Immer nie am Meer

Eine Weile lagen wir nebeneinander. Meine Hand lag auf ihrem Bauch.

In diesem Augenblick wusste ich, dass ich sie liebte. Ich wusste es, aber ich glaubte es nicht und wollte es nicht glauben.

“Es ist besser, du ziehst dich jetzt an und gehst”, sagte sie.
“Und du? Was ist mit dir?”
“Lass mich einfach noch eine Weile allein sein, ok? Ich nehme den letzten Nachtzug zurück. Wart nicht auf mich.”

Irgendetwas schnürte mir den Hals zu. Verdammt, ich hätte am liebsten losgeheult, während ich mich langsam anzog.

“Was soll das?”, wagte ich noch einen Versuch. “Hab ich was falsch gemacht? Ich meine, ist es wegen? Wir könnten doch-”

“Psst”, bat sie. “Ich bin glücklich, weisst du. Ich war nie glücklicher in meinem Leben. Bitte geh jetzt. Sieh mich nur noch ein einziges Mal an. Dann geh, bitte.”

Ich glaubte, sie weinte. Ich fühlte mich unendlich verloren, hilflos, schuldig. Wie durch einen Schleier hindurch sah ich ihren ausgestreckten nackten Körper auf den Holzdielen der Hütte liegen. Ich ging.

Die Sterne standen in einem kalten unbewegten Licht.

Ich fuhr nach Hause.

Immer nie am Meer.

 

Liebhaben von Mensch zu Mensch, das ist vielleicht das Schwerste, was uns aufgegeben ist, das Äusserste, die letzte Probe und Prüfung, die Arbeit, für die alle andere Arbeit nur Vorbereitung ist.
(Rainer Maria Rilke)

 

Aus dem Projekt Photo Paint mit Michael.

 

 

 

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