes. Sie zog ihre Schuhe aus und lief über das angrenzende Feld. Sie lief in die andere Richtung, weg vom Parkplatz, weg von den Lichtern.
Langsam, fast zögernd ging ich ihr nach. Ich spürte das feuchte Gras unter meinen Füssen, die warme Sommerluft auf meinen Armen. Wenn wir uns auch nur für diesen einen Tag verabredet hatten, schien es doch, als flüsterten ihre Spuren im Gras “Lass uns bleiben.”
Sie stand am Fluss. Sie legte ihren Kopf an meine Schulter. Ich begann zu frieren. Ihre Lippen näherte sich meinem Mund.
“Was meinst du, wollen wir einfach so bleiben?”
Ihre Stimme klang rau.

Ich nickte.

Sie drückte ihre Lippen an meinen Hals. Ihre Hände berührten mich an der Schulter. Es schien, als wolle sie in mich hineinkriechen, mich erkunden wie ein fremdes Tier. Zwischen ihren Küssen sah sie mich an. Ihre Augen schimmerten an den Rändern durchsichtig.

“Komm”, hörte ich mich auf einmal sagen.

Ich nahm ihre Hand.

 

 

Einst hatt’ er sich ein Bild gemacht,
Es staunte, wer es sah;
Es stand in aller Schönheit Pracht
Ein junges Mädchen da.
(Johann Wolfgang von Goethe)

 

Eine gemeinsame Arbeit mit Michael.

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